Archiv klassischer Werke


 
Buchvorstellung
von Droste-Hülshoff, Annette -  bestellen
von Droste-Hülshoff, Annette:


Bei amazon bestellen

(Bücher frei Haus)
Durchwachte Nacht
Annette von Droste-Hülshoff

     Wie sank die Sonne glüh und schwer,
     Und aus versengter Welle dann
     Wie wirbelte der Nebel Heer
     Die sternenlose Nacht heran! —
     Ich höre ferne Schritte gehn —
     Die Uhr schlägt Zehn.

Noch ist nicht alles Leben eingenickt,
Der Schlafgemächer letzte Türen knarren;
Vorsichtig in der Rinne Bauch gedrückt,
Schlüpft noch der Iltis an des Giebels Sparren,
Die schlummertrunkne Färse murrend nickt,
Und fern im Stalle dröhnt des Rosses Scharren,
Sein müdes Schnauben, bis vom Mohn getränkt,
Es schlaff die regungslose Flanke senkt.

     Betäubend gleitet Fliederhauch
     Durch meines Fensters offnen Spalt,
     Und an der Scheibe grauem Rauch
     Der Zweige wimmelnd Neigen wallt.
     Matt bin ich, matt wie die Natur! —
     Elf schlägt die Uhr.

O wunderliches Schlummerwachen, bist
Der zartren Nerve Fluch du oder Segen? —
's ist eine Nacht, vom Taue wach geküßt,
Das Dunkel fühl' ich kühl wie feinen Regen
An meine Wangen gleiten, das Gerüst
Des Vorhangs scheint sich schaukelnd zu bewegen,
Und dort das Wappen an der Decke Gips
Schwimmt sachte mit dem Schlängeln des Polyps.

     Wie mir das Blut im Hirne zuckt!
     Am Söller geht Geknister um,
     Im Pulte raschelt es und ruckt,
     Als drehe sich der Schlüssel um.
     Und — horch, der Seiger hat gewacht!
     s' ist Mitternacht.

War das ein Geisterlaut? So schwach und leicht
Wie kaum berührten Glases schwirrend Klingen,
Und wieder wie verhaltnes Weinen steigt
Ein langer Klageton aus den Syringen,
Gedämpfter, süßer nun, wie tränenfeucht
Und selig kämpft verschämter Liebe Ringen; —
O Nachtigall, das ist kein wacher Sang,
Ist nur im Traum gelöster Seele Drang.

     Da kollert's nieder vom Gestein!
     Des Turmes morsche Trümmer fällt,
     Das Käuzlein knackt und hustet drein;
     Ein jäher Windesodem schwellt
     Gezweig und Kronenschmuck des Hains; —
     Die Uhr schlägt Eins.

Und drunten das Gewölke rollt und klimmt;
Gleich einer Lampe aus dem Hünenmale
Hervor des Mondes Silbergondel schwimmt,
Verzitternd auf der Gasse blauem Stahle;
An jedem Fliederblatt ein Fünkchen glimmt,
Und hell gezeichnet von dem blassen Strahle
Legt auf mein Lager sich des Fensters Bild,
Vom schwanken Laubgewimmel überhüllt.

     Jetzt möcht' ich schlafen, schlafen gleich,
     Entschlafen unterm Mondeshauch,
     Umspielt vom flüsternden Gezweig,
     Im Blute Funken, Funk' im Strauch
     Und mir im Ohre Melodei; —
     Die Uhr schlägt Zwei.

Und immer heller wird der süße Klang,
Das liebe Lachen; es beginnt zu ziehen
Gleich Bildern von Daguerre die Deck' entlang,
Die aufwärts steigen mit des Pfeiles Fliehen;
Mir ist, als seh' ich lichter Locken Hang,
Gleich Feuerwürmern seh' ich Augen glühen,
Dann werden feucht sie, werden blau und lind,
Und mir zu Füßen sitzt ein schönes Kind.

     Es sieht empor, so fromm gespannt,
     Die Seele strömend aus dem Blick;
     Nun hebt es gaukelnd seine Hand,
     Nun zieht es lachend sie zurück;
     Und — horch, des Hahnes erstem Schrei! —
     Die Uhr schlägt Drei.

