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Der Duft nach Sommer
Autor: Karin Buchholz · Rubrik:
Erzählungen

Inhalt:
Ein winziges Gartenhaus am Waldrand ist Katharinas Zuhause, von dem aus sie das Leben beobachtet. Ihre Mutter führt ein kleines Blumengeschäft, und so verbringt Katharina in bescheidenen Verhältnissen glückliche Kindertage zwischen Blumen, Zweigen und Dorfklatsch. Dann aber wird am anderen Ende des Dorfes ein neues Haus gebaut, und die Familie beauftragt Katharinas Mutter mit der Gartengestaltung. Hier nun lernt Katharina Hotte kennen, den Jungen, dem alle Mädchen der Schule augenblicklich zu Füßen liegen. Auch Katharina träumt von dem gut aussehenden und selbstbewussten Burschen. Doch Hotte hat anderes im Kopf und beachtet die scheue Gärtnertochter kaum. So muss sie sich immer wieder von ihrem Jugendfreund Jakob trösten lassen.
Einige Jahre später aber begegnet sie Hotte noch einmal...


Leseprobe:

- Kapitel 1 -

Katharina
Wir lebten in einem kleinen Dorf, in dem es nichts Außergewöhnliches gab, das ein Kinderherz hätte höher schlagen lassen. Außer… aber dazu später!

Meine Mutter arbeitete in einem kleinen Blumenladen, der in Wirklichkeit ein winziges Gewächshaus am Waldrand, gleich neben dem Bahnübergang war. Durch das Laub und den Dreck, der von den Bäumen fiel, waren die Scheiben dieses Gewächshauses immer grünlich bemoost und gaben dem kleinen Häuschen ein stets schummriges und geheimnisvolles Licht. Ich saß oft hinten in der Arbeitsecke auf dem Boden, dort, wo meine Mutter die Blumen zu wunderschönen Sträußen, Kränzen und Gestecken zusammenband, und schaute ihr zu. Von hier hatte ich einen guten Blick über den ganzen Laden - sah, wer hereinkam, hörte, was sie sprachen, und das Beste war: die anderen konnten mich nicht sehen!

So bekam ich früh einen Eindruck davon, über was die Leute reden. Zuerst einmal redeten sie über die anderen Leute aus dem Dorf. Das war immer sehr spannend, und oftmals erzählten verschiedene Leute ganz verschiedene Geschichten über dieselben Leute. Ich dachte immer, das sei eine Art Ratespiel, bei dem man herausfinden sollte, welche der Geschichten wahr und welche erfunden waren. Aber meine Mutter ärgerte sich über diese Geschichten. Sie sagte immer, damit würde sehr viel Unglück in die Welt gebracht. Das habe ich nie so richtig verstanden, aber meine Mutter war die klügste Frau, die ich kannte, und noch dazu die schönste, und sie musste schließlich wissen, was sie sagte.

Ein beliebtes Gesprächsthema war auch der Pastor unserer kleinen Kirchengemeinde. Pastor Flemming, ein junger und fröhlicher Mann, der im Kindergottesdienst immer Bonbons und Kekse verteilte, war lange Zeit meine große, wenn auch heimliche Liebe gewesen. Inzwischen waren wir nur noch Freunde, denn ich hatte mich in jemand anderen verliebt, aber trotzdem hörte ich immer besonders genau zu, wenn die Leute über Pastor Flemming sprachen. Sie sprachen über seine letzte Predigt, seinen letzten Krankenbesuch bei demunddem, die letzte Beerdigung von derundder auf dem Dorffriedhof - aber eben manchmal auch über den Pastor selbst. Und das waren bei weitem die besten Gespräche, die ich belauschen konnte! Dass der Pastor ganz allein lebe und keine Frau hätte, wurde da beredet, und dass das nicht gut sei für einen jungen Mann, sagten sie. Dabei fand ich, dass Pastor Flemming gar nicht unglücklich aussah. Und schließlich hatte er ja Frau Marquardt, seine Nachbarin, die für ihn kochte und immer frisch gebackene Kekse für uns Kinder hatte, wenn wir nach der Bibelstunde an der stets offen stehenden Küchentür des Gemeindehauses vorbeikamen. Was sollte daran nicht gut sein für einen jungen Pastor? Also ich hätte mich gefreut, wenn Frau Marquardt auch für uns gekocht hätte. Dann hätte meine Mutter viel mehr Zeit für mich gehabt, und ich hätte noch mehr Geschichten über den Pastor erfahren können.

