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Literaturforum: Realismus


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Forum > Literaturgeschichte & -theorie > Realismus
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 Thema: Realismus
LX.C
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Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 29.05.2007 um 16:54 Uhr

[Quote]Realismus […] gekennzeichnet durch bewusste Wendung zur weltoffenen Wirklichkeitsdarstellung, unparteiische Beobachtung und Schilderung der von den Sinnen fassbaren Welt unter Ausschaltung der Gefühle und Meinungen des Dichters und der Wertung von Gut und Schlecht, Schön und Häßlich […]

Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur, Stuttgart 1964.
[/Quote]

Ist das realistisch?

Ist nicht viel mehr das Paradoxe am Realismus (nicht dem heute allgemein angewandten Begriff, sondern der literarischen Epoche des 19. Jahrhunderts), dass er sich der Realität verschloss? Konservative Werterhaltung, Propagierung einer heilen Welt (insbesondere des Bürgertums), Scheuklappen und Abwehr, gegenüber dem Aufbruch der Moderne, mit all ihren Abgründen.


.
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Gast873
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1. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 30.05.2007 um 19:57 Uhr

Das gehört zum Wesen des literarischen Realismus, und nicht minder des Naturalismus, dass sie beide die "Wirklichkeit" ungefiltert darzustellen versuchen, aber mit den Mitteln der "mimetischen" Kunst schlechthin, und dass sie aus dieser Spirale der Abbildung der Wirklichkeit, worin die Ziele mit den Mitteln kollidieren, nicht herauskommen. Es ist letztenendes dennoch Kunst, was sie produzieren und kein "Ding an sich", kantisch gesprochen ist es ein ding der Unmöglichkeit, ein (Literatur-)Wahn, der anspruchslos sein will.

Gruß
Hyperion

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LX.C
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2. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 30.05.2007 um 21:13 Uhr

Diese Nachricht wurde von LX.C um 21:17:46 am 30.05.2007 editiert

[Quote]und dass sie aus dieser Spirale der Abbildung der Wirklichkeit, worin die Ziele mit den Mitteln kollidieren, nicht herauskommen.[/Quote]

Aber das ist doch auch gar nicht das Anliegen dieser Epochen!?

Ich bin dennoch der Meinung, dass der Naturalismus die realistische Darstellung seiner Zeit besser beherrscht. Er verschließt sich nicht der Realität, denn im gesellschaftlichen Kontext gibt es in nichts, das Wert wäre, sich daran klammern zu wollen. Der Naturalismus hat nichts zu verteidigen und somit auch nichts zu beschönigen. Der Realismus hingegen wehrt sich gegen die Zeichen der Zeit, gegen das aufkommende Industrialisierungszeitalter, während dem Naturalismus nichts anderes übrig bleibt, als in ihm aufzugehen.


.
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Gast873
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3. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 31.05.2007 um 19:20 Uhr

Klar ist das nicht das Anliegen dieser Epoche, es ist die evidente Schwäche des Realismus. Solch ein "Stil" kann gut gehen, z.B. in England (Dickens), Frankreich (Flaubert) oder in Russland (da könnte man mehrere erwähnen wie Tolstoi, Dostojewski, Gontscharow) aber er kann auch schief gehen. In Deutschland ist solch ein Unternehmen völlig in die Hose gegangen, nie war die Diskrepanz kleiner zwischen der Kunst und Banalität, nie das Scheitern im Vergleich zu den Europäern schmachvoller als am Ende des 19 Jh.s in Deutschland, aber nicht aus Gründen der Darstellung des spießigen Bürgertums, sondern weil wir nichts mit "Zeitungsberichten" in der Literatur anfangen können. Wir hatten gerade das Zeitalter der Klassik, Romantik, Vormärz hinter uns gebracht und da konnten Fontane und Raabe (den ich sehr, sehr schätze) leider überhaupt nicht mehr mithalten.

Wir nähern uns heute wieder dem Ansprcuhslosen in der Kunst mit großen Schritten, man denke da an Hardcore-Realismus oder Pop-Literatur(Kaminer "Russendisko"), aber damlas wie heute lässt die Qualität extrem zu wünschen übrig.

Gruß
Hyperion

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LX.C
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4. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 31.05.2007 um 20:27 Uhr

[Quote]aber nicht aus Gründen der Darstellung des spießigen Bürgertums, sondern weil wir nichts mit "Zeitungsberichten" in der Literatur anfangen können.[/Quote]

Wie meinst du das?


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Gast873
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5. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 31.05.2007 um 20:35 Uhr

Nun ja, was der Poetische Realismus beinhaltet, hast du oben sehr zutreffend beschreiben ("Scheuklappen" im gewissen Sinne), und ich will den Begriff nur etwas verschärfen, indem ich in ihm den Beginn des feuilletonistischen Zeitalters in der Literatur diagnostiziere. In der Zeitung war ebenfalls nur das als Sensation erlaubt, was des "kaiserlichen" Bürgertums konform war war. D.h. Zeitung (damals) und Literatur waren sich verdammt ähnlich, weil die Kritiker das große Sagen hatten, und die Künstler nach ihrer Pfeife tanzten.

Gruß
Hyperion

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LX.C
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6. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 09.06.2007 um 13:04 Uhr

Diese Nachricht wurde von LX.C um 13:17:58 am 09.06.2007 editiert

Anders als in Frankreich suchten die deutschen Schriftsteller eine Synthese zwischen Idealismus und Realismus, die eine Verbindung zwischen Wirklichkeit und dem bürgerlichen Ideal herstellen sollte. Doch wäre es falsch, den deutschen poetischen Realismus (19. Jh.) einzig als verklärende Epoche zu bezeichnen. Zwar beschränkte sich seine Sicht zumeist auf das Bürgertum, doch zeichneten Autoren durchaus auch ein kritisches Bild.

