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Gerammt!


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Autor
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Thema: Gerammt!
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ArnoAbendschoen
Mitglied
 133 Forenbeiträge seit dem 02.05.2010

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| Eröffnungsbeitrag |
Abgeschickt am: 25.08.2012 um 19:05 Uhr |
Juli 2012, Berlin-Wedding, Müller-/Ecke Seestraße. Auf dem
Gehweg ist es gerade besonders voll, eben ist eine U-Bahn
von Süden gekommen, hat einen Teil ihrer Fracht über die
Steintreppe hinauf an die Oberfläche entlassen: „ …
knüppeldick voll Menschen, die haben alle was zu tun.“ So
steht es in Döblins "Berlin Alexanderplatz", und
so ähnlich geht es hier noch immer zu.
Unter den Menschen ist ein junger, um die zwanzig, sehr
groß, nicht übel aussehend, könnte zum Beispiel Student
sein. Sobald er die Treppe hinter sich hat, knallt er sein
Skateboard auf den Gehweg und brettert ohne Rücksicht auf
die Übrigen los. Hui! wie sie zur Seite stieben … Aber einen
erwischt er doch am Fuß, hart am Knöchel. Das Opfer sieht
ihm äußerlich ähnlich: auch er ein junger Mann, groß,
kräftig. Und der brüllt jetzt los, brüllt so laut und lange,
dass sein Gegner, der schon ein Stück weitergezischt ist,
tatsächlich stoppt, den Fuß vom Brett nimmt und sich
umschaut. Der Gerammte – man sieht es ihm an, man hört’s
auch am Ausdruck der Stimme, die brüllt – er würde dem
andern gern hinterher, ihm die Fresse polieren oder eine
Kopfnuss verpassen oder … Aber er bleibt stehen, verstummt.
Ihn hemmt nicht nur der Schmerz da unten, er verbietet sich,
was die erste Regung verlangte: zurückzuschlagen.
Und der andere? Zuckt bloß mit einer Schulter, hat sich
schon wieder umgedreht und schießt weiter durch die Menge,
die sich in Acht nimmt.
Während ich das beobachte, kommt mir eine Erinnerung. Ein
Kollege von mir ist mal durch Höllenlärm aus der Wohnung
unter ihm aufgescheucht worden: extrem laute Musik. Er hat
also da geklingelt und die neuen Nachbarn, ein junges
Pärchen, auf diese Weise erst kennengelernt. Sie haben sich
so rechtfertigt: „Wir brauchen das, wir sind in einem
Einfamilienhaus groß geworden …“
Empathie ist doch das Modewort des Jahrzehnts. Doch je mehr
es gebraucht wird, umso öfter tritt dieser neue Menschentyp
auf: alle in Einfamilienhäusern groß geworden, wie es
scheint, und achselzuckend, wenn sie einen verletzt haben.
Wenn die Augen geschlossen sind, beginnt die wahre Welt. (Gore Vidal, The City and the Pillar, dt. Geschlossener Kreis)
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RolandT
Mitglied
 4 Forenbeiträge seit dem 29.12.2012

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| 1. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 02.01.2013 um 20:01 Uhr |
Hallo Arno,
was interessieren mich schon die Gefühle der anderen.
Heutzutage zählt nur noch das ich und sonst rein gar nichts.
Gegenseitige Achtung und Rücksichtsnahme? Bittschön, für
mich schon, aber für andere? Nein, das geht doch gar nicht.
Wenn ich heutzutage mit sehenden Auge durch die Wirren
unseres Alltages spaziere, fällt mir immer wieder auf, das
Anstand etwas ist, was nur für andere mir persönlich
gegenüber gilt, was ich selbst in Anspruch nehmen möchte.
Anstand für einer meiner? ja selbstverständlich. Im
Umkehrschluss gedacht: Anstand gegenüber anderen ist doch
nun wirklich nicht notwendig! ;-)
Sigmund Freud hätte an der Beobachtung unserer heutigen
Menschen seine wahre Freude. Wie würden seine Schriften
heutzutage wohl ausfallen?
Mit zwinkernden Grüßen Roland
Liebt das Buch. Es wird euch freundschaftlich helfen, sich im stürmischen Wirrwarr der Gedanken, Gefühle und Ereignisse zurechtzufinden. Maxim Gorki
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ArnoAbendschoen
Mitglied
 133 Forenbeiträge seit dem 02.05.2010

