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Christa Wolf - Medea. Stimmen
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Wolf, Christa:
Medea. Stimmen

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(Bücher frei Haus)

Medea
Portrait einer ungewöhnlichen Frau

Sie ist eine faszinierende Figur, wild und zugleich sinnlich. Ihre buschigen Haare, Symbol ihrer Wildheit, zähmt sie nicht, passt sich nicht an die Ordnung der Korinther an, fällt durch Selbstbewusstsein und Stolz auf.
In Klochis war sie eine hoch angesehene Heilerin, in Korinth schimpft man sie Hexe, obwohl viele Korinther ihre Dienste heimlich in Anspruch nehmen.
Mit ihrer außergewöhnlichen Erscheinung hat sie den Griechen Jason in ihren Bann gezogen, ihre Ausstrahlung und Reize finden auch andere Männer anziehend.
Aber die Magie, die von ihr ausgeht, beschränkt sich nicht allein auf ihr Äußeres. Es scheint, als ob sie mit ihren goldbraunen Augen in die verschlossensten Seelen blicken und sie verstehen könnte. Der beste Beleg dafür findet sich in der Behandlung der schwer kranken Glauke, die sie psychologisch analysiert und deren Heilung sie anstrebt.
Mit Zärtlichkeit und Einfühlungsvermögen widmet sie sich Glauke und schafft auf Anhieb eine Vertrauensbasis, die es Glauke ermöglicht dem Mord an ihrer Schwester schrittweise anders als mit Verdrängung zu begegnen. Es ist die Menschenkenntniss, die Medea sicher und selbstbewusst selbst unter Fremden macht.
Medea ist ignorant. Sie kümmert sich nur um diejenigen, die sie interessieren, nicht um diejenigen, denen sie aus unterschiedlichen Gründen verpflichtet ist, und es interessieren sie nur diejenigen, die besonders sind.
An der durchschnittlichen Agameda hat Medea kein Interesse, obwohl durch den Tod der Mutter, die ihre Freundin war, zur Fürsorge verpflichtet. Doch Medea geht dieser Verpflichtung nicht nach, kümmert sich nicht allzusehr um Agameda und unternimmt nicht einmal den Versuch, ihre Wut auf sich nachzuvollziehen.
Eine für sie interessante Persönlichkeit ist sie natürlich selber, was auf der einen Seite zu Hochmut, auf der anderen Seite allerdings zu ehrlicher, kritischer Selbstreflexion führt. So ist sie sich ihres aufgesetzten Verhaltens bei dem Fest des Königs bewusst und missbilligt dies offen vor sich selbst.
Doch nicht nur die Menschen durchschaut sie, sondern auch die gesellschaftlichen Ordnungen. Einiges kann sie nicht verstehen, so zum Beispiel die Gier der Korinther nach Gold, doch sie durchschaut das Lügenkonstrukt, aus dem die Korinther Gesellschaft besteht, erkennt die Toleranzgrenzen und ist doch aus Überzeugung nicht bereit, sich azupassen.
Medea will die Menschen ändern, will sie befreien von ihren persönlichen und gesellschaftlichen Fesseln, analytisch beobachtet sie um dann mit viel Gefühl an die Arbeit zu gehen.
Doch sie versucht nicht nur, den blockierten Fluss der Gefühle der anderen wieder zu lösen, sondern lässt ihre eigenen Gefühle zu und sich von ihnen leiten. Sie erlaubt sich Wut und Hass, sogar gegen den eigenen Vater, Schuld und Reue über den Verrat an der Heimat, Zuversicht, Hoffnung und Glück. Lediglich Verzweiflung lässt sich nicht bei ihr finden.
Neutral, fast schon gleichgültig blickt sie ihrem Schicksal entgegen, sieht es, erkennt es, erwartet es, sträubt sich nicht dagegen und will es doch nicht wahrhaben - oder zumindest nicht zuegeben, das es unaufhaltsam auf sie zukommt.
Medea ist unbelehrbar. Den Warnungen der Freunde schenkt sie keine Beachtung, Jasons Forderungen nach Anpassung widerspricht sie, selbst als deutlich wird, dass sie ihn dadurch verlieren wird. Obwohl sie die Flucht aus Kolchis bereut, handelt sie in Korinth keinen Funken weiser sondern widerholt, was sie schon aus Kolchis getrieben hatte - die Auflehung gegen den Hof und die bestehenden Machtverhältnisse.
Sie ist unschuldig der Taten die man sie bezichtigt, dem Brudermord, dem Kindsmord und dem Mord an Glauke, doch schuldig ist sie in ihrer Auflehnung gegen die politische als auch gesellschaftliche Ordnung sowohl Korinths als auch Kolchis`.
Dabei ist zu bemerken, dass sie auf halbem Wege stehen bleibt. Wie in einer Schwebe verharrt sie zwischen Auflehnung und Stillschweigen, deshalb ihre Lähmung, die Akzeptanz ihres Schicksals. Sie ordnet sich nicht ein, passt sich nicht an, ignoriert nicht die Umstände in denen sie leben muss, vollendet ihre Rebellion allerdings auch nicht, gibt das Geheimnis der ermordeten Iphinoe nicht preis mit der für sie untypischen Begründung, die könne damit nichts ausrichten, man würde ihr nicht glauben.
Somit opfert sie sich, liefert sich durch ihre Auflehnung auf und bringt es doch nicht zu Ende, ist dann doch zu mutlos, zu feige, den Korinthern die Wahrheit über ihre Politik zu sagen.
Medea ist eine vielschichtige Figur und dementsprechend unterschiedlich wird sie von den anderen Romanfiguren aufgefasst.
Ihre Freunde empfinden sie als eine vertrauenswürdige, verständnisvolle Gesprächspartnerin, mit dem Makel, dass sie zu unabhängig und unbeirrbar ist.
Ihre Feinde sehen sie als eine ernste Bedrohung, als berechnende Führungspersönlichkeit, die mit ihrer Wahrheitssuche die Stabilität Korinths gefährdet.
Zu facettenreich ist ihre Persönlichkeit um sie als „die Gute“ oder „die Böse“ typisieren zu können, mit Sicherheit allerdings lässt sich sagen, dass Medea keine bösartigen Ziele verfolgt.
Medea wird trotz ihrer starken und beeindruckenden Persönlichkeit als schwacher Sündenbock gezeigt. Sie hat diesen Status provoziert, ohne sich dabei als entschiedene Angreiferin und Feindin Korinths zu bekennen.
Auf die Verbannung, die ihr vor Augen führt, dass sie als Flüchtling lediglich solange in Korinth geduldet wird, wie sie sich ruhig verhält, reagiert sie mit Flüchen, nicht in der Lage, dies als notwendige Reaktion eines skrupellosen und machtgierigen Königshauses zu akzeptieren und hinzunehmen.

[*] Diese Rezension schrieb: Ragna Quellmann (2008-06-10)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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