Wie bin ich aufgeschreckt, — o süßes Bild,
Du bist dahin, zerflossen mit dem Dunkel!
Die unerfreulich graue Dämmrung quillt,
Verloschen ist des Flieders Taugefunkel,
Verrostet steht des Mondes Silberschild,
Im Walde gleitet ängstliches Gemunkel,
Und meine Schwalbe an des Frieses Saum
Zirpt leise, leise auf im schweren Traum.

     Der Tauben Schwärme kreisen scheu,
     Wie trunken, in des Hofes Rund,
     Und wieder gellt des Hahnes Schrei,
     Auf seiner Streue rückt der Hund,
     Und langsam knarrt des Stalles Tür —
     Die Uhr schlägt Vier.

Da flammt's im Osten auf, — o Morgenglut!
Sie steigt, sie steigt, und mit dem ersten Strahle
Strömt Wald und Heide vor Gesangesflut,
Das Leben quillt aus schäumendem Pokale,
Es klirrt die Sense, flattert Falkenbrut,
Im nahen Forste schmettern Jagdsignale,
Und wie ein Gletscher sinkt der Träume Land
Zerrinnend in des Horizontes Brand.

versalia.de empfiehlt folgendes Buch:
von Droste-Hülshoff, Annette - Sämtliche Gedichte.



Hinweis: Sollte der obenstehende Text wider unseres Wissens nicht frei von Urheberrechten sein, bitten wir Sie, uns umgehend darüber zu informieren. Wir werden ihn dann unverzüglich entfernen.

 

Aus unseren Buchrezensionen


Leiden hängt von der Entscheidung abFrei & Huber, Pauline C. & Michaela:
Leiden hängt von der Entscheidung ab
„Leiden hängt von der Entscheidung ab, Gedichte und Texte zu Leben, Sterben und Heilwerden“ von Michaela Huber (Hrsg.) & Pauline C. Frei – gelesen von Sabine Marya „Leiden hängt von der Entscheidung ab“ ist ein ganz besonderes Buch. Bereits der Titel ließ mich aufhorchen und hinspüren, bis ich den Satz des Dalai Lama [...]

-> Rezension lesen


 Reise ans Ende der NachtCéline, Louis-Ferdinand:
Reise ans Ende der Nacht
Manch kritischer Leser nähert sich Büchern in dem Wissen, dass er von ihnen belogen werden soll. Aber Louis-Ferdinand Céline, um dessen Buch "Reise ans Ende der Nacht" (1932) es hier gehen wird, verspricht ja gar nichts von heiligen dichterischen Wahrheiten, sondern stellt gleich auf den ersten Seiten klar, dass sein Roman [...]

-> Rezension lesen


Faust und die Tragödie der MenschheitMöhlmann, Roman:
Faust und die Tragödie der Menschheit
Können Goethes klassische Figuren Faust und Mephisto heutzutage noch fesseln? Können Sie als Protagonisten einen modernen Roman tragen? Funktionieren Sie in einem epischen Fantasy-Rahmen? "Faust und die Tragödie der Menschheit" von Roman Möhlmann beantwortet diese Fragen mit einem klaren und deutlichen [...]

-> Rezension lesen


 Die Rote ZonePasko, Grigori:
Die Rote Zone
Die verbrecherischen Gewaltakte gegen Anna Politkowskaja und Alexander W. Litwinenko sind die im Westen bekanntesten Beispiele von Willkür mutmaßlich russischer Apparate gegen kritische Stimmen. Dass diese Taten Inszenierungen regierungsfeindlicher Kräfte sein könnten, wird nicht glaubhafter durch die Tatsache, dass Russland auf einem [...]

-> Rezension lesen


Anmelden
Benutzername

Passwort

Eingeloggt bleiben

Neu registrieren?
Passwort vergessen?

Neues aus dem Forum


Gedichte von Georg Trakl

Verweise
> Unser Buchladen
> Lyrikband seelengruende
> Neue Gedichte: fahnenrost
> Kunstportal xarto.com
> Suchmaschine z3ro.net





Das Fliegende Spaghettimonster

netzbibliothek | Anti-Literatur | Datenschutz | Topliste | FAQ | Impressum | Rechtliches | Partnerseiten | Seite empfehlen | Schlesien | RSS

Systementwurf und -programmierung von zerovision.de

© 2001-2020 by Arne-Wigand Baganz

v_v3.31 erstellte diese Seite in 0.031435 sek.