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Naomi Klein - The Shock Doctrine
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Klein, Naomi:
The Shock Doctrine

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(Bücher frei Haus)

Wer sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder über das Auftreten der Weltbank oder des IMF aufregen konnte, wenn irgendwo auf der Welt eine Katastrophe eingetreten war und die Agenten dieser Institutionen zwar einerseits mit viel Geld, aber andererseits mit einem absurden Forderungskatalog um die Ecke kamen, der wird sich gleich nicht mehr wundern, warum dieses so war und so ist. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die aktuellen Krisen der Menschheit, egal ob es Erdbeben oder Tsunamis, politische Umstürze, Kriege oder Wirtschaftskrisen sind. Der organisierte Weltkapitalismus geht stets mit einem Besteck der Re-Organisation vor, das im eigenen Hause entwickelt wurde und seither Anwendung findet.

Die kanadische Journalistin Naomi Klein - ihre Eltern verließen aus Protest gegen den Vietnam-Krieg die USA - hat das System des Wiederaufbaus nach Katastrophen untersucht. In ihrem lesenswerten Buch The Shock Doctrine hat sie den Guru der radikalen Marktwirtschaft sehr schnell lokalisiert. Es war der Chef der Chicago School of Economics Milton Friedman, der mit seinen radikalen markttheoretischen Schriften zunächst in den USA kaum jemanden begeistern konnte, der aber in Jahrzehnten kontinuierlichem Lobbyismus das Feld bereitete für den Siegeszug des totalitären Kapitalismus.

Mit beeindruckender Stringenz seziert Naomi Klein das System: Zunächst tritt die Katastrophe ein. Die Bevölkerung ist traumatisiert und damit das Terrain für die Invention des neuen Systems bereitet. Das so genannte weiße Blatt liegt jungfräulich auf dem Tisch und alle Institutionen, die der betreffenden Gesellschaft einmal das Dasein erleichtert haben, sind ausradiert worden, um Raum zu schaffen für den ungezügelten Kapitalismus. Denn das ist die Doktrin Milton Friedmans und seiner Chicago Boys.

Der Spähtrupp der Schock-Doktrinäre sind tatsächlich immer wieder IMF und Weltbank, die sofort nach dem Desaster auf der Matte stehen und folgenden Deal ausmachen wollen: 1. Das betreffende Land belässt es beim Wiederaufbau aller öffentlichen Institutionen, die der Staat betrieben hat, um den Markt zu beschränken. Damit gemeint sind auch Schulen, Krankenhäuser und Sicherheitsorgane. Diese Dienste werden privatisiert. Alle Regulierungen des freien Marktes werden revidiert. 2. Der Staat betreibt eine strikte Politik des Schuldenabbaus, damit er keine Perspektive mehr hat, sich einzumischen. 3. Sind diese Bedingungen erfüllt, ertränken IMF und Weltbang das Land mit Krediten, um eine dauerhafte Schuldknechtschaft zu gewährleisten und die Bedingungen der Radikalliberalisierung dauerhaft zu erhalten.

In beeindruckender historischer Analyse dokumentiert die Autorin das nach und nach zutage tretende System. Egal, welche historischen Desaster zur Grundlage genommen werden, sie haben immer die gleichen Implikationen, ob beim Pinochet-Putsch in Chile, ob die Nutzung des Falkland-Krieges durch Thatcher im eigenen Land, ob bei den vielen Kriegen im Nahen Osten, speziell im Irak, ob nach den Tsunamis in Asien und ja, auch nach dem Massaker auf dem Tienanmen in Peking oder der Niederschlagung der Revolte in Moskau. Das Vorgehen zum Wiederaufbau, der keiner ist, stammt aus dem Regiebuch Milton Friedmans.

Interessant ist, dass die USA innenpolitisch langfristig von dieser Doktrin verschont geblieben waren, wenn man einmal von den Verwüstungen absieht, die die Reagan-Ära in kurzer Zeit angerichtet hatte. Doch mit den Anschlägen auf das World Trade Center war auch dort der Schock eingetreten, den George W. Bush exzellent und konsequent unter dem Slogan der Homeland Security zu nutzen wusste. Ein Debakel, an dem das Land, wie alle, die einmal unter dieser Behandlung leiden mussten, noch lange laborieren wird. Naomi Kleins Bilanz ist gigantisch: Betrachtet man den Ansatz konsequent, so stehen die Verwüstungen, die Verfechter eines totalitären Kapitalismus bereits angerichtet haben, den großen Monstern der Geschichte in nichts nach.

[*] Diese Rezension schrieb: Gerhard Mersmann (2014-04-14)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.


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