Aber in diesem Sommer sollte ein anderes Thema für mich viel interessanter werden.

Unser Dorf hatte Zuwachs bekommen. Am anderen Ende der Dorfstraße war ein großes, wunderschönes Haus gebaut worden, und seit ein paar Tagen wurden im Garten, der noch ziemlich ungemütlich aussah, Bäume und Büsche gepflanzt. Letzte Woche war ein gutaussehender Mann ins Gewächshaus meiner Mutter gekommen und hatte lange mit ihr gesprochen. Als er ging, hatte meine Mutter das strahlendste Lächeln auf dem Gesicht, das ich seit langem bei ihr gesehen hatte. Sie kam in die hintere Ecke des Ladens, wo ich auf dem Boden saß und aus kleinen Margeritenblüten einen Kranz band, hockte sich zu mir und drückte mir einen dicken Kuß auf die Stirn. ”Das ist ein guter Tag”, sagte sie strahlend. ”Diesen Monat haben wir genug zum Leben!” Dann stand sie auf und räumte und putzte den Laden mit so viel Energie, dass ich Angst bekam, sie könnte platzen. Ich hatte mal gehört, wie Frau Marquardt sagte, sie sei so froh gewesen, dass sie beinahe geplatzt wäre. Seitdem hatte ich Angst, dass ich einmal platzen könnte, wenn ich mich zu sehr freute. Meine Mutter freute sich selten damals, und so hatte ich bisher keine Angst um sie gehabt. Aber jetzt schien sie mir in großer Gefahr zu sein. Besorgt beobachtete ich ihren Feuereifer, aber noch bevor ich etwas Warnendes sagen konnte, kam sie wieder zu mir, drückte mich und sagte: ”Komm, Katharina, wir wollen los!”
Wir fuhren mit unseren alten Fahrrädern ans andere Ende des Dorfes zu dem ungemütlichen Garten, und meine Mutter stand - immer noch strahlend - am Zaun und schaute auf die Wüstenlandschaft. ”Das wird alles schön grün und mit bunten Büschen bepflanzt. Das wird ein Paradies, sage ich Dir!” Wieder drückte sie mich, und ich versuchte mir vorzustellen, wie die Sandhaufen rund um das wundervollste Haus, das ich je gesehen hatte, sich in ein Blütenmeer verwandeln würden. ”Herr Kuhn hat alle Pflanzen für seinen Garten bei mir bestellt, stell Dir das vor!” Der Glanz in den Augen meiner Mutter wechselte langsam in Tränen, die nun ihre Wangen herunterliefen. Dabei lachte sie weiter und wischte sich die Tränen mit dem Handrücken ab. Wahrscheinlich hatte sie starke Schmerzen. Es muß doch wehtun, wenn man platzt, dachte ich. ”Laß uns nach Hause gehen”, sagte ich deshalb vorsichtig und war erleichtert, als sie ohne weitere Tränen mit ihrem Fahrrad neben mir her schob.
In den nächsten Wochen hatte ich noch öfter Angst, dass meine Mutter vor Glück platzen könnte, denn sie war so fröhlich und aufgekratzt, wie schon seit langem nicht mehr. Also passte ich besonders gut auf sie auf und war nach der Schule immer in ihrer Nähe.
Sie fuhr jetzt jeden Nachmittag zu dem neuen Haus mit dem komischen Garten und arbeitete dort viel und lange. Manchmal konnte ich ihr ein wenig helfen. Ich schleppte Gießkannen zum Wasserhahn an der Häuserwand und ließ das Wasser prasselnd hineinlaufen. Die schweren, gefüllten Kannen trug dann aber meine Mutter und wässerte damit jede einzelne Pflanze auf dem großen Grundstück. Wir hatten oft stundenlang zu tun, aber die Freude, die meine Mutter dabei hatte, steckte mich an.
Um so mehr, als auch ich etwas zu sehen bekam: Eines Tages nämlich kamen die Bewohner des Hauses, der Mann, der im Gewächshaus gewesen war mit seiner Frau, einer blonden, etwas blassen, leisen Person, die kurz darauf im Haus verschwand, und - dem besonderen Objekt meiner Neugierde - seinem Sohn.
Vater und Sohn kamen über die aufgeschütteten Erdhügel und ersten Pflanzungen zu uns herüber, und begrüßten meine Mutter und mich. Herr Kuhn hatte eine angenehme Stimme und plauderte fröhlich mit meiner Mutter über den Garten und die Fortschritte, die alles machte.

