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Liebestod mit Doubles
Autor: ArnoAbendschoen · Rubrik:
Kurzgeschichten

1

Ich war Hoffmanns Kameramann beim Interview mit Marian Matecki, dem Regisseur von "Liebe und Tod in Masuren". Jaron saß neben Olek und dem Filmemacher auf dem Podium und sagte kein einziges Wort. Mein Gott, wie schön er war … Und wie gleichgültig war mir jetzt das, was der Meister auf Englisch von sich gab. Dabei sagte Matecki nichts über die Finanzierung des Films: deutsches Geld für polnische Filmkunst. Jaron sah ständig zu ihm hinüber und ich brachte Jaron so gut wie nur möglich ins Bild: sein dunkelblondes Haar über dem Rundschädel, das ebenmäßige, friedvolle Gesicht, die Stämmigkeit andeutende Schulterpartie. Wie Hoffmann später einmal sagte: Er war ein göttliches Landei, wenn auch in Wahrheit aus Warschau kommend. Aber er hatte einen Mörder aus Masuren gespielt, nach einem authentischen Fall … Der schwarzhaarige, schlaksige Olek sagte ab und zu etwas Kluges.

Nachher gingen wir alle in die "Bar Zopot". Marian redete unaufhörlich weiter, so als wäre das Mikrofon noch nicht abgeschaltet, und schob zugleich für die Presseleute Olek ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Olek war im Film von Jaron erdrosselt worden, dafür jetzt umso lebhafter … Jaron saß allein und selbstzufrieden, so schien es von weitem, an seinem kleinen Tisch an der Seitenwand und trank Pilsner aus der Flasche. Ich setzte mich zu ihm, schaute ihn an. Aber er sah nur stumm zu mir herüber, ausdruckslos. Er kam mir vor wie ein Stein, den man erst glattreiben, polieren müsste, damit er glänzt. Ich fing damit an, stellte ihm auf Englisch eine Frage: Ob er mit der überwiegend positiven Reaktion des Publikums gerechnet habe, zufrieden sei? Er schwieg eine Weile und sagte dann auf Deutsch, das er erstaunlich gut sprach, mit nur wenig Akzent: „Ich weiß nicht. Das ist so eine Sache …“ Ich verstand ihn sofort, er wollte nicht auf Rollen wie diese festgelegt werden.

Jaron war vierundzwanzig und sah viel jünger aus. Im Film nahm man ihm ohne weiteres den Neunzehnjährigen ab. So unverbraucht und fast unberührt er wirkte, er war schon länger im Ausland gewesen, auch ein knappes Jahr in Berlin. – „Und was hast du da gemacht?“ – „Bin viel spazieren gegangen. Und hab ein bisschen Tanzen gelernt.“ Auch das überraschte mich, dabei konnte es das kaum, gehört Tanzen doch zu diesem Beruf. Aber ich sah noch so sehr den Arbeiter vom Land in ihm, den er im Film gespielt hatte, als säßen wir zwei nicht in einer Bar in Warschau und versuchten ein Gespräch über das Handwerk des Filmemachens zu führen.

„Du hast vorhin nichts gesagt und sie haben dir auch keine einzige Frage gestellt.“ – „Ist schon okay. Olek kann das besser. Und wer spricht schon gern mit einem Mörder …“ Das hätte ein kleiner Scherz sein können, wenn er dazu gegrinst oder es wenigstens um die Mundwinkel gezuckt hätte. Er blieb noch immer ausdruckslos und sah mich kaum an, sogar dann noch nicht, als ich ziemlich plump ergänzte: „ … vor allem nicht, wenn es ein schwuler Mörder ist und einer, der nicht mal ein richtiges Motiv hat.“

Auf einmal sagte er, er würde gern wieder eine Weile in Berlin sein. Da könne er versuchen, Kontakte zu knüpfen, und würde vielleicht sogar ein Angebot bekommen. Keine Frage, dass ich ihm gleich anbot, bei mir zu wohnen. Und so fuhr er schon am nächsten Tag mit mir und der Dokufilm-Crew nach Westen. Als wir über die Oder rollten, legte er kurz seine Hand auf meinen Oberschenkel und zog sie nach Sekunden wieder zurück, mehr nicht. Doch mir kam’s nachher lange und nachdrücklich vor.


2

Ich küsste ihn aufs rechte Schulterblatt, als er am zweiten Tag in Berlin einmal vom Küchenfenster in den Hof sah. Er trug nur ein hellgraues, ärmelloses Unterhemd, das diese mächtigen Schaufeln und die gebräunten Muskelkugeln seiner Oberarme nackt zeigte: verlockend. Jaron ließ es geschehen, weiter ernst dreinblickend, stumm bleibend. Nur aus der nachgiebigen Reaktion seiner Haut und dem leichten Vibrato der Atmung schloss ich, dass es ihm nicht unangenehm war. Meine Hand berührte seinen Nacken, strich am Hinterkopf über das leicht lockige, sehr dunkle Blond seiner Haare. Er blieb passiv, seufzte leicht. War es schon lustvoll für ihn? Ich wollte ihm Zeit lassen und wandte mich ab, fragte nach seinen Plänen. Er hatte keine oder verriet sie nicht und zuckte mit den Achseln.

