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(Bücher frei Haus)
Der englische Bergarbeiterstreik
Rosa Luxemburg

Am 17. November fand endlich nach vier Monaten der gewaltige Streik von 300.000 englischen Bergarbeitern, ein Streik, der niemals seinesgleichen hatte, seinen Abschluß. Wir schrieben schon davon, daß er hervorgerufen wurde durch den Beschluß der Kohlengrubenbesitzer, die Arbeitslöhne vom August an um 25 Prozent herabzusetzen. Die Kapitalisten fanden, daß angesichts der gegenwärtigen niedrigen Kohlenpreise ihr Profit zu niedrig bemessen sei, und daß infolgedessen die Arbeiter auf ein Viertel ihres Arbeitslohnes verzichten müßten. Wie gegenwärtig der Profit der englischen Kapitalisten und neben ihm die Löhne der Arbeiterschaft aussehen, zeigt folgende Aufstellung eines englischen Sozialisten:

Die Gesamtzahl der Bergbaukapitalisten beläuft sich auf 3.000. Ihr Reingewinn betrug im Jahre 1892 170 Millionen Rubel. Die Zahl der Kohlenbergarbeiter im mittleren England beträgt 300.000. Ihr Jahresverdienst macht insgesamt 150 Millionen Rubel aus. Es entfällt also auf einen Kapitalisten ein Wocheneinkommen von 1090 Rubel, auf einen Arbeiter ein Wochenlohn von 9,60 Rubel. Auf diese Weise bekommt ein Dickwanst, der sein ganzes Leben lang nichts tut, genausoviel wie 115 Arbeiter, die schwer arbeiten müssen und Leben und Gesundheit ständiger Gefahr aussetzen!

Jedoch auch diese bescheidenen Löhne erlangten die Bergarbeiter nur durch große Anstrengungen und Dutzende von Streiks.

Denn noch im Jahre 1888 waren ihre Löhne um 40 Prozent niedriger, und furchtbares Elend mußten sie erleiden. Die Arbeiterkinder, so klagten die Bergarbeiter, „liefen halb verhungert herum“. Nach hartnäckigem Kampf erlangten die Bergarbeiter im Jahre 1890 allmählich die gegenwärtigen Lohnsätze, und nun beschlossen die Kapitalisten nach drei Jahren, abermals den Lohn auf 7,20 Rubel herabzusetzen. Die Bergarbeiter erklärten jedoch, daß die gegenwärtigen Lohnsätze die niedrigsten seien, auf die sie eingehen könnten, und daß sie vorziehen, überhaupt nicht zu arbeiten und gleich des Hungers zu sterben, als zum Elend des Jahres 1888 zurückzukehren.

Anfangs nahm man an, der Streik werde die gesamten Bergarbeitermassen erfassen, die in England zusammen mit Schottland mehr als 660.000 Menschen zählen. Im August gab es auch tatsächlich einen Augenblick, wo 500.000 Bergarbeiter gestreikt haben sollen. Jedoch verwarfen etwa 200.000 sehr schnell den Gedanken des Streiks, und so blieben auf dem Kampfplatze 300.000 Bergarbeiter, die bis zum Ende durchhielten. Dieser Mangel an Übereinstimmung unter den englischen Bergarbeitern hatte seine Ursache in der grundsätzlichen Verschiedenheit ihrer Ansichten und Organisationen. In England sind die Bergarbeiter in drei gewaltigen Hauptorganisationen vereinigt: dem Verband der Bezirke Durham und Northumberland, der etwa 100.000 Arbeiter umfaßt, dem Verband der Bezirke Südwales und Monmouthshire, 65.000 Arbeiter zählend, endlich der sogenannten Föderation der Bergarbeiter Mittelenglands, deren Einfluß sich auf mehr als 300.000 Arbeiter erstreckt. Ihrem Charakter nach sind diese Organisationen untereinander völlig verschieden. Die ersten beiden Verbände stehen unter dem Einfluß der am besten entlohnten Bergarbeiterschichten, die mit ihrem Schicksal zufrieden sind und ungern einen Kampf sehen. Die Bergarbeiter dieser Bezirke ließen sich von den Kapitalisten mit Hilfe der sogenannten „gleitenden Lohnskala“ betrügen. Dieser Betrug besteht darin, daß ein teilweise aus Arbeitern bestehender Ausschuß vorhanden ist, der gewöhnlich die Löhne auf Grund der Kohlenpreise bestimmt. Das sieht so aus, als sei der Kapitalist ein ganz unschuldiger Mensch, der bei der Festlegung der Löhne völlig abhängig ist vom Marktpreise seiner Ware. Es ist jedoch offensichtlich, daß bei den Kohlenpreisen, wie hoch oder niedrig sie auch seien, der Kapitalist die Löhne so festlegt, daß ihm immer noch ein großer Profit bleibt, während den Verlust die Arbeiter tragen.

