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 Thema: Interkulturelle Existenz
Matze
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seit dem 09.04.2006

Das ist Matze

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 07.08.2006 um 12:28 Uhr

Holger Benkel verfügt über kulturelle Deutungsmuster und Übersetzungsmöglichkeiten, die anderen fehlen. Seine Biografie erscheint als Zwischenexistenz, als interkulturelle Existenz, aber sie dient ihm der produktiven Herausforderung und nicht irgendeiner ´Verostung´. Von westlichem Verschwörungsdenken ebenso weit entfernt wie von östlicher Zerknirschtheit, betreibt er eine Archäologie der Lebens– und Seinsformen in der ehemaligen DDR und im Nachwendedeutschland. Die literarische Gestaltung gesellschaftlicher Zustände und Prozesse kann indes beinahe nur gelingen, wenn man sie sich nicht dauernd vornimmt, sondern vielmehr aus der eigenen Erfahrung heraus schreibt.

Geschichte ist für Holger Benkel niemals endgültig erforscht. Jede Generation schreibt sie neu, sucht neue Perspektiven der Annäherung. Eine Gesellschaft versteht nur jene Erinnerungen, die sie in einem gegenwärtigen Bezugsrahmen rekonstruieren kann. Für ihn sind Symbole keine feststehenden Bedeutungszeichen, sondern Substanzen, die sich in einem permanenten Prozess befinden, der sie wandelt und worin sie selber immer wieder Facetten bilden. Er versucht Motivfelder, die ihm zufallen, zu gestalten. Seine Kunsttheorie nimmt die Antike als Basis, um in der Folge den Verfall zu diagnostizieren.

Der Lyriker sieht den Logos als Urgrund der Welt, aber nun nicht unpersönlich wie in der antiken Philosophie, sondern Person, eine Vernunft, die zugleich Liebe ist – schöner und klarer lässt sich das Wesen des Poesie, seine Anknüpfung an vorher Gedachtes und der entscheidende Schritt darüber hinaus kaum fassen. Die Sprachbilder, die Holger Benkel ersinnt, bewahren bei aller artifiziellen Konstruktion eine überzeugende Natürlichkeit. Diese ist selbst dann zu finden, wenn er ganz zwanglos Verknüpfungspunkte der damaligen Mentalität mit der heutigen sucht. Ein solcher Rückgriff auf Bildungsgut ist mitnichten Selbstzweck, stilistischer Schmuck, auch wenn er manchmal für die Überraschung der eher oberflächlichen Koinzidenz dient. Die Zentralfigur der europäischen Lyrik ist das entfremdete Individuum, das gerade aufgrund seiner Entfremdung immer weniger einem Kanon der Überlieferung folgen kann oder will. Holger Benkel sieht die Gefahr, dass geistig ideelle Prozesse den technologischen nicht mehr nachfolgen und dadurch letztere unkalkulierbare Wirkungen produzieren. Eine Alternative ist für ihn immer wieder die Rückbesinnung, die auch Gegenwärtiges in einem anderen Licht erscheinen lässt. Er dringt in die Gedärme der Sprache ein und lässt die Geistesgeschichte des deutschen Idealismus leuchten wie einen Leib in Verwesung. Seine utopischen und apokalyptischen Gedanken – und beides scheint ja zusammenzugehören – sind aus antiken und jüdischen Quellen gespeist. Expressionistische Dichter, die ihn früh anregten, haben im 20. Jahrhundert die bildungsbürgerliche Denkwelt und Ästhetik demontiert und zertrümmert. Im 21. Jahrhundert wird sich das kaum wiederholen lassen, weil der Bildungsbürger ausgestorben ist.

Seine Aphorismen gehen weiter als der geschriebene Text; sie sind kein Ende, sondern ein Anfang. Es gibt den Gedanken von Walter Benjamin, dass zu jeder Kultur, wie der Schatten der Aufklärung, ihr eigenes barbarisches Potential gehört. Wenn man mit Holger Benkel weiterdenkt, muss das nicht nur abwertend gemeint sein. Die Menschen in Westeuropa sehnen insgeheim bisweilen eine „barbarische“ Erschütterung herbei, um damit Versteinerungen der eigenen Kultur oder Lebensart aufzubrechen. Bei der Dialektik von Kultur, Zivilisation und Barbarei kommen einem 60 Jahre nach Kriegsende in der Tat noch andere Zusammenhänge von Denkern und Henkern in den Sinn. In seinen Gedichten, organisiert in freien, typografisch aufgefächerten Versen, bewegt sich ein nomadisierendes Ich durch graue, zerfallende Industrielandschaften und zeichnete das Bild einer Gegend im Fäulnisstadium. Diese impressionistischen Streifzüge eines renitenten Flaneurs bewahren ihre schöne Rauheit.

Matthias Hagedorn

Holger Benkel
geboren 1959, lebt in Schönebeck/ Elbe. Von ihm erschienen neben Künstlerbüchern kindheit und kadaver. Gedichte (1995) und Reise im Flug. Traumnotate (beide im Verlag Blaue Äpfel, Magdeburg)

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turmfalke
2 10.11.2007 um 18:33 Uhr
von baerchen


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