Einige Tage später versuchte ich es abends wieder, mit mehr Erfolg. Er stand mitten im Wohnzimmer, unschlüssig wirkend. Ich berührte sanft seine Brust, die von einem sehr knappen, dunkelblauen T-Shirt umspannt war. Jaron sagte: „Warum ziehst du es mir nicht aus?“ Ich versuchte es und tat mich schwer damit. Der leichte Baumwollstoff verhakte sich erst am Übergang vom Schultergürtel zum Hals und wollte sich dann nicht über den Kopf streifen lassen. Ich brach es ab: „Ich will dich ja nicht strangulieren.“ Da lachte er leise und befreite sich selbst mit einem Ruck. Die Bewegung führte mir spielerisch seine gesamte Brust-, Arm- und Schultermuskulatur vor. Wie kräftig er war, kräftig und schön. Erstmals sah ich jetzt seinen massiven und dabei wunderbar modellierten Oberkörper ganz nackt und vor allem real vor mir – ich hatte ihn so bisher nur im Film gesehen. Bald zog er mich an sich und warf uns beide in einen Sessel. Da lagen wir sehr beengt halb aufeinander, ich konnte mich kaum bewegen. Er hatte etwas mehr Spielraum für seinen rechten Arm und streichelte mein Gesicht. Ich küsste seine Flanke unterhalb der Achselhöhle, dann eine Brustwarze. Wir schmusten ziemlich lange. Ich spürte seinen Atem in meinem Bart. Wollten wir uns drüben hinlegen? Nein, er wollte nicht: „Ein anderes Mal.“ Er verschwand in seinem Zimmer und ich sah ihn den ganzen Abend nicht mehr.

Allmählich entdeckte ich ein Muster in seinem Verhalten, das mir dann vertraut wurde, es vielleicht gar nicht erst zu werden brauchte. Ich entdeckte es nur wieder, wir vollzogen da etwas uns Eingeschriebenes, so kam es mir vor. Jaron stand immer wieder verlockend vor mir, ließ sich anfassen, wurde selbst zärtlich und entfernte sich dann mit grübelndem Gesichtsausdruck. Ich wurde nie ärgerlich, ich sah ja, langsam kamen wir uns näher. Meine Neugierde auf ihn und den Fortgang der Geschichte wuchs.

Er ging wenig aus, war manchmal im Sportstudio oder ging wirklich wieder spazieren. Er suchte keine Kontakte, er kannte außer mir und Hoffmann keinen Menschen in Berlin. War er allein meinetwegen hergekommen, blieb er nur, um mir noch näher zu kommen? Ich wusste es nicht.

Zehn oder vierzehn Tage waren vergangen und wir lagen nun doch nackt auf dem Bett nebeneinander. Jaron machte mir gerade klar, dass keiner, auch ich nicht, in ihn eindringen durfte. Bei mir hat er es danach auch selbst nie versucht. Er sagte: „Ich bin nicht wie die meisten von euch …“ – „Ach wo, du bist bloß noch sehr jung, acht Jahre jünger als ich. Ging mir früher ebenso.“ – Wir liebten uns also wie sehr junge Burschen, minimalistisch und mit viel Gefühl. Dabei sah er noch knabenhafter aus als sonst. Nachher fragte er: „Weißt du, dass ich im Film gedoubelt wurde? Man kann es im Abspann lesen, aber die meisten tun es nicht.“ Es war auch mir entgangen und ich verstand das, was er damit sagen wollte, auf diese Weise: Ich bin jetzt Adam – Adam, den er im Film verkörpert hatte, nur eben nicht in letzter Konsequenz. Oder noch genauer gesagt: Ich bin wieder Jaron, wie er Adam spielt.

Von da an führten wir es immer wieder auf. Wir sprachen noch nicht darüber. Auch ich tauchte in die Filmszenen ein, als wäre ich Karol, von Olek dargestellt. Und sah ich Olek tatsächlich nicht ein wenig ähnlich? Also war ich von nun an Karol, sein Verführer, nein, ich war es schon zu Beginn gewesen.

