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Michi Strausfeld (Hg.) - Barcelona. Eine literarische Einladung
Buchinformation

Die Autorin Michi Strausfeld hat ein reiches Oeuvre beim Suhrkamp und S. Fischer Verlag im Bereich iberoamerikanische Literatur. In Spanien gründete sie eine Kinder- und Jugendbuchreihe bei Alfaguara und hat insgesamt etwa zwanzig Anthologien veröffentlicht. 2019 folgte die Monografie "Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren. Lateinamerika erzählt seine Geschichte". Für den Wagenbach-Verlag hat sie die vorliegende Anthologie aus verschiedensten Texten zur katalanischen Metropole Barcelona zusammengetragen. Ein Überblick, der mit kurzen Ausschnitten einen guten Einblick gibt und zu weiterer Lektüre einlädt. So wie übrigens die meisten der literarischen Einladungen des Wagenbach Verlages, die all in derselben Ausstattung in der SALTO Reihe in rotem Leinen und fadengeheftet erschienen sind.

Barcelona, die große Zauberin

"Mil-Euristas" nennt sich das neue Prekariat, das durch die Finanzkrise 2008 entstanden ist. Der Ausdruck bezieht sich einerseits auf "Millennium" andererseits auch auf Mille ("Tausend"), denn die angesprochene Schichte junger Leute verdient nur diesen Betrag pro Monat und das macht das Auskommen in einer durch wuchernde Mietpreise und Massentourismus gekennzeichnete Metropole quasi unmöglich. Aber wie sagt es die gebürtige Uruguayerin Cristina Peri-Rossi so schön: "Früher lebten hier (in Barcelona, JW) Iberer, Römer, Westgoten, Christen, Muslime und Juden. Heute leben hier Senegalesen, Marokkaner, Argentinier, Dominikaner, Peruaner, Deutsche, Chinesen, Andalusier und Menschen aus der ganzen Welt. Barcelona war romanisch und modernistisch und besitzt den Reichtum der Zweisprachigkeit, was unerklärlicherweise einige Politiker stört. Sie hat Kirchen und Moscheen, Händler und Dichter. Das ist ihr Reichtum: die Multikulturalität." Bei Carlos Ruiz Zafón wird Barcelona zur großen Zauberin, denn sie sei eine der wenigen Städte der Welt in denen man "21 Jahrhunderte" in zwanzig Minuten durchlaufen könne. So dicht ist das Stadtzentrum mit Geschichte vollgepropft, dass sich der geborene Barcelonese Enrique Murillo sogar den Einsturz der vier Türme des bekanntesten Wahrzeichens der Stadt, der Sagrada Familia, wünscht: "Ich habe die Sagrada Familia gehasst. Aus tiefster Seele. Ich wünschte mir, die vier verdammten grauen Türme würden mit lautem Getöse einstürzen", schreibt er und dass "die allgegenwärtige Vorherrschaft der Farbe Grau einem Kind Hoffnungslosigkeit einzuflößen" vermöge.

Stadt der Euphemismen

Dass auch ein Intellektueller und Autor wie Javier Circas mit alltäglichen Problemen zu kämpfen hat, schildert derselbe in seinem Beitrag zu vorliegender Anthologie "Kafka in Barcelona". Sein Vermieter erhöhte die Miete um 8000 Peseten, aber die Klage würde ihn mehr kosten als jeden Monat mehr zu zahlen, auch wenn er sicher gewinnen würde. Ist das schon kafkaesk genug? Eigentlich will er an seinem Roman schreiben, aber der Tod desselben wurde gerade von namhaften Intellektuellen verkündet, sein Auto abgeschleppt und das Auslösen desselben ihn weitere 28000 Peseten kostet. Ein Besuch im Kino ("Der falsche Mann", Hitchcock) treibt ihn zurück zu seiner Familie am Meer, wo er sich voller Angst im Sand vergräbt. Von den Alltagssorgen der Privilegierten geht es zu den städteplanerischen Fehlern der vorfranquistischen Periode, die Enrique Lynch in "Stadt der Euphemismen" beschreibt. "Barcelona war nie zur Metropole berufen, sondern stets eine Stadt, die darauf ihr Dasein als großes Dorf zu erhalten, denn Seele und Sitten ihrer Bewohner sind die von Dörflern." Klare Worte findet auch die Kulturjournalistin Llucia Ramis, die der jungen Generation angehört: "Barcelona prostituiert. In jeder Hinsicht. Die Stadt lässt anschauen gehen, seit sie sich einen Namen gemacht hat, seit sie zur Marke geworden ist wie das Playboyhäschen. Aber sie fickt dich auch." Barcelona, die "Grande Dame", wie Ramis sie nennt wird von ihr beschimpft, was von der großen Liebe, die sie ihr entgegenbringt. Denn die größten Lieben sind doch immer noch die unerwiderten, unglücklichen. Kurzum: "Barcelona ist eine literarische Stadt". Folgen Sie dieser amüsanten ebenso literarischen Einladung...Mit Texten von Maria Barbal, Javier Cercas, Najat El Hachmi, Juan Marsé, Cristina Morales, Sergi Pàmies, Carlos Ruiz Zafón, Juan Pablo Villalobos und vielen anderen.

Michi Strausfeld
Barcelona. Eine literarische Einladung
SALTO [273].
2022, 144 Seiten. Rotes Leinen. Fadengeheftet
ISBN 978-3-8031-1372-6
Wagenbach Verlag
22,– €

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2022-09-27)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.


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