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| 2. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 02.01.2013 um 20:52 Uhr |
Ja, Roland, so scheint es - aber vielleicht sollten wir
trotzdem die Sache differenziert betrachten. Zu Freuds
Zeiten z.B. gab es Kriege nach außen und blutige
Auseinandersetzungen im Innern, auch hier in Mitteleuropa
(z.B. die Unruhen in Wien im Juli 1927 mit 89 Toten).
Könnte es nicht sein, dass das Aggressionspotential zu jeder
Zeit da ist und die Quantitäten sich vielleicht gar nicht
sehr unterscheiden, nur dass in jeder Generation die Gewalt
ein anderes Gesicht hat?
Auf jeden Fall: Nicht alles schulterzuckend hinnehmen. Jede
Zeit muss wohl ihr eigenes Gewaltproblem in den Griff
kriegen.
Schönen Abendgruß
Arno
Wenn die Augen geschlossen sind, beginnt die wahre Welt. (Gore Vidal, The City and the Pillar, dt. Geschlossener Kreis)
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RolandT
Mitglied
 4 Forenbeiträge seit dem 29.12.2012

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| 3. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 02.01.2013 um 21:15 Uhr |
Diese Nachricht wurde von RolandT um 21:17:31 am 02.01.2013
editiert
Diese Nachricht wurde von RolandT um 21:16:35 am 02.01.2013
editiert
Hallo Arno,
mag sein, das die Zustände in der Zeit eines Sigmund Freud
andere waren. Ich persönlich sehe in der unseren, einen
gewaltigen Rückschritt in Gange. Wenn ich in meine Kindheit
und Jugendzeit zurückblicke, habe ich noch so etwas wie
gegenseitige Rücksichtsnahme und Achtung dem gegenüber mit
auf meinen Lebensweg bekommen. Diese Tugenden so scheint
mir, sind heutzutage eher rückläufig.
Keine Ahnung, ob ich mich hier mit meiner Sicht auf die
Dinge irre. Aber wenn ich Beispielsweise eine gewisse
Zuvorkommenheit in Bus, Zug oder Straßenbahn gegenüber
unseren älteren Mitmenschen anschaue, ja dann kommt mir
immer wieder ein äußerst fader Beigeschmack hoch, ob in der
Zwischenmenschlichkeit noch alles so ist, wie es eigentlich
sein sollte. Ein übler Egoismus vieler Zeitgenossen ist
Landauf und Landab nicht mehr zu übersehen.
Überlebensnotwendig ist dies alles gewiss für den einzelnen
nicht, dessen bin ich mir bewusst. Nur, wo kommen wir ohne
jegliche Etikette im zusammenleben mit den anderen hin, wenn
sich ein jeder von uns so benimmt, als gäbe es den Gegenüber
nicht?
Schmunzelnd, oder vielleicht doch nicht?
Einen angenehmen Abend noch. Herzlichst Roland
Liebt das Buch. Es wird euch freundschaftlich helfen, sich im stürmischen Wirrwarr der Gedanken, Gefühle und Ereignisse zurechtzufinden. Maxim Gorki
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raimund-fellner
Mitglied
 70 Forenbeiträge seit dem 13.11.2011