Nachdem sie vor mehreren Jahren diese hinterlistige Einrichtung der gleitenden Lohnskala angenommen hatten, verfielen die Bergarbeiter der dortigen Bezirke einem Zustande der Erstarrung, da sie sich den Weg zur Besserung ihrer Lage durch den Kampf verlegt hatten. Im Glauben an die Richtigkeit der Lehre ihrer Ausbeuter wiederholen sie wie Papageien, daß eine Lohnerhöhung nur als Folge der Kohlenpreiserhöhung eintreten könne, da jedoch diese Preise niedrig seien, könne der Kampf nichts einbringen. In der Hoffnung also auf die göttliche Vorsehung und auf höhere Preise, besitzen die Bergarbeiter jener beiden Bezirke schlechte Organisationen und wollen mit den anderen Bergarbeitern Englands nicht solidarisch sein; ja sie stören sie im Kampfe und dienen den Kapitalisten als Werkzeug. Es sei hier noch bemerkt, daß dies gerade die Arbeiter sind, die der Einführung des achtstündigen Arbeitstages in England auf dem Wege eines obligatorischen Gesetzes widerstreben, da dies nach ihrer Meinung der „Freiheit“ des mündigen Arbeiters widerspreche. Wir sehen also, bis zu welchem Maße diese Arbeiter sich von ihren Ausbeutern verdummen ließen.

Ganz anders geartet sind die Arbeiter Mittelenglands, die in der sogenannten „Bergarbeiterföderation“ organisiert sind. Diese ließen sich die gleitende Lohnskala nicht aufzwingen. Sie glauben an keine Abhängigkeit des Arbeitslohnes von den Warenpreisen und sagen sich: „Uns geht der Kohlenpreis auf dem Markte nichts an. Wir müssen durch unsere Arbeit genug haben, um leben zu können, das andere ist nicht unsere Sache.“ Infolgedessen schlossen sie sich zum Kampf für die Verbesserung ihrer Lage in einem festgefügten und vorzüglich eingerichteten Bergarbeiterverband zusammen. Bis zum Jahre 1888, in der für die Bergarbeiter schlimmsten Zeit, gab es in Mittelengland einige kleine Verbände. Angesichts jedoch des damaligen Elends, schlossen sich die Bergarbeiterverbände in eine Föderation zusammen und der Kampf dieser Föderation war es, der seit jener Zeit, wie gesagt, eine Lohnerhöhung von 40 Prozent erlangte. Die zuletzt beabsichtigte Herabsetzung der Löhne traf abermals hauptsächlich die Bergarbeiter Mittelenglands. Im ersten Augenblick erließen sie einen Aufruf an die beiden anderen Bergarbeiterverbände, damit auch diese sich dem Kampfe solidarisch anschlössen Die Arbeiter dieser Verbände jedoch, treu ihren falschen Grundsätzen, wiesen den Vorschlag ab, da sie den Kampf um Lohnerhöhung angesichts der niedrigen Kohlenpreise für ein Hirngespinst hielten. Sie schämten sich nicht, sogar Überstunden zu machen und den streikenden Genossen in den Arm zu fallen. Sie versagten auch eine Geldunterstützung, trotzdem ihnen die Bergarbeiter Mittelenglands seinerzeit mit Hunderttausenden in ihrer Not beisprangen. Sich selbst überlassen, verloren die Arbeiter der Föderation nicht den Mut. Sie appellierten an die Solidarität der französischen, belgischen, deutschen und österreichischen Bergarbeiter, und diese beschlossen auf ihrem Kongreß, keine Kohle für den Export nach England zu produzieren. Die französischen und belgischen Bergarbeiter traten sogar in den Streik, mußten jedoch den Kampf aus Mangel an richtiger Organisation und infolge anderer Umstände mit teilweiser oder völliger Niederlage aufgeben.

