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Daniel Kehlmann - Die Vermessung der Welt
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Kehlmann, Daniel:
Die Vermessung der Welt

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(Bücher frei Haus)

Daniel Kehlmann
Die Vermessung der Welt
Hörspiel

2008
Deutsche Grammophon/Universal
3 CDs 184 Minuten
15.99 EUR

Von Jürgen Weber

„Der Raum biegt sich und die Zeit dehnt sich“, gibt der Mathematiker und Physiker Carl Friedrich Gauß (1777 - 1855) seinem Gesprächspartner Alexander von Humboldt (1769 - 1859) an einer Stelle zu bedenken, bevor er sich über die wahre Tyrannei, die der Natur nämlich, auslässt. Die beiden Genies begegnen sich am Deutschen Naturforscherkongress in Berlin, der eine, der die Welt empirisch vermessen hat, der andere rein rechnerisch. Das Alter macht beiden sichtlich hörbar zu schaffen und Gauß fügt noch hinzu, dass die Fürsten auch nur arme Schweine seien, der wahre und schlimmste Despot aber das Alter sei. Humboldt wünscht sich, er hätte das „Curare“, das er damals bei den Indianerstämmen des Orinoko entdeckt hatte, getrunken, statt nur seinen Finger darin eingetaucht. „Wir sind beide in einer zweitklassigen Zeit alt geworden“, einer Zeit ohne Komfort, ohne Gaslaternen, ohne Flugzeuge mag der nachgeborene Zeitgenosse hinzufügen. Allein Bonpland, der geistreiche Assistent Humboldts, scheint es im Alter gut getroffen zu haben und halbwegs zufrieden zu sein: seinem Hausarrest in Paraguay entflohen begegnet er Gauß’ Sohn in einer amerikanischen Bar. Eine Frau habe ihm geholfen freizukommen, genau jene haben ihm geholfen, vor denen ihn Humboldt immer gewarnt hatte.
Auch wenn die Vermessung der Welt bald abgeschlossen sein werde und als letztes Rätsel der Welt nur mehr die Kraft der Magneten bliebe, resümiert Humboldt am Ende seines Lebens, ist er alles andere als zufrieden. Milder sei er geworden, das ja, aber keinesfalls ruhiger, wie seine Russlandreise (1829) im Alter von 60 Jahren zeigt. Humboldt zieht Bilanz, 23 Wochen sei er, der wahre Entdecker Südamerikas, unterwegs gewesen, 12 224 Pferde habe er „verbraucht“ und mehr als 600 Poststationen besucht. „Fakten und Zahlen können einen vielleicht retten“, sagt er. Die Bilanz hilft ihm tatsächlich bei der Begreiflichkeit des Unbegreiflichen und daraus könne man neuen Mut für neue Reisen schöpfen. Beim amerikanischen Präsidenten in Washington, Jefferson, den er als „Hinterwäldler“ bezeichnet, schimpft er auf die Sklaventreiber und bekennt sich vorbehaltlos zum Republikanismus, während Bonplond ihn unterm Tisch schupft. Dieser weiß nämlich, dass der Präsident ausgedehnte Länderein besitzt, „mit allem was so dazugehört“. Als sein eigentliches Zuhause bezeichnet Humoldt Paris, Berlin sei eine gräuliche Stadt, in der er schließlich aus Geldmangel doch zurückkehren muss. „Wer von uns weiter herumgekommen ist,“ vergleicht er Gauß, der mit seinem Fernrohr sein Leben lang an seinem Schreibtisch saß, „und wer immer zu Hause geblieben ist, kann ich am Ende nicht sagen“. Denn wer Heimweh hat, ist in Wirklichkeit nie verreist, möchte man als Zuhörer hinzufügen...

Interessant ist auch die Definition des Wissenschaftlers, die in dem Dialog der beiden zur Sprache kommt: „Ein Mann allein am Schreibtisch, ein Blatt vor sich, allenfalls noch ein Fernrohr. Vor dem Fenster der klare Himmel. Wenn dieser Mann nicht aufgibt bevor er versteht, dann ist das vielleicht Wissenschaft.“ „Dieser Mann braucht aber auch eine Frau, die (…).“ Wenn man bedenkt, dass einer der beiden sich wegen seiner Johanna umbringen wollte, sieht man ihm auch obige Beurteilung nach. Eindrucksvoll ist auch die Tonkulisse dieses Hörspiels, etwa wenn sich die Forscher vor einem Gewitter in eine Höhle flüchten, glaubt man dabei zu sein und beginnt mit schlotternden Knien Humboldt zu verstehen: „Wie schrecklich das Reisen ist!“ Kein anderer kann dies besser wissen als er, der mit Kutsche, Schiff und zu Fuß wohl mehrere tausend Kilometer zurückgelegt hat. Alle Parallelen im Raum berühren sich, alle Ströme sind verbunden, aber vielleicht sind das auch alles nur optische Chimären eines Curare-Rausches? Als er mit seiner Geliebten rummacht, weiß Humboldt tatsächlich nichts Besseres als neue Gleichungen aufzuschreiben und stellt sich am Ende, vor der sexuellen Vereinigung, die bange Frage: „Macht Glück dumm?“ Ist er denn deswegen all die tausenden von Kilometern gereist? Auf der Flucht vor den Frauen? Wer genau hinhört, wird allerdings erfahren, dass es einen ganz anderen Grund gab, weder den hier vermuteten noch den, die Welt zu vermessen.

Diese Produktion des NDR ging erstmals im Dezember 2007in zwei Teilen auf Sendung und ist nunmehr in einer kompletten Fassung auf 3 CDs erhältlich. Die Komposition (Hintergrundgeräusche et al) stammt von Claudio Puntin und die Hörspielbearbeitung und Regie machte Alexander Schuhmacher.


[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2009-01-21)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.


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