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Peter Härtling - Der Gedankenspieler
Buchinformation
Härtling, Peter - Der Gedankenspieler bestellen
Härtling, Peter:
Der Gedankenspieler

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(Bücher frei Haus)

Mehr als andere Schriftsteller seiner Generation hat sich der kürzlich verstorbene Peter Härtling in seinen vielen Büchern, die er vor allen Dingen schrieb, nachdem er seine Tätigkeit bei S. Fischer beendet hatte und nur noch als freier Schriftsteller arbeitete, nicht nur mit den Biographien berühmter Menschen befasst, sondern immer wieder auch mit eigenen ganz persönlichen Erlebnissen, die er, kaum verfremdet, in vielen Romanen reflektierte. Ich erinnerte mich zum Beispiel, als ich seinen hier vorliegenden letzten Roman zur Hand nahm, an sein Buch „Herzwand“ das er 1990 nach seiner ersten Herzoperation veröffentlichte.
Rechtzeitig bevor er starb, hat er das Manuskript seines letzten Buches angeschlossen, dem sein Lektor und seine Frau den Titel „Der Gedankenspieler“ gaben und in dem er sein Alter Ego Johannes Wenger seine gesamte Krankengeschichte erzählen lässt und sich dankbar und ohne Verbitterung aus dem Leben verabschiedet
Peter Härtling war schon lange schwer krank, litt an Herzrhythmusstörungen, an Diabetes und war in den letzten beiden Jahren seines Lebens auf Dialyse und den Rollstuhl angewiesen. All das reflektiert er in „Der Gedankenspieler“, in dem er sich mit dem alten, knurrigen Architekten Johannes Wenger ein Alter Ego geschaffen hat, dem er die Erfahrung aufbürdet, zum Hilfsbedürftigen zu werden.
Ein immer gleicher Tagesrhythmus durch das Erscheinen verschiedener Pfleger, die ihn betreuen und waschen, durch die Essenslieferung durch einen jungen Mann, der – unsicher – gerne dem kranken alten Mann Gesellschaft leisten würde, aber nicht weiß, wie er dessen Ablehnung durchbrechen soll.
Johannes Wenger war sein ganzes Leben lang allein, und kann sich nur schwer an die permanente Gesellschaft der Pflegekräfte gewöhnen. Peter Härtling hat in seinem Buch aus eigener Erfahrung nicht nur erzählt, wie sich so etwas anfühlt, sondern auch , wie schwer es ist, in einen solchen Zustand seine Würde zu bewahren.

Kaum habe ich ein literarisches Alter Ego seinem Schöpfer so nahe kommen sehen, wie Wenger seinem Erfinder Peter Härtling. Mit der Ausnahme, dass Wenger Essays über Architekturgeschichte schreibt und immer wieder Gedankenbriefe verfasst an berühmte Architekten und seinen spät gewonnen Freund, den Arzt Dr. Mailänder. Der kümmert sich aufopferungsvoll um ihn, stellt ihn auch seiner Frau und seiner kleine Tochter vor und nimmt ihn sogar mit zu einem Osterurlaub nach Travemünde. Er steht wahrscheinlich für die Menschen, die Peter Härtling in seinen beiden letzten schweren Jahren zur Seite standen.

Was allerdings den Mittelpunkt des Buches darstellt, sind nicht seine unterschiedlichen Ausflüge die Wenger noch unternimmt, sondern die detaillierte Darstellung des Krankheitsgeschehens und -verlaufs selbst und was es mit einem Menschen macht, wie es ihn verändert und quält. Wie kommt man etwa damit klar, wenn plötzlich die Niere versagt und man nur noch mit Hilfe der Dialyse überleben kann? Ist das noch ein Leben? Welchen Sinn hat dieses Leiden, wenn sein Ende doch absehbar vor der Tür steht und der Tod immer wieder anklopft?

Auch die (autobiographischen) Erinnerung an Kindheitserlebnisse hilft nicht viel weiter. Er muss sich der Gegenwart stellen. Wenger tut das relativ unaufgeregt und auch sein letzter Brief an seinen Freund Dr. Mailänder bleibt gelassen und wahrhaftig, „ … denn ich verschwinde nun aus meiner, aus unserer Geschichte.“

„Der Gedankenspieler“ ist ein bewegender und berührender Roman, der den Leser damit konfrontiert, womit er sich mit einer mit zunehmendem Alter immer größer werdenden wahrscheinlich selbst wird auseinandersetzen müssen. Möge es viele geschenkt sein, das ähnlich würdevoll und von Freunden betreut tun zu können, wie der große Schriftsteller Peter Härtling. Mit ihm schweigt eine große Stimme der deutschen Literatur.

Peter Härtling, Der Gedankenspieler, Kiepenheuer & Witsch 2018, ISBN 978-3462-05177-3

[*] Diese Rezension schrieb: Winfried Stanzick (2018-04-18)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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