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Slavoj Zizek - Das erhabene Objekt der Ideologie
Buchinformation

"Wir täuschen den anderen mit der Wahrheit: In einer Welt, in der alle nach der Wahrheit hinter der Maske suchen, täuscht man alle am besten, indem man die Wahrheit selbst als Maske trägt." Dreißig Jahre nach seinem ersten Erscheinen auf Englisch wird Žižeks Hauptwerk erstmals auch dem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht. Ausgerechnet im Jahre 1989, das als vermeintliches "Ende der Geschichte" in die Annalen einging, erschien Žižeks vielleicht einflussreichstes Werk, das gerade beweist, dass alles Ideologie ist. Oder besser noch in seinen Worten: "Der wahre Bruch liegt in der These, dass die Vorstellung eines möglichen Endes der Ideologie die ideologische Vorstellung par excellence (Hervorhebung durch SZ) ist."

Achtung vor "neuen Menschen"

Die einzige Möglichkeit, die vorherrschende Gesellschaftsstruktur zu überwinden, liege in der Anerkennung ihrer Antagonismen. Denn es gebe keine "Rückkehr zum natürlichen Gleichgewicht", so Žižek. Gerade das Streben, die Antagonismen abzuschaffen, trüge in sich den Keim des Totalitarismus. Die größten Massenmorde und Massenvernichtungen seien schließlich immer "im Namen eines Menschen durchgeführt worden, der als harmonisches Wesen, als neuer Mensch ohne antagonistische Spannungen" vorgestellt wurde. Der Gedanke des "neuen Menschen" allein sei schon totalitär. Dieselbe Logik, die die Menschheit in Entfremdung und Klassentrennung treibe, erzeuge auch die Bedingung ihrer Abschaffung - "die Wunde, schließt der Speer der sie schlug", wie Wagner, Marx' Zeitgenosse durch Parsifals Mund sagen lässt, so Žižek. Dadurch wird klar, dass jede Ideologie, die von einem neuen Menschen spricht, den bestehenden Menschen mit dem die neue Welt ja aufgebaut werden soll, versklaven, wenn nicht sogar abschaffen muss. Aber welche bessere Zukunft erwartet dann den Menschen, der gerade für eine solche Verbesserung kämpft?

Die "Unvernunft der Vernunft selbst"

Ideologie sei nicht einfach ein "falsches Bewusstsein", eine illusionäre Repräsentation der Wirklichkeit. Vielmehr müsse diese Wirklichkeit selbst schon als "ideologisch" begriffen werden. Durch den Äquivalententausch und das Auftauchen eines neuen widersprüchlichen Warentyps, der Arbeitskraft, werde das Symptom erschaffen. Die immanente Negation des universellen Prinzips des Äquivalententauschs bringe eine neue Qualität hervor. Im Proletariat trete die bestehende Gesellschaftsordnung die "Unvernunft der Vernunft selbst" (Marx) entgegen. Identität und Entfremdung hingen also voneinander ab, oder wie es Lacan ausdrückte, ein Wahnsinniger, der behaupte ein König zu sein, sei nicht wahnsinniger als ein König, der glaubt, er sei ein König. Exemplifiziert wird diese Idee durch Žižeks Illustration mit dem Dosengelächter amerikanischer Sitcoms: erschöpft nach einem langen Tag voller blödsinniger (Žižek) Arbeit auf den Fernseher glotzend würden wir von der Pflicht befreit, lachen zu müssen, da jemand anderer für uns lacht. Nachher können wir dann sagen, dass wir eine wirklich gute Zeit hatten.

Gewohnt lustbetont, unterhaltsam und witzig ist auch dieser Klassiker Slavoj Žižeks eine Pflichtlektüre für die Postmoderne in der die Wirklichkeit nur eine ethische Konstruktion ist, der wir uns unterwerfen, um dahinter unsere wahren Absichten zu verschleiern. Eine Flucht nach vorne also.


Slavoj Žižek
Das erhabene Objekt der Ideologie
2021, Paperback, 336 Seiten, Format 15,5 x 23,5
ISBN 978-3-7092-0474-0
Reihe Passagen Philosophie
Passagen Verlag
42,00 €

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2022-07-08)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.


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