Biographien Rezensionen Diskutieren im versalia-Forum Das versalia.de-Rundschreiben abonnieren Service für Netzmeister Lesen im Archiv klassischer Werke Ihre kostenlose Netzbibliothek

 


Rezensionen


 
Jocelyne Saucier - Niemals ohne sie

Die kanadische Schriftstellerin Jocelyne Saucier hatte schon 2015 mit ihrem ebenfalls bei Insel erschienenen Roman „Ein Leben mehr“ ein außergewöhnliches Buch vorgelegt. Der hier vorliegende Roman „Niemals ohne sie“, der in Kanada schon im Jahr 2000 erschien und ihr insgesamt zweiter Roman ist, zeigt, dass Jocelyne Saucier schon sehr früh über jene poetische Sprachmacht verfügte, die „Ein Leben mehr“ zum internationalen Bestseller machte. Mit Sicherheit werden bald auch ihr erster 1996 erschienener Roman und weitere Werke aus den Jahren zwischen 2000 und 2011 ins Deutsche übersetzt werden.
Der Roman erzählt mit verschiedenen, wechselnden und aufeinander aufbauenden Stimmen der Kinder von den Cardinals, einer wahrhaft ungewöhnlichen Familie, die am Ende aus insgesamt 23 Mitgliedern bestehen wird.

Die 21 Kinder der Familie bezeichnen sich als "Die Könige von Norco". Sie stammen alle von den gleichen beiden Eltern, die beide wenig Zeit für ihre Kinder haben. Während die Mutter von morgens bis abends mit der Versorgung der Familie und dem Haushalt beschäftigt ist, ist der Vater permanent unterwegs, um als Erzsucher die Familie irgendwie finanziell über Wasser halten. Die Kinder sind sich selbst überlassen, wachsen mit großen Freiheiten, aber ohne viel Zuwendung auf, kümmern sich um sich selbst, die Großen um die Kleinen. Rau und oft auch brutal geht es unter ihnen zu, Machtkämpfe sind ihr täglicher Alltag.

Sie ziehen durch die Gegend und tyrannisieren jeden, der ihnen begegnet. Sie haben vor nichts und niemand Angst und die Wildheit von antiken Helden. Als das Bergbauunternehmen Northern Consolidated eine sehr ergiebige Erzmine in Norco, die den Cardinals das Einkommen sicherte, wegen eines Preissturzes auf dem Weltmarkt aufgibt, fühlt sich die ganze Familie betrogen und sie fassen den Entschluss sich zu wehren. Eine Entscheidung mit fürchterlichen Folgen, wie sich erst am Ende zeigen wird.

Man hat als Leser nach den ersten vier bis fünf Kapiteln alle entscheidenden Figuren kennengelernt, Menschen die man nicht immer sympathisch finden muss. Doch die Beschreibung ihrer gegenseitigen Beziehungen und die Schilderung der innerfamiliären Dynamik haben mich von Beginn an gefesselt. Wie die einzelnen Kinder, auch lange nachdem sie sich schon von der Familie gelöst und selbstständig gemacht haben, in ihren Lebensgeschichten miteinander verstrickt sind, wird erst Zug und Zug im Laufe des Romans deutlich, in einem Fall erst ganz am tragischen Ende.

Mit der Familie Cardinal und ihren 21 Kindern (kann eine Frau wirklich so viele Kinder bekommen?) hat Jocelyne Saucier eine ganz erstaunliche Familie aus den unterschiedlichsten Menschen und mit ihnen eine Welt geschaffen, die aller Rauheit und allem Kampf zum Trotz den Glauben an ein selbstbestimmtes, freies und gemeinschaftliches Leben aufrechterhält.
„Niemals ohne sie“ ist ein überwältigender Roman, der den Leser in seinen Bann zieht und ihn tief berührt mit Figuren, die ihn lange nicht loslassen.

