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Andrea Gorys - Istanbul DuMont
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Gorys, Andrea:
Istanbul DuMont

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(Bücher frei Haus)

Zu Andrea Gorys` Lieblingsorten in Istanbul gehört zweifellos die Galatabrücke mit ihren vielen Anglern, die das alte historische Sultanahmet mit Galataseray verbindet. Der Garten des Archäologischen Museums, den Schiffen des Bosporus vom Gülhane Parki aus zusehen, der Galata-Turm, der Dolmabahce-Palast oder das asiatische Beylerbeyi gehören zu ihren weiteren Favourites, die sie bei keinem ihrer Istanbulbesuche bisher ausgelassen hat. Auf den ersten 60 Seiten folgen dann noch viele nützliche Reiseinfos, bis sich die Autorin dieses Reisetaschenbuches aus dem DuMont Verlag schließlich in die Kultur und Geschichte stürzt. In diesem zweiten Kapitel „Panorama – Daten Essays Hintergründe“ wird nicht nur der türkischen Badekultur auf den Grund gegangen, sondern auch der osmanischen Kunst und Architektur und ein Interview mit einer Bauchtänzerin sowie mit Orhan Pamuk ergänzen die Informationen, die alle auf dem aktuellen Stand sind. Natürlich darf auch der Sound von Istanbul nicht fehlen, der in „Crossing the Bridge“ von dem deutsch-türkischen Regisseur Fatih Akin so kenntnisreich porträtiert wurde. Viele Karten und Pläne machen dieses Reisetaschenbuch zu einem nützlichen Begleiter auf den vielen Spaziergängen durch die westlichste Stadt des Ostens und zeigen seine Sehenswürdigkeiten.
Zum Beispiel „Topkapi”: es bedeutet eigentlich Kanonentor und bezieht sich auf die große zwölfhundertpfündrige Kanone, die vor dem Tor des heiligen Romanos stand. Unter Topkapi Sarayi versteht man heute den Palast des Sultans, der zuerst auf dem Gelände der Universität stand und dort 1541 einem Brand zum Opfer fiel, und danach auf der in den Bosporus hineinragenden Landzunge neu aufgebaut wurde. Es gibt die Legende, dass der Vater von Murat, im Bad vollbetrunken ausgerutscht sei und die fünf Brüder Murats aufgrund der traditionellen Thronfolgerregelung erdrosselt worden seien. So kam Murat an die Macht, der die meisten Bauten des Topkapi Sarayi in Stein errichten ließ, auch den wohl berühmtesten Teil Topkapis, den Harem. „In der Schönheit Garten sind/ Mundrubinen süß“, hieß es einst bei dem türkischen Dichter Baki über den Haremgarten in Topkapi, „In dem Paradiese sind/ Selbst die Qualen süß; /Sterben, wenn man dich gesehn,/Ist Genuss so süß“. Also: Istanbul sehen und sterben!
Die Stadtspaziergänge beschreiben das alte Machtzentrum Istanbuls, die Hagia Sophia, den Sultan Ahmet-Platz und auch das genannte Sarayi oder Beyoglu. Das alte Pera ist wohl das internationalste Viertel, hier wohnen nicht nur Griechen, Armenier und Türken, auch die Franzosen waren und sind wieder hier zu Hause, wie das französische Kulturzentrum auf der Hauptachse durch Beyoglu, Istiklal Caddesi, zeigt. Pierre Loti, ein französischer Schriftsteller soll die „Verwestlichung“ Istanbuls schon vor dem Ersten Weltkrieg kritisiert haben, man mag sich wundern, was er heute darüber denken würde. Getrunken, gesungen und getanzt wurde übrigens schon damals, in Beyoglu, und das durchaus auch von den Einheimischen, den „Levantinern“ wie Loti schreibt..
Dass Orhan Pamuk seine Autobiographie „Istanbul“ nannte, war wohl kein Zufall gewesen, sondern vielmehr ein Programm. Als mehr als 50-jähriger Bewohner (er lebte - abgesehen von drei Jahren in N.Y. - immer in Istanbul), dieser, seiner Stadt, betrachtet er Istanbul auch als sein Leben. Sein Schicksal sei unweigerlich mit dem der Stadt selbst verbunden und er liebt diese Stadt wie sein Leben. „Istanbuls Schicksal ist mein Schicksal. Ich fühle mich dieser Stadt verbunden, weil sie mich zu dem gemacht hat, der ich bin.“ Pamuk verbrachte seine Jugend hinter dem „Dampf“, der die Fensterscheiben beim Teekochen beschlug. So beschreibt er jedenfalls das Grundgefühl seiner Jugend, nämlich „Hüzün“, Melancholie, ein Gefühl, dass - laut ihm - nicht nur er empfindet, sondern auch die Stimmung der Stadt selbst prägt. Das Gefühl der Entwurzelung und Sehnsucht wird oft als typisch türkische Lebensauffassung beschrieben. Das Todesjahr der Frau von Mohammed wird als „senetul huzun“, also als „Hüzün-Jahr“ bezeichnet und macht deutlich, dass ein schmerzlicher Verlust den Begriff kennzeichnet. Pamuk betont aber, dass es heute vor allem zwei Sinnvarianten dieses Wortes gibt. Die erste führe das Auftreten von „hüzün“, also Melancholie, auf eine unverhältnismäßige Hinwendung zu Profitstreben und diesseitigen Genüssen zurück. Der Verlust dieser, würde das Gefühl des Hüzün verursachen. Die zweite Interpretation leitet Pamuk vom Sufismus her: es bedeute das Gefühl der Unzulänglichkeit, Gott nicht nahe genug zu sein und hienieden für Gott nicht genügend tun zu können. In Istanbul trifft diese zweite Interpretation aber ganz sicher nicht zu, denn hier ist man Gott sehr nahe.

DuMont Reisetaschenbuch Andrea Gorys
Istanbul
Mit Extra-Reisekarte und 10 Entdeckungstouren, 2011

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2012-01-22)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.


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