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Rezensionen


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Maxim Gorki - Meine Kindheit
"Meine Kindheit" (1913) ist der erste von Maxim
Gorkis (1868-1936) drei autobiographischen Romanen. Er
beginnt mit dem Tod des Vaters und endet mit dem der Mutter.
Dies ist der Rahmen, in dem Gorki als Ich-Erzähler von den
Widrigkeiten seines frühen Lebens (1868-78) berichtet. Gorki
lebt bei seinen Großeltern in Nishnij Nowgorod, lernt von
seinem Großvater Altkirchenslawisch und wird durch die
Großmutter mit der mündlich überlieferten Volkspoesie, aus
der einige Stücke auch in den Roman gefunden haben, bekannt
gemacht. Die Verhältnisse sind ärmlich, überall regiert die
hässliche Gewalt, sie ist die Sprache der einfachen Leute,
Trost liegt im Wodka und der Anrufung Gottes vor
kerzenerleuchteten Ikonenbildchen, das Überleben lässt sich
oft nur durch kleine Diebstähle und Betrügereien sichern.
Gorki wird immer wieder geschlagen, muss deswegen einmal
tagelang das Bett hüten. Da tritt auch der Großvater, der
ihn so schlimm zugerichtet hat, an ihn heran und erklärt: "Glaubst Du vielleicht, ich habe keine Schläge
bekommen? Mich, Aljoscha, hat man so geschlagen, wie du es
im schlimmsten Traum nicht träumen wirst. Man hat mir so weh
getan, daß wohl der Herrgott selber geweint hat, als er es
sah!". Alles Übel pflanzt sich fort.
Die Menschen in ihrem Elend sind einander keine Stütze,
sondern verhalten sich grausam gegenüber ihren nächsten,
machen sich das Leben zusätzlich schwer: "Aus der Beobachtung der Zwistigkeiten zwischen den
Mietern wußte ich, daß sie sich für eine Kränkung aneinander
rächten, indem sie Katzen die Schwänze abhackten, Hunde
vergifteten, Hähne und Hühner umbrachten oder sich nachts in
den Keller ihres Feindes schlichen, wo sie Petroleum in die
Gurken- und Sauerkohlfässer gossen oder den Kwaß auslaufen
ließen[...]"
Was fühlt ein Kind, das in solch einer fast lichtlosen Welt
aufwachsen muss? "Es gab viel Interessantes im Haus [der Großeltern],
viel Spaßiges, und dennoch würgte mich bisweilen eine
unüberwindliche Traurigkeit, etwas Schweres,
Niederdrückendes erfüllte mich, so daß ich lange Zeit
hindurch wie in einer tiefen dunklen Grube lebte, mein
Gesicht, mein Gehör, alle meine Empfindungen verlor und nur
noch blind dahindämmerte...".
Aber niemand kann seinem Schicksal entrinnen, er muss es
tragen. Alles Leid, das sich in seinem Wesen nicht mehr
ändert, führt über lange Zeit zu Abstumpfung, Gleichmut: "Sowohl ihre [der Menschen] Tränen und ihr Geschrei als
auch all ihre gegenseitigen Quälereien, die so häufig
aufflammten und so rasch erloschen, wurden für mich zu etwas
Gewohntem, erregten mich immer weniger, bewegten mein Herz
immer schwächer."
Macht es Sinn, wenn ein Autor so von seiner Kindheit
berichtet? Würde man heutzutage darüber nicht verächtlich
sagen: Nabelschau!? Gorki beantwortet die Frage in seinem
Roman selbst, und er hat Recht:
"Wenn ich mich all dieser bleiern lastenden
Scheußlichkeiten des rohen russischen Lebens erinnere, frage
ich mich bisweilen: Lohnt es sich denn, davon zu sprechen?
Und mit voller Überzeugung sage ich zu mir selbst - es lohnt
sich; denn diese zählebige, gemeine Wirklichkeit ist bis auf
den heutigen Tag nicht verreckt."
Gorki ist es gelungen, trotz des autobiographischen
Charakters und der Ich-Perspektive des Werkes eine
einigermaßen objektivierte Schilderung seiner frühen
Kindheit abzugeben. Er beobachtet sich selbst und das Umfeld
seiner Vergangenheit aus einer gesunden Distanz heraus, so
dass ein egozentrischer Tagebuchstil und eine oft damit
verbundene pure Wehleidigkeit geschickt vermieden werden.
Gorki konzentriert sich auf die Beschreibung von Geschehen,
er gibt Dialoge wieder und flicht nur gelegentlich
Ausschnitte seiner Gedankenwelt in den Roman ein.
Ein Beispiel seines Schilderungsreichtums sei hier
abschließend gegeben, es zeigt, dass selbst ein sehr
beschwerliches Leben noch schöne Momente hat:
"Am violetten Himmel entfaltet sich der Fächer der
Sonnenstrahlen, der Himmel wird blau. Dem Auge unerreichbar,
jubiliert hoch oben eine Lerche, und alle Farben und Töne
durchsickern die Brust wie ein Morgentau; sie rufen ruhige
Freude hervor, wecken den Wunsch, rasch aufzustehen, ein
Werk in Angriff zu nehmen und mit allem Lebendigen ringsum
gut Freund zu sein".
Es ist ein erster Hinweis darauf, wie der ältere Gorki all
dieses Elend überwinden wird: ein Werk in Angriff nehmen ---
[*] Diese Rezension schrieb: Arne-Wigand Baganz (2005-05-24)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.
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