Jaron selbst erschien mir wie ein überaus reizvolles Porträt vor einer großen, leeren weißen Wand. Er sprach nie über seine Vergangenheit in Polen. Nichts erfuhr ich über Verwandte, Freunde, andere Beziehungen. Wir redeten überhaupt nur wenig, wenn wir uns nahe waren, und berührten unser Verhältnis zueinander im Gespräch nicht. Dafür diskutierten wir einige Male über den Film, der ihn bekannt gemacht hatte. Wie plausibel war der Schluss, warum tötet Adam den Geliebten? „Gewiss, er hat viel Stress gehabt - “, sagte ich. – „Ja, das ist wahr, aber nur die eine Seite. Es ist seltsam, dass die meisten Zuschauer mit dem Schluss nicht klarkommen.“ Jaron sagte, als Adam habe er sich unmittelbar vor dem Mord seelisch auf dem absoluten Höhepunkt gefühlt, eine Vereinigung zweier Männer, so innig wie nur möglich, unwiederholbar. „Da war nur noch Abgrund rundherum. Und da ist er eben gesprungen …“ – „Indem er als Erstes den Freund tötet? Bringt Adam sich denn nach dem Mord selbst um? Das zeigt der Film nicht.“ – „Das ist doch gleichgültig. Er ist auf jeden Fall nur noch eine leere Hülle.“

Ich lernte von Jaron, wie Kontemplation zu Entgrenzung führt. Wir lagen oft ein, zwei Stunden lang, uns nur zeitweise sachte einander berührend, auf dem Bett. Er verlangte es so, ich gewöhnte mich rasch daran. Nichts geschah. Wir atmeten nur leicht, sprachen nicht. Seine Gegenwart wurde übermächtig, übergegenwärtig. Zugleich erweiterten sich mein Bewusstsein, mein Wahrnehmungsvermögen, mein Zeitgefühl ins Unermessliche. Sollte ich den endlich erreichten Zustand Glück nennen? Nein, es war kein Glück - er und ich, wir waren einfach die Welt. Einmal nahm ich dabei seine Hände in meine und führte sie an meine Kehle und übte Druck aus. Er entwand sich meinen Händen und umfing mit seinen dann meinen Kopf, hielt ihn, sagte: „Nein, das nicht. Oder noch nicht.“

Eine Woche später kam ich von der Arbeit heim und er war ausgezogen. Auf meinem Schreibtisch lag ein Brief von ihm: „Lieber Kameramann, du hast alles so schön aufgenommen. Was zwischen uns sein konnte, alles oder fast alles. Ich lasse dich mit dem Material jetzt eine Weile allein hier. Ich bin schon in Polen, wenn du das liest. Matecki will wieder mit mir drehen. Aber unser Film hier ist auch noch nicht zu Ende. Ruf mich jetzt nicht an, ich muss arbeiten.“


3

Einige Tage nach Jarons Abreise war ich mit Hoffmann im Spreewald. Wir bereiteten in Lübben einen touristischen Werbefilm vor. Auf der Rückfahrt wurde er persönlich: „Du wirkst so bedrückt, schon den ganzen Tag über. Ist es, weil das liebe Pfannkuchengesicht nach Polen heimgefahren ist? Wir sollten mal darüber reden … Er kam auf dem Weg zum Bahnhof bei mir vorbei. Das wusstest du wohl nicht? Er war ab und zu bei mir.“

Ich versuchte ihm auszuweichen. „Habt ihr über den neuen Film gesprochen? Matecki bietet ihm eine Rolle an – das ist alles, was ich weiß.“ – „Jaron wollte erst nichts mehr mit Matecki machen, nichts im alten Stil, aber der neue Stoff hat es in sich, ganz was anderes. Spektakulär und doch sehr eingängig. Bewährtes Erfolgsrezept: mit Wurst nach Speckseite werfen.“ – „Worum geht’s?“ – „Stockholm-Syndrom, das ist natürlich abgedroschen. Aber die Hauptrolle, das ist jetzt ein Geiselnehmer auf einer Geriatrischen Station, mit drei Krankenschwestern zur Garnierung. Tu meiner Oma nichts an, das wird zünden, garantiert. Und unser Jaron wird es wieder stemmen …“

Ich sagte, dann würde er diesmal ohne Double auskommen, oder? – „Ja, wenn er nicht auf dem Motorrad zur Klinik brausen muss. Das Motorradfahren war letztes Mal gedoubelt, nur das.“ – „Der richtige Sex doch auch …?“ – „Nein, das ist eine Legende fürs breite Publikum. Es nützt ihm.“

Ich hatte daran zu kauen. Da brach schon ein Stück weg aus dem Bild, das ich noch von ihm hatte. Ich wollte nicht mehr reden, schwieg lange, Hoffmann ließ mich in Ruhe. Erst auf dem Berliner Ring kam er mit dem heraus, worum es ihm wirklich ging. „Jaron ist ein bisschen in Sorge um dich. Du könntest ihn vermissen, stark vermissen, allzu stark. Schau, irgendwann wirst du ihn wieder vor dir haben. Und dann wird sich das Weitere ergeben. Bis dahin: Tu dir nichts an. Versprochen?“

„Hoffmann, wie kommst du darauf? Das würde ich nie tun, vorzeitig in den Tod gehen, solange noch Aussicht auf einen viel schöneren später besteht.“ – „Gut für dich, wenn du schon wieder Witze darüber reißen kannst.“ Er begriff nicht, dass es mir ernst war. Jaron wird wiederkommen oder auch nicht. Ich weiß nicht, was ich mir wünschen soll. Er ist ja nicht einmal wirklich fort, er ist mir doch immer ganz nah.


Einstell-Datum: 2018-01-20

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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