In der Rahmenhandlung, die in der Gegenwart, also Ende der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts spielt, kommt die ganze Familie (alle leben noch, auch die Mutter) nach Jahrzehnten wieder zusammen, weil der Vater eine Ehrung erhalten soll. Und an diesem Tag muss sich die Familie einem Vorkommnis stellen, wegen dem sie sich seit Jahrzehnten aus dem Weg gegangen sind. Aus verschiedenen Erinnerungen wechselnder Familienmitglieder im Rahmen dieses Treffens ist das Buch aufgebaut. Jeder erzählt aus seiner Sicht nicht nur die Geschichte der Familie und einzelner ihrer Mitglieder, sondern vor allem auch das lange mysteriös bleibende Schlüsselereignis, das alles verändert hat. Dass erst ganz am Ende offenbar wird, was damals geschehen ist, bevor sich die Familie in alle Winde zerstreute, ist spannend konstruiert.

Ein Buch, das mit seiner rauen Poesie und seiner sprachlichen Macht und Vielfalt fesselt von der ersten bis zur letzten Seite.

Jocelyne Saucier, Niemals ohne sie, Insel Verlag 2019, ISBN 978-3-458-17800-2

[*] Diese Rezension schrieb: Winfried Stanzick (2019-05-29)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



-> weitere Bücher von Jocelyne Saucier ansehen

-> Möchten Sie eine eigene Rezension veröffentlichen?

[ weitere Rezensionen : Übersicht ]

 



Aus unseren Buchrezensionen


Der SängerHartmann, Lukas:
Der Sänger
Der Schweizer Schriftsteller Lukas Hartmann hat sich schon in vielen früheren Büchern als ein wahrer Meister des historischen Romans erwiesen. Immer hervorragend recherchiert, erzählt er spannend und unterhaltsam historische Begebenheiten, meist von Menschen, die wirklich gelebt haben. So hat er es auch mit dem Stoff und dem Thema [...]

-> Rezension lesen


 Wohin wir gehenMädler, Peggy:
Wohin wir gehen
In ihrem Debütroman „Legende vom Glück des Menschen“ der 2011 auch bei Galiani in Berlin erschien, hatte die 1976 in Dresden geborene Peggy Mädler den gewagten und gelungenen Versuch unternommen, persönliche Erinnerung und die große Geschichte miteinander zu verbinden und nach ihren Beziehungen zu forschen. Es war eine viel [...]

-> Rezension lesen


Die einzige GeschichteBarnes, Julian:
Die einzige Geschichte
Julian Barnes, Die einzige Geschichte, Kiepenheuer & Witsch 2019, ISBN 978-3-462-05154-4 Julian Barnes neues Buch „Die einzige Geschichte“ ist ein sensibler und kunstvoller Roman über eine sehr unkonventionelle erste Liebe, die für den jungen männlichen Ich-Erzähler Paul lebenslange Konsequenzen und Folgen haben wird und die [...]

-> Rezension lesen


 Ein Mann, ein Meer. Entdecke den Jäger in dirSchroeter, Udo:
Ein Mann, ein Meer. Entdecke den Jäger in dir
In seinem bei Adeo 2016 erschienen Wandkalender „Bin am Meer“, das Motive und Texte seines gleichnamigen Buches variierte, schrieb der auf die Insel Bornholm ausgewanderte Autor und Natur-und Sinncoach Udo Schroeter unter ein Bild des Monats Juli: „Die Vergangenheit ist für viele die Welt der Wunden. Die Zukunft ist oftmals die [...]

-> Rezension lesen


Anmelden
Benutzername

Passwort

Eingeloggt bleiben

Neu registrieren?
Passwort vergessen?

Neues aus dem Forum


Gedichte von Georg Trakl

Verweise
> Lyrikband seelengruende
> Neue Gedichte: fahnenrost
> Kunstportal xarto.com
> New Eastern Europe
> Free Tibet
> Naturschutzbund





Das Fliegende Spaghettimonster

netzbibliothek | Anti-Literatur | Datenschutz | FAQ | Impressum | Rechtliches | Partnerseiten | Seite empfehlen | RSS

Systementwurf und -programmierung von zerovision.de

© 2001-2021 by Arne-Wigand Baganz

v_v3.41 erstellte diese Seite in 0.022889 sek.