Biographien Rezensionen Diskutieren im versalia-Forum Das versalia.de-Rundschreiben abonnieren Service für Netzmeister Lesen im Archiv klassischer Werke Ihre kostenlose Netzbibliothek

 


Rezensionen


 
Alexander Malyschkin - Sewastopol
Buchinformation
Malyschkin, Alexander - Sewastopol bestellen
Malyschkin, Alexander:
Sewastopol

Bei amazon bestellen

(Bücher frei Haus)

Da ist ein Held, und er wird sich wie in der Mehrzahl aller Romane als ein problematischer erweisen, Schelechow sein Name, Seemann unter Waffen seine Profession. Sozialisiert wurde der junge Kerl im spät-zaristischen Russland, in einer Junkerschule im bei Petersburg gelegenen Oranienbaum erhielt er die Offiziersweihe. Das ganze Leben liegt, da er die Ausbildung abgeschlossen, vor ihm. Schelechow kann im Dienste des Staates Karriere machen, sich ein liebenswürdiges Weib suchen, gelegentlich ein bißchen über die mentalen Auswürfe eines trockenen, deutschen Knochens namens Immanuel Kant nachdenken, ganz einfach nach den in Kindheit und Jugend erworbenen Werten glücklich werden...

Aber: Gar nicht einfach. Der Konflikt, den der zur Schwarzmeerflotte abkommandierte Schelechow austragen muss, ist ein historischer: Februarrevolution und Leninscher Oktoberumsturz haben Russland aus den Angeln gehoben. Die Menschen sind, das Volk ist irritiert. Um die Macht wird gekämpft. Auf welche Seite muss man sich schlagen, um seinen Hintern auch künftig ins Warme zu bekommen? Wer hat die besseren Argumente? D.h. in Russland: Welche Seite übt die erfolgreiche Gewalt aus?

Schelechow lebt auf einem Schiff vor der Krimstadt Sewastopol. In ihr erstrahlt noch der alte Glanz: Kinos zeigen die neuesten Filme, in Cafés wird gelärmt und gelacht, Frauen flanieren die Boulevards entlang, Matrosen durchstreifen die Stadt auf der Suche nach Liebesabenteuern. Ein aus bolschewistischer Sicht zum Untergang verdammtes bürgerlich-dekadentes Milieu, das Schelechow aber doch anzieht. Die neue Gleichmacher-Moral hat ihn noch nicht ganz und gar durchdrungen. Er verliebt sich in Sheka, natürlich unglücklich. Liebesgeplänkel, Treffen im Dunkeln. Sheka hat einen anderen, der kämpft noch im Weltkrieg... Sie wird sich für ihn entscheiden.

Und dann das Erstarken der Bolschewiki. Versammlungen, Reden, Aufruhr - Lynchjustiz bei Tag und Nacht. Der Offiziersrang wird abgeschafft. Schritt für Schritt sinkt Schelechow, bis er ein Nichts ist, das sich ganz und gar in der Masse, die künftig alles sein soll, verliert. Ein unbedeutender roter Punkt am Horizont, der gegen die Weißen zu Felde zieht, damit das totalitäre Experiment unter dem Banner des Kommunismus durchgeführt werden kann.

Alexander Malyschkin (1892-1938), der Autor des zwischen 1926 und 1931 entstandenen Romans, ist in der Sowjetunion seinerzeit schwer angegriffen worden: die ersten beiden Teile von "Sewastopol" wurden in einer Zeitschriften-Serie veröffentlicht - wer konnte bei dieser Vorgehensweise ahnen, ob der Held Schelechow wirklich, wie man es selbstverständlich erwartete, zum Sowjetkommunismus finden würde oder nicht?

Der regime-treue Sowjetkritiker Fadejew schrieb 1929 über die ihm vorliegenden Teile von "Sewastopol":

Zitat:

Solange der Roman noch nicht beendet ist, läßt sich schwer sagen, ob Schelechow, der Held des Romans, die Revolution des Proletariats verstehen und mit ihr verschmelzen oder ob er unter seiner individualistischen Last zusammenbrechen wird.

Fadejew, Alexander: Über Literatur. Berlin 1973. S. 312.

Schelechow hat die "individualistische Last", die doch seine ganze Freiheit war, nicht tragen können. Als Mensch hat er sich aufgegeben - um Bolschewik zu werden.

[*] Diese Rezension schrieb: Arne-Wigand Baganz (2007-11-14)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



-> weitere Bücher von Alexander Malyschkin ansehen

->  Stichwörter: Stalinismus

-> Möchten Sie eine eigene Rezension veröffentlichen?

[ weitere Rezensionen : Übersicht ]

 



Aus unseren Buchrezensionen


Geständnis einer MaskeMishima, Yukio:
Geständnis einer Maske
Wie fühlt sich ein bunter Vogel, den der graue Strom der Gleichen ausspuckt, so oft er in ihm auch untergehen will, um nicht er selbst sein zu müssen? Mit welchen Tricks versucht ein solcher Vogel, vor den anderen wie die anderen zu sein? Nachahmung, Tarnfarbe, Masken. Der japanische Schriftsteller Yukio Mishima (1925–1970) zeigt in [...]

-> Rezension lesen


 Madame BovaryFlaubert, Gustave:
Madame Bovary
Gustave Flauberts (1821-1880) erster großer veröffentlichter Roman "Madame Bovary" erschien gegen Ende des Jahres 1856 in einer Serie der "Revue de Paris" und brachte dem Herausgeber dieser Zeitschrift, ihrem Drucker als auch dem Autoren schon im Folgejahr einen Prozess wegen Verstoßes gegen die öffentliche und [...]

-> Rezension lesen


Sterne erben, Sterne färbenBodrozic, Marica:
Sterne erben, Sterne färben
Meine Ankunft in Wörtern "Schmetterlingsflattern in der Kehle, an der Stelle, an der die Wörter aufkommen, wie Wellen am Strand." Wie könnte man den Gegenstand dieses Werkes plausibler vermitteln als ein bekanntes Beispiel wie Sartres "Die Wörter" heranzuziehen. Worum geht es also? Um Wörter, Sprache, Sprache [...]

-> Rezension lesen


 Stalin. Am Hof des roten ZarenMontefiore, Simon Sebag:
Stalin. Am Hof des roten Zaren
Geschichte wird von Menschen immer wieder neu geschrieben, selbst dann, wenn der zu einem Thema vorliegende Quellenbestand seit den letzten "Auswertungen" keine Veränderungen erfahren hat. Jeder Schreibende nämlich sieht die Geschichte vor seinem je eigenen Horizont und stellt sie entsprechend nach seinen Möglichkeiten dar. [...]

-> Rezension lesen


Anmelden
Benutzername

Passwort

Eingeloggt bleiben

Neu registrieren?
Passwort vergessen?

Neues aus dem Forum


Gedichte von Georg Trakl

Verweise
> Unser Buchladen
> Lyrikband seelengruende
> Neue Gedichte: fahnenrost
> Kunstportal xarto.com
> Suchmaschine z3ro.net



005 Micro Button 3  88x31 / SBS

Das Fliegende Spaghettimonster

netzbibliothek | Anti-Literatur | Buchladen | Topliste | FAQ | Impressum | Rechtliches | Partnerseiten | Seite empfehlen | Schlesien | RSS

Systementwurf und -programmierung von zerovision.de

© 2001-2017 by Arne-Wigand Baganz

v_v3.31 erstellte diese Seite in 0.025505 sek.