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Stephan Lacant - Freier Fall
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Lacant, Stephan:
Freier Fall

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(Bücher frei Haus)

Gewöhnlich rezensiere ich zwei Arten von Filmen nicht, die besonders erfolgreichen und die aus meiner Sicht weniger empfehlenswerten. Die einen haben meinen Einsatz nicht nötig, den anderen will ich keine zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffen. Bei „Freier Fall“ mache ich einmal eine Ausnahme, obwohl der Streifen sowohl ein Publikumserfolg war wie auch, nach meiner Auffassung, ein nur untermittelmäßiges Werk. Die Aufnahme des Filmes hierzulande scheint mir symptomatisch für den Zustand der deutschen Filmkultur. Die inländische Produktion ist qualitativ nicht auf dem Stand anderer bedeutender Filmländer, und das Publikum gibt sich mit dem Dargebotenen allzu leicht zufrieden.

Lacants Film von 2013 schildert die Liebesbeziehung zweier Bereitschaftspolizisten in Baden-Württemberg, von denen der eine – Marc (Hanno Koffler) – verlobt ist, bald Vater wird und von seinen Eltern großzügig mit einer Haushälfte ausgestattet wurde. Nach einer Phase des Doppellebens ist Kay, sein Geliebter (Max Riemelt), geflüchtet, Marcs Beziehung zu Bettina (Katharina Schüttler) ruiniert und seine familiäre wie berufliche Situation insgesamt schwer erschüttert. Ein großer Stoff, doch wie wird dieses Drama erzählt? In vielen kleinen, meist uninspirierten Einzelszenen, die entweder seltsam kraftlos oder, im Gegensatz dazu, künstlich überdreht wirken. Die Machart des trotz geradlinig erzählter Handlung inkohärent wirkenden Filmes schwankt ständig zwischen diesen Polen, der blassen, substanzarmen Wiedergabe eines schablonenhaften Kleinbürgermilieus und unglaubwürdigen Ausbrüchen daraus. Selbst die eklektizistische Filmmusik kann sich nicht entscheiden zwischen Harmlosigkeit und Melodramatik.

Der Film leidet an einer Überfülle von Personen aus Marcs Verwandtschaft wie Kollegenkreis, die sich einem kaum einprägen wollen. Durchgestaltet ist allein die Figur des Marc, die diese Zentralität nur schwer verkraftet. Hanno Kofflers Hauptdarstellungsmittel ist der bedeutungsschwangere Blick, und allzu häufig steht für ihn im Drehbuch: „Es tut mir leid, es tut mir leid.“ Die Figur des Kay ist noch skizziert, alle anderen bleiben blasse Schemen. Erkennbar spielt die Handlung in Süddeutschland, doch die Personen reden Hochdeutsch wie in Hannover. Der Streifen zitiert wiederholt in sich anbiedernder Weise Szenen aus „Brokeback Mountain“. Doch nicht jeder Kinnhaken, der nach Wyoming passt, tut das auch in Ludwigsburg. Und überhaupt, diese Bereitschaftspolizisten! Sie sind wahre Filmhelden, in denen man die echten schwulen Polizisten, die man im Lauf der Zeit kennengelernt hat, durchaus nicht wiedererkennt.

Nur einige weitere Blüten aus dem üppigen Strauß von Unwahrscheinlichkeiten, den Lacant uns überreicht: Unwahrscheinlich diese mannmännliche Kopulation im strömenden Regen, gleich neben ihren parkenden Autos. Unwahrscheinlich Marcs versuchte Vergewaltigung der hochschwangeren Bettina von hinten. Unwahrscheinlich und peinlich, wie Bettina ihrerseits gegen Marc übergriffig zu werden versucht. Die Beinahe-Kollision der Pkws von Marc und Kay? Ein uraltes Muster und hier schlecht motiviert. Dann Marcs Aufbrechen der Tür zu Kays Wohnung, als dieser nicht öffnet - so gewalttätig sind wir (von der Polizei) eben alle Tage … Bezeichnend für die innere Schwäche des Drehbuchs wie sein eigenes Bewusstsein davon ist die Sache mit der Razzia in einer Schwulenbar, bei der ausgerechnet Kay von seinen Kollegen angetroffen wird. Diese Razzia – vielleicht in Stuttgart? - ist der große Wendepunkt in der Filmerzählung, sie wird aber nicht dargestellt, nur hinterher berichtet. Und wie wahrscheinlich ist eine solche Razzia bei uns heutzutage überhaupt noch? Man gebe mal die Stichworte „razzia schwulenbar“ bei Google ein: Stonewall 1969 und kein Ende, dann noch Nigeria und Weißrussland, nur nicht Deutschland anno 2013.

Fazit: „Freier Fall“ ist nicht einmal ein wirklich schlechter Film, dazu ist er zu wenig originell. Er bietet Fernsehspielästhetik mit Spurenelementen von Filmkunst. Ein lohnendes, problembeladenes Thema wird dabei zu Unterhaltungszwecken verhackstückt. Wem’s gefällt – nun ja … Doch dass ein derart mediokrer Film sechs Monate lang hintereinander in Berliner Kinos laufen kann, das ist deprimierend.

[*] Diese Rezension schrieb: Arno Abendschön (2014-03-10)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.


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