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Rezensionen


 
Beppo Beyerl - Die bösen Buben von Wien. Gauner, Strizzis & Hallodris
Buchinformation

Wanda nennt sich eine der erfolgreichsten Bands Österreichs, die derzeit auch wieder auf Tournee ist. Sie war als einzige weibliche Wiener Zuhälterin bekannt, weswegen sich die Band nach ihr benannte. Denn das halbseidene Rotlichtmilieau gehört zu Wien wie der Apfelstrudel oder der Tafelspitz. Die vorliegende Publikation widmet sich ausschließlich den männlichen Vertretern dieser Zunft, auch wenn manche davon so ganz ohne weibliche Kumpanei wohl nicht so erfolgreich reüssiert hätten.

Die bösen Buben von Wien

Da wäre etwa der Fall Emil Marek, der "betrogene Betrüger", wie Beppo Beyerl ihn in seinem Essay untertitelt. Der Techniker und Erfinder wurde wegen Versicherungsbetrugs gesucht. Er ging dabei sogar so weit, dass er sich von seiner Frau Martha den Unterschenkel abschlagen ließ, um eine Versicherungssumme der Lloyd einzustreichen. Mit Hilfe der mitleiheischenden Presse gewannen die beiden tatsächlich den Prozess und verdienten 180.000 Dollar (sic) dabei. Martha kassierte und vergiftete (mit Rattengift) im Anschluss nicht nur ihren Mann, sondern auch die Haushälterin, der sie zuvor geraten hatte eine Lebensversicherung abzuschließen. Genug Stoff also für einen Folgeband mit dem Titel "Die bösen Mädels von Wien", vielleicht mit der derzeit wieder in aller Munde liegenden Mutzenbacherin am Titel? "Die bösen Buben von Wien. Gauner, Strizzis & Hallodris" erzählt von bekannten und weniger Bekannten Halsabschneiderin, darunter etwa auch Udo Proksch, der Haussen oder der berüchtigte Pumpgun-Ronnie, der mit einer damals populären Ronald Reagan Maske und einer Pumpgun als Bankräuber mehr als 5 Millionen Schilling erbeutete. Aber auch auf die eher kleinen und harmlosen Betrügereien eines ("Rad"-)Schiebers wie Gregor Bildstein wird nicht vergessen. Letzterer hatte im 18. Jahrhundert gewettet an einem Tag einen Baum zu fällen, daraus ein Rad zu zimmern und es dann am selben Tag auch noch eigenhändig - mit einem Finger - nach Brünn zu rollen. Und das mit 56! Aber auch Bildstein war ein "betrogener Betrüger", den der Schmied mit dem er wettete, verwendete so etwas wie K.O.-Tropfen (auch das gab es damals schon), um seine Wette zu gewinnen. Der Wagner Bildstein beglich anstandslos seine Wettschuld, meuchelte den Schmied allerdings dann mit einem Messer. So kann aus einer harmlosen Wette ein veritabler sogar tödlicher Streit werden, wohl auch deswegen ist Glücksspiel ohnehin als unchristlich verschrieen.

Gauner, Strizzis & Hallodris

Oder Severin von Jaroszynski: er strebte von Klein an nach Höherem, "auch wenn es schlussendlich nur zum Galgen reichte", wie Beyerl pointiert bemerkt. Der "falsche Graf" machte sich an die Raimund-Schauspielerin Therese Krones ran, um sie zu ehelichen und auszunehmen. "Brüderlein fein, Brüderlein fein, musst mir ja nicht böse sein!" Sang sie in Raimunds "Bauer als Millionär" im Wiener Theater aber ihr Graf war ein Raubmörder und Betrüger, dessen Hinrichtung schließlich 20.000 Menschen beiwohnten. Besonders grauslich ist auch die Geschichte vom 17-jährigen Mörder Rainer Maria Warchalowsky, dessen Schicksal sich auch die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek literarisch angenommen hatte. Warchalowsky hatte seinen Bruder und seine Eltern kaltblütig im Eigenheim ermordet, um sich dann bei der Polizei als Opfer darzustellen. Allerdings muss gesagt werden, dass sein Vater ein alter Nazi war, der nicht nur seine Frau, sondern auch seine Kinder quälte. Legendär ist sein Stehsatz: "Ich wollte halt etwas Sinnloses tun", denn der 17-jährige mit dem 128er IQ verstand sich als Existentialist, eine damals modische Philosophieströmung. "In Cold Blood" könnte man da sagen. Sein letztes Buch: Die Besessenen von Camus, sein letzter Film: Denn sie nicht was sie tun. Geradezu entspannend liest sich da im Vergleich die Geschichte vom "Meidlinger Robin Hood", dem Johann "Schani" Breitwieser. Der Anarchist aus der Vorstadt begann als "Messingbua" (messenger-boy), also das, was man heute gemeinhin als Fahrradbote bezeichnet. Seine Spezialität waren Verkleidungen mit Hilfe derer ihm einige Coups gelangen. U.a. soll er auch die berühmte Hirtenberger Waffenfabrik resp. den Fritz Mandl (Ehemann von Hedy Lamarr) um 500.000 Kronen erleichtert haben.

Wien: Versuchsstation des Weltuntergangs

Auch der durch die Schmetterlinge bekannt gewordene Sylvester Matuska bekommt ein eigenes Kapitel. Ihm soll sogar einmal das berühmte Haus in der Margaretenstrasse 81 mit der großen Terrasse gehört haben, bis er begann Eisenbahnlinien zu sabotieren. Einer seiner Pläne war auch die Schiffbarmachung der Niagarafälle. Wenn auch nicht alle "Gauner, Strizzis & Hallodris" in vorliegender Lektüre solche hochtrabenden Pläne hatten, eines vereint sie alle: die Buchdeckel dieses durchaus unterhaltsamen Kompendiums der Abstrusitäten und Abnormitäten. Eine lohnenswerte Lektüre, die zeigt, dass Wien wohl immer schon ein guter Platz für die Kraus'sche "Versuchsstation des Weltuntergangs" war. "Gemma halt a bisserl unter"...

Beppo Beyerl
Die bösen Buben von Wien
Gauner, Strizzis & Hallodris
2022, Hardcover, 240 Seiten
ISBN 978-3-99040-693-9
Styria Verlag
€ 21,99

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2022-11-29)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.


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