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| 4. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 20.01.2013 um 07:22 Uhr |
Diese Nachricht wurde von raimund-fellner um 07:25:16 am
20.01.2013 editiert
Diese Nachricht wurde von raimund-fellner um 07:24:54 am
20.01.2013 editiert
Lieber Arno Abendschoen,
ich als Philosoph, der versucht Allgemeingültigkeiten zu
finden, will diese exemplarische Begebenheit zum Anlass
nehmen, um eine Betrachtung ganz im Allgemeinen anzustellen.
Grundsätzlich meine ich, dass die Welt weder besser noch
schlechter wird. "Die Summe des Bösen" bleibt
immer gleich, (wie auch übrigens die Kirche meint.) Was sich
ändert, sind nur die Erscheinungsformen des Bösen. Diese
sind zeitbedingt. (Skateboards gab ´s vor 40 Jahren noch
nicht.) Wegen neuer Erscheinungsformen des Bösen meinen
vielleicht etliche ältere Menschen: "Früher war alles
besser." Rücksichtslosigkeit unter den Menschen gab ´s
immer schon. Sie wird nicht mehr und nicht weniger. Nur die
Gestalten der Rücksichtslosigkeit ändern sich zeitbedingt.
(Vor hundert Jahren konnte man keine laute Musik hören. Da
war man halt in anderer Weise rücksichtslos.)
In diesem Sinne
Raimund Fellner
Raimund Fellner
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ArnoAbendschoen
Mitglied
 133 Forenbeiträge seit dem 02.05.2010

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| 5. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 20.01.2013 um 13:58 Uhr |
Danke, Raimund, für deinen Kommentar. Im Großen und Ganzen
bin ich derselben Auffassung wie du. Allerdings halte ich
für möglich, dass äußere Umstände das immer vorhandene
Potential des Bösen zeitweise verstärken oder zumindest
augenfälliger werden lassen.
Was mir wenig wahrscheinlich vorkommt: dass ein Einzelner
sich ein zuverlässiges Urteil über Zu- oder Abnahme der
Manifestationen des Bösen während seiner Lebenszeit bilden
kann. Dafür sind wir zu ungenaue Messinstrumente, die
außerdem noch einem Alterungsprozess unterworfen sind.
Arno Abendschön
Wenn die Augen geschlossen sind, beginnt die wahre Welt. (Gore Vidal, The City and the Pillar, dt. Geschlossener Kreis)
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schacli
Mitglied
 5 Forenbeiträge seit dem 25.01.2013
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| 6. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 28.01.2013 um 11:26 Uhr |
Diese Nachricht wurde von schacli um 11:28:40 am 28.01.2013
editiert
Ich merke auch das Egoismus in unserer Welt zunimmt, aber
ich kann mich da leider selber nicht ausnehmen. Man schaut
halt doch erstmal auf sich selbst. Ich habe auch einen
Nachbarn über meiner Wohnung, der gerne mal seinen Bass zu
laut aufdreht. Ich kann das 1-2mal am Wochenende
akzeptieren, wenn eine Party gefeiert wird. aber doch nicht
unter der Woche, wenn man am nächsten Tag arbeiten muss!
Ich weiß aber nicht ob es im ominösen früher besser war.
Rücksichtslose Menschen gab es schon immer und wird es immer
geben.
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ArnoAbendschoen
Mitglied
 133 Forenbeiträge seit dem 02.05.2010

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| 7. Antwort - Permalink - |
Abgeschickt am: 28.01.2013 um 12:12 Uhr |
Danke, schacli, für deine Meinungsäußerung. Wie oben schon
angedeutet, bleibe ich vorsichtig, wenn es darum geht, ob
insofern früher die Zustände insgesamt erfreulicher waren
oder nicht.
Man muss auch feststellen, dass manche Formen rüden
Verhaltens, die noch vor 20, 30 Jahren massenhaft vorkamen,
heute gesellschaft geächtet sind und, wenn sie doch
auftreten, offensiv angegangen werden. Keiner bläst einem
heute mehr im Restaurant oder Eissalon Zigarettenqualm über
den Teller - früher ganz normal. Und die Befriedigung
eigener sexueller oder sadistischer Bedürfnisse durch
Missbrauch Minderjähriger oder Abhängiger dürfte inzwischen
auch viel schwieriger und damit hoffentlich auch seltener
geworden sein.
Was den leidigen Musiklärm aus fremden Wohnungen angeht, das
war auch vor 30, 40 Jahren schon ein Problem, nach meiner
Einschätzung kein kleineres als heute.
Arno Abendschön
Wenn die Augen geschlossen sind, beginnt die wahre Welt. (Gore Vidal, The City and the Pillar, dt. Geschlossener Kreis)
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