Ein jeder wird nun die Frage stellen, wie es möglich war, daß 300.000 Bergarbeiter, die zusammen mit ihren Familien etwa eine Million Menschen ausmachen, vier Monate lang durchhalten konnten? Die Grundlage dafür gab in diesem Falle die vorzügliche Organisation der Bergarbeiter. Die ständig und in Fülle gespeisten Kassen besaßen am Anfang des Streiks zusammen mehrere Millionen Rubel. Ferner handelten die streikenden Bergarbeiter, dank der vorzüglichen Disziplin, alle gemeinsam und einträchtig, vermieden blutige Zusammenstöße mit dem Militär, und jeder Beschluß der Streikleitung wurde von allen ausgeführt. Infolge dieser Umsicht und Disziplin riefen die Bergarbeiter Schrecken in den Reihen der Kapitalisten hervor, wodurch diese von ihren Verfolgungsabsichten zurückgehalten wurden. So wohnt beispielsweise die Mehrzahl der englischen Bergarbeiter in den Häusern der Grubenbesitzer. Trotz des Streiks wagte man es jedoch nicht, sie aus den Wohnungen zu entfernen, da die Arbeiter drohten, daß in diesem Fall Blut fließen werde, die Kapitalisten aber sahen, daß dem Worte der Arbeiter Glauben geschenkt werden müsse.

Einen noch größeren Nutzen als die Angst vor ihrer Faust brachte den Bergarbeitern die politische Lage. In England, wo die Arbeiter das Wahlrecht besitzen und wo sie die gewaltige Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, hängt die politische Macht einer jeden Partei von dem Verhältnis der Arbeiter zu ihr ab. Denn diese beschlossen in England gerade in diesem Jahre, eine unabhängige Arbeiterpartei im Parlament zu gründen und reine Arbeitervertreter zu wählen. Bisher stimmten die Arbeitermassen leider immer für eine der bürgerlichen Parteien. Zwei Hauptparteien beherrschen seit einem Jahrhundert abwechselnd das englische Parlament: die liberale, die für die Rechte der Fabrikanten und Kaufleute kämpft, und die konservative, die die Interessen der Großgrundbesitzer vertritt. Diese beiden Hauptparteien, die sich immerfort untereinander befehden, siegen abwechselnd bei den Wahlen, je nachdem, für wen die Arbeiter ihre Stimme abgeben. Infolge dieser Abhängigkeit von der Arbeiterschaft beeilen sich diese beiden Parteien um die Wette, die Arbeiter auf ihre Seite zu ziehen; sie müssen also auch irgend etwas für die Arbeiterschaft tun. Auf diese Weise wird es begreiflich, warum die Grubenbesitzer, die zu der konservativen, der im letzten Wahlkampf geschlagenen Partei, gehören, mehr in der Angst, die Arbeiter könnten bei den künftigen Wahlen ihre Stimmen für die Gegner abgeben, als in der Angst vor den Arbeiterfäusten, den streikenden Bergarbeitern die Wohnungen in ihren Häusern nicht kündigten. Derselbe Umstand macht es auch begreiflich, warum die gegenwärtige liberale Regierung, die abermals dank den Arbeiterstimmen zur Macht gelangte, davor zurückschrak, die Streikenden mit militärischer Macht anzugreifen, und obwohl es an Militär und Polizei in den Bergwerksbezirken nicht mangelte, kam es doch nirgends zu solchen Gewaltakten wie beispielsweise während des Bergarbeiterstreiks in Frankreich. Wir sagen noch mehr. Es geschah das Wunder, daß fast die gesamte kapitalistische Gesellschaft in England den Streikenden reichliche Geldunterstützung zukommen ließ. Würdenträger, Pfaffen und Bischöfe, ja – selbst die Kohlengrubenbesitzer brachten manchmal Tausende von Rubeln zur Unterstützung der Bergarbeiter! Solche Wunder zeitigt die politische Abhängigkeit der Bourgeoisie von der Arbeiterklasse.

Es muß natürlich sehr bedauert werden, daß die englischen Arbeiter keine eigenen, sozialistischen Vertreter in das Parlament wählten, und die Bourgeoisie ihnen Zugeständnisse als selbständigen politischen Gegnern machen mußte, statt des Versuchs, sie auf ihre Seite zu ziehen. Wir sehen jedoch, welchen Nutzen die politischen Rechte der Arbeiterklasse bringen, ehe diese es noch versteht, diese Rechte gründlich auszunützen.