Es sind also nicht die Autoren des poetischen Realismus bedeutend geblieben, die eine moralisierende "Wirtschaftsideologie" betrieben, in der das Gute des bürgerlichen Standes stets gegen die schlechten Einflüsse von außen siegte, wie z.B. Gustav Freytag, der seinerzeit horrende Erfolge feierte, heute jedoch literarisch keine Rolle mehr spielt. Bestand haben diejenigen Autoren, die dem bürgerlichen Stand kritisch gegenübertraten und deren Protagonisten meist an den Konventionen des eigenen Standes scheiterten.

Der Realismus kann also als literarische Epoche des Bürgertums bezeichnet werden, die sich der sozialen Wirklichkeit außerhalb dieses Standes verschloss – aus diesem Grund war der Bruch zum Naturalismus, anders als in Frankreich, auch besonders stark –, der innerhalb des Bürgertums jedoch realistische Aufklärungsarbeit zu leisten im Stande war.

Anzuführen sind hier z.B. Theodor Fontane, Conrad Ferdiand Meyer oder Theodor Storm.


.
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mala
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7. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 09.06.2007 um 14:35 Uhr

*Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand*
fällt mir immer wieder gern ein.


Es gibt nichts, was es nicht gäbe, und nichts ist weniger ergründbar als die Komplexität und der Facettenreichtum zwischenmenschlicher Beziehungen, und seien es Liebesbeziehungen.
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Gast873
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8. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 21.06.2007 um 17:07 Uhr

Diese Nachricht wurde von Hyperion um 17:14:57 am 21.06.2007 editiert

Zitat:

Anders als in Frankreich suchten die deutschen Schriftsteller eine Synthese zwischen Idealismus und Realismus, die eine Verbindung zwischen Wirklichkeit und dem bürgerlichen Ideal herstellen sollte.

Man hat den Eindruck, obwohl der Satz gute Absichten verfolgt, er würde wegen seiner Universalität ebenso in jede x-beliebige B.-Brecht-Biografie hinein passen, wie auf sonst jeden Dichter. Das kann also diese Epoche nicht auszeichnen, weil der Satz alles und nichts meint.

Das 19. Jahrhundert war DIE Geburtstunde der Literaturwissenschaften, insbesondere der Germanisitk in Deutschland. Der Einfluss machte sich in der Epoche des Realismus besonders stark bemerkbar, sodass der EINZIGE Kritiker dieser Zeit, nämlich F. Nieztsche, die "Deutschen als ein Volk von Tanzbären" bezeichnen konnte. Zu Recht! Heute ist es Gang und Gebe, dass man als Dichter entweder Philosophie und/oder Germansitik als Schriftsteller vorher studiert haben muss, oder auch nicht, d.h. das Verhältnis hat sich "relativ" die Waage gehalten und normalisiert.

Auffallend ist auch, wenn man den Mantel der Landesgrenzen abstreift und das Phänomen des "Realismus" im Kontext der Kunst beobachtet, dass gleichzeitig in Russland (allen voran Jessenin) in USA/Italien Ezra Pound und in Frankreich Spanien (Picasso) etwas auf den Plan rufen mussten, was dem "relitätsuntauglichen" Realismus das Wasser sofort abschöpfen musste.

In Russland sprach man, angeführt von dem genialen Lyriker Jessenin, von der "Ikone" vom "Bild", auch Lou Salome sprach begeistert von dieser Idee nach ihrer Russlandreise, Tolsoi hat ihrer Meinung nach ausgedient und abgedankt, Ezra Pound, der das Gleiche meinte mit seinem "The Image", wurde später verhaftet und in die Psychiatrie als Vaterlandsverräter eingewiesen. Picasso entdeckte surrealistische Formen in der Malerei (also völlig konträre Grundsätze zum bürgerlichen Ralismus) aus der der Kunst inneren Notwendigkeit heraus. In Frankreich begann schon längst die "decadence" mit Huysmans, und wir krebsten immer noch im Sumpf der Industrialisierung in der Dichtung rum.

Freiheit, hat ein berühmter deutscher Philosoph definiert, ist die Einsicht in die Notwendigkeit, in die Notwendigkeit der Kunst, als verschlüsselte, um die Wirklichkeit durch die Deutung besser verstehn zu können.

Deutschland wurde erst mit Thomas Mann, H. Hesse, R. Musil wieder in der Kunst rehabilitiert. Die Epoche des Realismus hat Vieles kaputt gemacht, und da konnte nicht einmal mehr der Naturalismus die Wogen glätten. In Deutschland trafen Symbolisten wie Rilke, Expressionisten wie Benn, auf die Bühne und verhalfen der deutschen Literatur wieder auf die Weltbühne. Der Realismus spielte keine große Rolle, als insofern, dass man sich von ihm später umso sicherer abstoßen konnte, um wieder große Kunst zu produzieren.

Gruß
Hyperion

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Mina_Harker
Mitglied

1 Forenbeitrag
seit dem 22.05.2008

     
9. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 22.05.2008 um 13:37 Uhr

Was mich immer sehr irritiert, wenn es um den Realismus geht, ist die vielfache Bezeichnung. Es gibt poetischen, kritischen, bürgerlichen und programmatischen Realismus.. Kann mir jemand helfen und mich aufklären, was sich hinter diesen Begriffen verbirgt?
vlg Mina

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