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Saphia Azzeddine - Bilqiss
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Azzeddine, Saphia:
Bilqiss

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(Bücher frei Haus)

„Streben nach Wissen ist mehr wert als ein ganzes Leben im Gebet“, zitiert Bilqiss den Propheten Mohammed, aber nach den Gepflogenheiten ihres Landes steht es ihr nicht zu, den Propheten zu interpretieren. Obwohl sie eine gläubige Muslimin ist und Allah preist, gerät sie in Konflikt mit ihrer Gemeinde, weil sie statt ihres Mannes vom Muezzin herunterbetet. Obwohl es nicht ausdrücklich im Koran steht, dass Frauen das nicht dürfen, echauvieren sich die Männer ihres Dorfes und fordern für ihr vermeintliches Vergehen die Todesstrafe durch Steinigung. Dabei hatte Bilqiss das Gebet nur gesprochen, weil ihr Mann, der Muezzinrufer, zuvor durch einen Unfall zu Tode gekommen ist. Warum, das wissen die Männer des Dorfes noch nicht. Denn auch der Unfall war nur ein vermeintlicher Unfall. Als sie vor den Richter geführt wird, entpuppt sich auch dieser nur als Papiertiger. Denn er ist ein kleines bisschen in Bilqiss verliebt oder bildet sich das nur die amerikanische Journalistin ein, mit der sie ein Interview in ihrer Zelle führt?

Die Gewalt der Männer
Die orientalische Kunst der Hinhaltetaktik, bekannt durch Scheherezade in der Märchensammlung 1001er Nacht, wird auch in diesem Roman sehr kunstfertig ausgeübt. Mit viel Feingefühl führt die Erzählerin in die Gedanken der Verurteilten ein und gibt ihrer Wahrnehmung der Welt eine Sprache. Wenn sie die Männer anklagt, die bei jeder Berührung nur an ihre Wurzel denken oder Pubertierende den Glauben an ihre Mütter verlieren, weil diese all jenes Schmutzige mit sich machen haben lassen, was sie sich nun von ihren gleichaltrigen Mädchen zu erwünschen wagen. Beruht der Hass der Männer auf die Frauen auf dieser „banalen Enttäuschung“, wie Bilqiss die Erkenntnis der Jungs nennt, die bald wissen, dass ihre Mütter auch einmal „herumgetollt“ haben? Auch die Bestrafung für die vermeintlichen Vergehen der Frauen fällt im Falle Bilqiss’ grausam aus, denn abgesehen von ihrem bereits schon vor der Verhandlung feststehenden Verurteilung muss sie auch noch 37 Peitschenhiebe aushalten, für die Beleidigung alter Männer im Gerichtssaal. Minutiös werden die Schmerzen beschrieben, dass man sie als Leser bald selbst empfindet und verzweifelt an einer Gesellschaft, die so etwas zulässt.

Love-Story ohne Happy End
Auch das Verhältnis ihrer Welt zu den Amerikanern, die sich allzu gerne als Befreier aufspielen, lässt keinen Grund zur Hoffnung offen: „Von euch kennen wir nur das Schlimmste: eure Soldaten, eure Söldner, die Plünderungen unseres Hab und Guts und eure entblößten Sängerinnen.“, meint Bilqiss um wenig später zu resümieren: „Wir sind zutiefst unglücklich, bitter und verzweifelt.“ Und der amerikanisch-jüdischen Journalistin Leandra hält sie vor, auch nur sich selbst erhöhen zu wollen, mit ihrer Version einer „Geschichte über eine ungewöhnlichen Frau“: „Es gibt nur den Tod und das interessiert keinen.“ Grausam sind die Methoden, der Verwalter, die sogar Bäcker, Gärtner, Lehrer und Bauer hinrichten lassen, nur weil Bilqiss sie als Beispiel nimmt, für Leute die arbeiten müssen, statt zu beten. Aber gerade jene sind es auch, die sich auf ihrem Teppich niederwerfen, um sich die Stirn aufzuschlagen, damit sich die bräunliche Gebetstuhle, die zabiba, auf der Stirn bildet. Der Satz „Die Tinte des Schülers ist heiliger als das Blut der Märtyrer“, wird von Bilquiss Mohammed zugeordnet, der die Wissenschaft für wichtiger hielt als die Frömmigkeit. Aber es sprechen viele in seinem Namen, die davon nichts wissen. Am Ende kommt etwas, das wohl niemand erwartet hätte. Und es wäre wundervoll, wenn dies zu einer Veränderung führen würde. Denn nur die Liebe kann das.

Saphia Azzeddine
Bilqiss
Roman.
Wagenbach Verlag

[*] Diese Rezension schrieb: jürgen Weber (2016-10-23)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.


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