Somit hat also der Wettbewerb der bürgerlichen Parteien um die Gunst der Arbeiterschaft den Streikenden nicht wenig Geldmittel eingebracht. Hunderttausende von Rubel flossen auf diese Weise in die Streikkasse. Es ist wohl überflüssig, zu erwähnen, daß auch die Arbeiter sämtlicher anderen Industriezweige in England nach Möglichkeit halfen. Auf diese Weise konnte diese über eine Million zählende Masse mit Mühe und Not sechzehn Wochen lang durchhalten! Angesichts dieser Ausdauer der Streikenden begannen die Kapitalisten schon im August ihnen die Regelung des Lohnstreites durch ein Schiedsgericht vorzuschlagen. Die Arbeiter wollten jedoch nichts davon hören und wiederholten ständig, sie gingen auf keine Lohnherabsetzung ein. Dank der Versammlungsfreiheit hielten die Bergarbeiter zu Tausenden Versammlungen unter freiem Himmel ab, und die beredtesten unter ihnen feuerten die Genossen zur Ausdauer, zum Kampfe an; die Massen bekundeten eifrig ihre Zustimmung. Besonders zeichneten sich die Bergarbeiterfrauen durch Entschlossenheit aus und riefen, sie wollten eher ihre Kinder morden, als den Männern und Söhnen erlauben, zur Arbeit zurückzukehren und das ihnen gebotene Elend anzunehmen!... Der Beschluß einer jeden dieser Versammlungen lautete – weiterstreiken.

Inzwischen begannen die Vorräte der Kohlenbarone sich zu erschöpfen, die Kohlenpreise stiegen furchtbar. Eine Menge von Eisenwerken, Eisenbahnen usw. mußten aus Mangel an Brennmaterial den Betrieb stillegen. Die Furcht, den Absatz in verschiedenen Ländern zu verlieren infolge lang anhaltender Nichtlieferung von Waren, veranlaßte manche Kapitalisten, darauf zu drängen, daß der Streik irgendwie schnellstens seinen Abschluß fände. Die Öffentlichkeit litt ebenfalls unter der Verteuerung des Brennmaterials. Der Winter rückte inzwischen immer näher. Die Klagen über die Kapitalisten als die Urheber des Streiks und Stimmen, die der Arbeiterschaft Recht gaben, ließen sich immer häufiger vernehmen. Die Arbeiter dachten jedoch nicht daran, nachzugeben. Da wurden im Verbande der Kohlengrubenbesitzer Unzufriedenheit und Klagen gegen die Leiter des Verbandes immer häufiger, die den Streik hervorgerufen hatten und durch ihre Hartnäckigkeit den Unmut des ganzen Landes auf sich luden. Einer nach dem anderen begannen die Kapitalisten den Verband zu verlassen und auf eigene Faust den Arbeitern Konzessionen zu machen. Einer nach dem anderen erklärten sie ihre Bereitwilligkeit, die Arbeiter ohne Herabsetzung der Löhne wieder zu beschäftigen. Die Arbeiter stimmten auf ihren gemeinsamen Beratungen darin überein, daß diejenigen Genossen, die bei diesen Kapitalisten arbeiten, zur Arbeit zurückkehren mögen, mit der Bedingung jedoch, daß alle wiederaufgenommen werden, daß keiner wegen des Streiks entlassen wird. Gleichzeitig verpflichtete sich jeder der zur Arbeit Zurückkehrenden, sofort einen halben Rubel täglich zum Unterhalt der weiter im Streik stehenden Genossen an die Streikkasse zu zahlen. Also auch von dieser Seite kam ihnen teilweise Hilfe, und die Massen streikten ausdauernd weiter. Inzwischen drohte dem Verbande der Kapitalisten die Gefahr, die Mehrzahl der Mitglieder zu verlieren, und das brach endgültig seinen Widerstand. Angesichts dieser Tatsache und wegen der Gefahr des weiteren Streiks für das Bestehen der gesamten „einheimischen Industrie“, bot die Regierung einen ihrer Minister als Vermittler zur Verständigung zwischen den Arbeitern und Kapitalisten an. Beide Seiten nahmen diesen Vorschlag an, und am 17. November wurden die Ergebnisse der Verständigung folgendermaßen festgelegt:

Die Arbeiter können sofort alle die Arbeit unter den früheren Bedingungen wieder aufnehmen; es wird ein Ausschuß, bestehend aus 14 Kapitalisten und 14 Bergarbeitern gebildet, in welchem diese einen gemeinsamen Vorsitzenden wählen und vom 1. Februar 1894 an die künftigen Löhne der Bergarbeiter bestimmen werden. Dieser Ausschuß wird ein Jahr lang versuchsweise tätig sein.

Nach diesem Beschluß, der einen vollen und glänzenden Sieg der Arbeiterschaft darstellt, beschlossen die Führer des Streiks, diesen zu beenden und zur Arbeit zurückzukehren. Der Sieg und das Ende des Streiks riefen einen Freudenausbruch in sämtlichen Bergwerksdistrikten hervor. Die Gruben und Häuser wurden mit Laub geschmückt. Kinder tanzten und hüpften auf Wegen und Plätzen. Die Arbeiter beglückwünschten sich gegenseitig. Aber auch im ganzen Lande wurde dies Ereignis wie ein Festtag gefeiert. Im Parlament wurde die Nachricht von der Beendigung des Streiks mit einer betäubenden Applaussalve begrüßt; der Premierminister Gladstone atmete auf und sprach: „Gott sei Dank!“ Die gesamte Presse beschäftigte sich mit diesem Ereignis. Solch eine Bedeutung erlangten die Bergarbeiter durch ihren gewaltigen Kampf in ganz England.

