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Walter Kempowski - Tadellöser & Wolff
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Kempowski, Walter:
Tadellöser & Wolff

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(Bücher frei Haus)

Wenn es sich um gelungene Literatur handelt, ist es immer ein Zugewinn, sie nach einigen Jahren oder gar Jahrzehnten noch einmal zur Hand zu nehmen und zu sehen, ob die vergangene Begutachtung immer noch so gut ausfällt wie damals oder ob durch den eigenen Reifungsprozess gar Aspekte hinzugekommen sind, die vor Jahren noch keine Rolle spielten. Als im Jahr 1978 Walter Kempowskis Roman Tadellöser & Wolff erschien, gelang ihm damit der Durchbruch. Er hatte bereits in eiserner Chronologie die Geschichte seiner Familie in aufeinander folgenden Geschichten beschrieben. Bei Tadellöser & Wolff, übrigens eine schräge Ausdrucksart seines Vaters, eines Rostocker Reeders, um alles Gute zu beschreiben, im Gegensatz zu Miesnitzdörfer & Jansen für alles Schlechte, handelt es sich um ein Werk, das bei seinem Erscheinen eine sehr große, positive Resonanz von allen bekam, die den Krieg miterlebt hatten, die Nachkriegsgeneration, die sich unter der Chiffre der Aufarbeitung in einen neuen ideologischen Stellungskrieg begab, blieb reserviert und skeptisch, weil die neuen, lieb gewonnenen Klischees nicht bedient wurden.

Der später auch erfolgreich verfilmte Roman wird getragen durch eine ungewöhnliche Erzählweise und Erzähltechnik. Zum Einen berichtet Kempowski als Walter und Jüngster der Familie aus seiner Perspektive, obwohl er selbst objektiviert wird. Zum Anderen ordnet kein über allem stehendes erzählerisches Ich die Handlung, das erklärt, kommentiert oder inszeniert. Wie ein reißender Strom drängen sich hingegen die Zitate durch die Zeit, die im Jahr 1938 beginnt und auf den finalen Punkt des Kriegsendes 1945 zustrebt. Die Leser lernen die verschiedenen Haltungen und Positionen der tragenden Figuren kennen, die vor allem aus den Familienmitgliedern bestehen und deren Weltbild verdeutlichen. Die direkte und unzensierte Rede der Beteiligten stellen eine Authentizität her, die heute noch erfrischend und betörend zugleich ist, vor allem, wenn man diesen Roman mit vielem vergleicht, das den gleichen Zeitraum als Handlungsrahmen hat. Das Unsägliche der Nazi-Zeit, wie es einst Ernst Bloch nannte, verliert seine Beklemmung, wenn Vater Kempowski vom Leder zieht, Mutter Kempowski die Welt kommentiert oder Bruder Kempowski Jazzplatten hört und kommentiert.

Bei der Lektüre muss man nicht selten laut auflachen, teils, weil so manche Redewendung der Idiosynkrasie des eigenen Vater entsprang, teils, weil es nicht treffender gesagt werden kann. Wenn Mutter Kempowski den Kindern den niedergeschlagenen Vater erklärt, der sich aus Patriotismus zum Militär melden wollte und die Ablehnung erhielt - welche später unter dem Druck der vermeintlichen Siegesserie rückgängig gemacht wurde - mit der Begründung, er sei Mitglied einer Freimaurer Loge. Mein Gott, so Mutter Kempowski, da wurde doch nur gesoffen, da trafen sich doch die Kaufleute. Solche Stellen treffen sich immer wieder und sie machen deutlich, dass der Autor nicht nur aus dem Unendlichen schöpft, sondern auch durch eine vermeintliche Naivität gnadenlos die Herrschaftsideologie der Epoche demontiert.

Die Familie Kempowski ist der Prototyp eines Mittelstandes, der mit dem Faschismus untergegangen ist. Seine Signés waren Leistungsethik, Standesdenken, Nehmerqualitäten, Lebensfreude und eine große Staatsloyalität. Mit dem Großen Krieg ging diese Klasse unter. Historisch gingen viele mit dieser untergegangenen Welt sehr überheblich um. Angesichts der Egozentrik und des Hedonismus der so genannten Neuen Mitte unserer Gesellschaft ist es sehr empfehlenswert, in die Annalen des Alten Mittelstandes noch einmal einen Blick zu werfen. Tadellöser & Wolff ist dazu mehr als geeignet.

[*] Diese Rezension schrieb: Gerhard Mersmann (2011-09-05)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.


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