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André Gide - Die Verliese des Vatikan
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Gide, André:
Die Verliese des Vatikan

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(Bücher frei Haus)

Das nicht allzu große Werk – 208 Seiten in meiner Taschenbuchausgabe – repräsentiert erstaunlich viele Gattungen. Es ist ein satirischer Kriminal-, Familien-, Entwicklungs- und Reiseroman mit zugleich religiös-philosophischer wie literarischer Thematik. Noch vielgestaltiger ist das Personal, das dem Leser hier bereits vorgeführt werden soll. Die Hauptfigur ist ein in Paris abenteuernder junger Rumäne namens Lafcadio Wluiki, unehelicher Sohn des französischen Diplomaten Justus-Agenor Graf von Baraglioul, dessen legitimer Spross Julius sich als konservativ-bigotter Schriftsteller in Paris einen Namen gemacht hat, während des Alten Tochter die bei Pau wohnende frömmelnde Gräfin Valentine de Saint-Prix ist. Sohn Julius ist verheiratet mit Margarita, deren eine Schwester, Arnica mit Namen, ebenfalls in Pau lebt. Sie ist die Gattin von Amadeus Fleurissoire, einem der beiden Fabrikanten des „Römisch-Plastischen Kartons“, aus dem Devotionalien hergestellt werden. Veronica, die zweite Schwester von Margarita, hat den atheistischen Naturwissenschaftler Anthimos Armand-Dubois geheiratet und lebt mit ihm in Rom. Es fehlen noch Geneviève, Tochter von Julius und Margarita, und der geniale Verbrecherkönig Protos. Ziemlich viele Hauptfiguren für ein so schmales Werk – und nun geht es los mit der Handlung!

Der Rheumatiker Anthimos streitet sich zu Beginn wegen seiner Freigeisterei mit Veronica sowie der Familie des Schwagers, die zu Besuch gekommen ist. Dabei attackiert er mit seiner Krücke eine Marienfigur und erlebt kurz darauf a) seine vollständige Genesung und b) die nicht weniger wundersame eigene Bekehrung. Er bricht mit den Freimaurern, gibt Wissenschaft wie publizistische Tätigkeit auf und dient der Kirche fortan als Musterbeispiel gottgefälligen Lebens. Da er infolgedessen materiell verarmt und die versprochene Unterstützung der Kirche ausbleibt, ziehen er und Veronica nach Mailand und leben dort in ärmlichen Verhältnissen.

Lafcadio weiß nicht, dass er der Sohn des alten Grafen Baraglioul ist. Dieser fühlt sein Ende nahen und sendet Sohn Julius aus, um Kontakt zu dem ihm noch unbekannten Halbbruder aufzunehmen. Der junge Rumäne kommt gerade noch rechtzeitig ans Sterbebett. Er wird testamentarisch großzügig versorgt, darf sich jedoch nicht als Baraglioul betrachten.

Lafcadios früherer Schulfreund Protos erschwindelt sich als falscher Kanoniker in Pau eine beträchtliche Summe von Valentine de Saint-Prix. Er redet ihr ein, Papst Leo XIII. würde von Freimaurern gefangen gehalten und auf dem Stuhl Petri säße ein Doppelgänger im Dienst der Gottlosen. Valentine setzt daraufhin den ängstlich-tollpatschigen Amadeus zur Befreiung des echten Papstes nach Rom in Marsch.

In Rom treffen alle aufeinander: Lafacadio auf dem Weg nach Asien, Amadeus, der in ein Bordell verschleppt wird, Protos, der Amadeus unschädlich machen will, Julius mit Frau und Tochter – er nimmt an einem Soziologenkongress teil – und schließlich auch Anthimos mit Veronica. Protos, erneut priesterlich verkleidet, veranlasst Amadeus, mit der Eisenbahn zwischen Rom und Neapel hin- und herzufahren. Unterwegs begegnet er Lafcadio, der ihn in einem Anfall so experimenteller wie grundloser Mordlust aus dem Zug stößt. Damit kommt die verwickelte Handlung noch mehr in Fahrt und am Ende des Kuddelmuddels – aber halt, das soll der Leser jetzt noch nicht erfahren. Übrigens habe ich oben eine weitere wichtige Person noch nicht erwähnt: Carola Venitequa …

Wesentliches Merkmal der handelnden Personen, meist mit vordergründig anspielungsreichen Namen, sind ihre variablen Identitäten. Diese scheinen, gerade wie die Heiligenfiguren, ebenfalls aus einer Art Römisch-Plastischem Karton hergestellt. Anthimos wandelt sich vom Saulus zum Paulus und am Ende wieder zum Saulus. Sein Schwager legt den umgekehrten Weg zurück. Selbst der arme Amadeus gewinnt als Pilger auf besonderer Mission überraschende Einsichten und ihn verwirrende Tiefblicke. Lafcadios geistiges Gepäck scheinen die Werke von Nietzsche und Dostojewski zu sein. Insgesamt kann das 1914 erschienene Buch als unterhaltsamer Ausdruck der kulturellen Krise der Jahre vor dem 1. Weltkrieg betrachtet werden. Es spiegelt außerdem – obwohl schon 1893 angesiedelt - den innerfranzösischen Gegensatz zwischen Laizisten und Ultramontanen nach dem Ende der Dreyfusaffäre wider. Gides Prosa gleitet klassizistisch elegant über die Verwerfungen der Zeit hinweg, wie in einem atemberaubenden Solotanz. In den späteren römischen Abschnitten trägt ihn diese zuvor souverän gehandhabte Technik allmählich aus der Bahn glaubwürdigen Erzählens. Die Maskeraden werden immer toller, der allzu häufige Kostümwechsel scheint nur noch aus der Freude an ihm selbst herzurühren. Man glaubt sich zeitweise in Offenbachs „Pariser Leben“ versetzt. Amadeus ähnelt nun in Neapel dem Operetten-Baron von Gondremark. Ein weiterer Mangel des Buches: Lafcadios überragender geistiger Horizont passt offenkundig schlecht zu seinen neunzehn Jahren.

Trotz dieser Einschränkungen bleiben „Die Verliese des Vatikans“ eine amüsante und geistig anregende Lektüre, auch bei wiederholter Begegnung. Ihre wesentliche Bedeutung für Gide selbst dürfte darin bestanden haben, dass sie eine Vorübung für sein späteres Meisterwerk „Die Falschmünzer“ gewesen sind. Der Autor erkannte dem Buch von 1914 nur den Rang einer längeren Erzählung zu, denn das Werk von 1925 hat folgende Zueignung: „Dieses Buch, meinen ersten Roman, widme ich Roger Martin du Gard, im Geiste einer tiefen Freundschaft.“

[*] Diese Rezension schrieb: Arno Abendschön (2011-07-11)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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