Die Ergebnisse des Streiks können tatsächlich als Sieg angesprochen werden. Die Arbeiter zwangen vor allem ihre Ausbeuter, ihnen sofort die bisherigen Löhne zu bewilligen. Was ferner den Ausschuß anbetrifft, der im Laufe des nächsten Jahres die Löhne bestimmen soll, so kann man darüber beruhigt sein, daß er nichts von der Art des Komitees für die gleitende Lohnskala darstellen wird. Dafür bietet uns Gewähr die gewaltige Macht, die von den Arbeitern im Streik bewiesen wurde, mit der die Kapitalisten nicht allzubald wieder den Kampf werden aufnehmen wollen. Dafür bietet uns Gewähr auch die Entschlossenheit, mit welcher die Massen der Bergarbeiter an den bisherigen Löhnen festhielten, indem sie sagten, „sie hätten nichts gegen eine Regelung der Löhne nach den Kohlenpreisen einzuwenden, falls diese eine Erhöhung der Löhne bewirken sollten“. Endlich willigten die Arbeiter nur in einen einjährigen Versuch. Falls sie mit dem Ausschuß unzufrieden sein sollten, – werden sie nach einem Jahr den Kampf mit verdoppelter Kraft wieder aufnehmen.

Dieser Sieg ist ein Ereignis, wie es ihrer in der Geschichte der Arbeiterklasse nur wenige gibt. Einen so gewaltigen Streik sah man in Europa bisher noch nicht. Dabei gehört der Feind der Arbeiterschaft – der Verband der Kohlengrubenbesitzer in England – gleichfalls zu den gewaltigsten kapitalistischen Organisationen der Welt. Das Wichtigste jedoch, was diesen Streik so bedeutungsvoll macht, ist der Grundsatz, um welchen es sich in diesem Kampfe handelte. Es handelte sich darum, daß man sich überzeugte, ob das Erlangen oder Verteidigen eines besseren Lohnes möglich ist während des Preissturzes der Waren, ob bei niedrigen Warenpreisen – wie jene irregeführten und rückständigen englischen Bergarbeiter behaupten, die ihre Beteiligung am Streik versagten – die Herabsetzung der Löhne unvermeidlich ist. Mit anderen Worten, ob die Organisation und der Kampf der Arbeiterschaft heutzutage etwas erlangen könne, oder, ob der Arbeiter sich sämtlichen Schwankungen des Absatzmarktes unterwerfen und sein Elend in Demut tragen müsse. Der Sieg der Bergarbeiter in Mittelengland beweist, daß die letztere Ansicht falsch ist, daß der Arbeiter die Möglichkeit besitzt, sich wenigstens vor äußerstem Elend zu bewahren, sobald ihm eine starke Organisation und die politische Freiheit zur Verfügung stehen.

Infolgedessen reichen die Ergebnisse des Streiks und seiner Beendigung bedeutend weiter, als nur auf den unmittelbaren materiellen Nutzen der Bergarbeiter Mittelenglands. Wie gewöhnlich nach einer gewonnenen Schlacht verdoppelte sich der Einfluß der Bergarbeiterföderation und das Vertrauen zu ihr unter den Arbeitermassen. Noch williger als bisher werden die Beiträge in die Bezirkskassen fließen. Noch strikter und eifriger werden alle ihre Beschlüsse angenommen werden. Nicht genug damit. Die Arbeiter der anderen Bergwerksdistrikte, die ihre Beteiligung am Streik versagten, müssen nun der Föderation Mittelenglands Recht geben, deren Überlegenheit zugeben, und sie werden allmählich in ihre Fußstapfen treten. Schon während des Streiks erklärten sich die Bergarbeitermassen jener Distrikte für ihre Genossen aus der Föderation. Es kann kein Zweifel sein, daß sie sich früher oder später alle der siegreichen Föderation anschließen werden. Endlich zerschmetterte der Sieg der Streikenden den „Verband der Kohlengrubenbesitzer“, jene gewaltige kapitalistische Organisation, und schwächte sie in demselben Maße, wie er anderseits die Arbeiterorganisation kräftigte. Wir sahen schon, daß der Verband dem Streik fast völlig zum Opfer fiel.




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