”Hotte”, sagte der Junge und hielt mir seine Hand hin.
”Wie?” fragte ich verdutzt und wollte ihm gerade meine Hand reichen, als mir auffiel, wie schwarz und erdverkrustet sie war. Verwirrt zog ich die Hand zurück, woraufhin auch er seine zurückzog.
”Hotte”, sagte er noch einmal, ”ich heiße Hotte”.
”Oh, Katharina”, sagte ich und bemühte mich zu lächeln. Dämlich so eine Begrüßung, wirklich dämlich!
”Okatharina ist aber ein schöner Name”, sagte er lachend, drehte sich zum Haus um und verschwand.
Okatharina ist aber ein schöner Name, äffte ich ihn in Gedanken nach. Trottel! Der hielt sich wohl für superschlau! Und überhaupt: Hotte. Was war das denn für ein Name, hä?! Na warte, Bürschchen, wir sehen uns wieder!
Und wir sahen uns wieder, und zwar noch oft.

Hotte ging auch auf unsere kleine Dorfschule, eine Klasse über mir, und er war sofort die Attraktion des Dorfes. Alle suchten seine Nähe, weil er ja aus der Stadt kam und irgendwie anders war als alle anderen hier. Auch wenn die Stadt nur knapp zehn Kilometer entfernt war, war das schon die ”große weite Welt” für uns.
Auch wenn ich ihn bei unserer ersten Begegnung nicht gerade sympathisch fand, konnte ich doch nicht verhindern, dass ich oft, viel zu oft, an ihn denken musste. Er sah aber auch einfach zu gut aus!

Sein Interesse an mir hielt sich allerdings stark in Grenzen. Er hatte überall Erfolg, und schon bald gesellte sich eine feste Schar seiner Anhänger ständig um ihn. Mit diesem Tross zog er umher, verbreitete die Aura der weiten Welt um sich und erntete die uneingeschränkte Bewunderung aller.
Ich war schon immer ein Außenseiter gewesen, hatte mich nie an den albernen Mädchenspielen beteiligt - Puppenkleider häkeln, Gummitwist und Seilhüpfen, das war alles nichts für mich. Ich hatte jetzt meine Vorliebe dafür entdeckt, Menschen zu beobachten, und im besonderen natürlich Hotte.

Fortsetzung im Buch…

© COPYRIGHT by Karin Buchholz
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Bibliographische Daten:

Karin Buchholz
„Der Duft nach Sommer“ – Eine Erzählung
Frieling-Verlag Berlin
48 Seiten – Taschenbuch – EUR 5,90
ISBN 3-8280-2130-1


Einstell-Datum: 2007-06-18

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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