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Die Leistungsgesellschaft - ein Gedicht
Autor: Rainer Ostendorf · Rubrik:
Humor & Satire

Die Leistungsgesellschaft

Hört euch jetzt an, wie viele stöhnen, in dieser
überregulierten Welt. Viele möchten sich mir ihr
versöhnen, sie durchschauen das System, schreien
nicht nur nach Geld.

Ich bin Banker, und aus Angst vor Fehlern krieche
ich mit feuchten Händen und nassem Hemd. Ich werde
gemobbt, bin stark verklemmt. Seriösität, das wird
von mir verlangt, von den Gangstern in der Bank.
Ich steige aus, es langt.

Ich bin Psychiater, an Patienten besteht kein Mangel,
das Volk, es leidet, ist sehr bange. Vor lauter
Patienten bin ich selbst nicht mehr ganz klar im
Kopf, was soll ich machen - wer hilft mir - schon wieder
stehen 100 Fälle vor der Tür.

Ich bin Unternehmer, jahrelang machte ich Geschäfte
mit der Bank von nebenan. Doch wehe dir, die letzte
Rechnung bleibt noch offen, die Bank verhält sich
wie besoffen. Sie gibt den Fall der Rechtsabteilung
und quetscht den letzten Taler aus mir raus. Statt
abzuschreiben, zu verzichten, macht sie noch Arbeit
den Gerichten. Droht ihr selbst die einmal Pleite,
mit Steuergeldern steh ich ihr beiseite.

Ich bin Versicherungsexperte, spiel mit den Ängsten,
das bringt Geld. Kleingedrucktes, Stornoquoten, darüber
schweige ich. Ich bin link und finde mich unmöglich.
Ich bin Lehrer, lass Kinder büffeln, schwitzen und
sitzen. Nervlich bin ich fertig, nur noch ein Wrack.
Ich muss früh in Pension, ich armer Sack.

Ich bin Anwalt, emotionslos und eiskalt. Vollmacht,
Vorschuss, dann Vergleich. Mit der Sutane quatsche
ich die Richter weich. Doch Aktenberge, Protokolle
und Beschlüsse, in den Papierenstecken viele harte Nüsse.
Und ständig ändern sich die Gesetze, Termindruck,
es ist nur noch eine permanente Hetze.

Ich bin Steuerberater, blick nicht mehr durch. Ständig
ändert sich das gottverdammte Steuerrecht, Mandanten
schimpfen, ihnen wird schlecht. So viel Papier, so
viele falsche Zahlen, ich bin genervt und leide Qualen.

Ich bin Ingenieur, baue Autos, Software und Maschinen,
möglichst komplex und kompliziert, das sich der Nutzer
darin verirrt. Er flucht, fängt laut zu schreien an:
"Ich blick nicht durch, da muss der Fachmann ran."

Ich bin Facharbeiter, auf einen grünen Zweig komme ich
nie, Kosten, Abgaben und Steuern zwingen mich und meine
Familie in die Knie. Inflation und Kaufkraftschwund,
ein Sklave bin ich, ein armer Hund.

Ich bin Leiharbeiter, arbeite zum halben Lohn. Bin ich
blöd? Ist das gerecht? Aussteigen werde ich, das weiss
ich schon, wenn ich nicht krieg den doppelten Lohn.

Ich bin Arzt, zu Minisätzen klopfe und horche ich im
Akkord an Alten, Kranken und Lahmen. Habt mit mir
doch mal Erbarmen.

Ich bin Patient, der Krebs hat mich erwischt, im
Akkord geleierte Trostsprüche von Pfaffen brauche
ich nicht. Die letze Ölung sollen diese Hinterweltler
sich doch selber geben, bald steig ich aus, aus diesem
gottverdammten Leben.

Ich bin Unternehmensberater, blöffe mit Grafiken und
Sprüchen. Doch viele Kunden meinen, "Gelesen, gelacht
und gelocht" - Ein Folgeauftrag, kommt er noch?

Ich bin Finanzbeamter und genau so gierig wie die
Banker. Penibel wühle ich in Akten und Papieren,
manchmal lass ich mich auch schmieren. Das bringt
Geld, nur leider bin ich ein sehr unbeliebter Held.
Ich bin ein kleiner mieser Bürokrat, halb Mann,
halb Schreibtisch, ich brauche dringend ärztlichen Rat.

Ich bin Politiker, knicke ein bei Lobbygruppen, will
das mich alle wählen, Machterhalt und Wählerstimme ist
das was für mich zählen. Ich werde beschimpft und
attackiert, Eier und Tomaten fliegen. Ich sehe schwarz
und habe Angst vor Rot, ohne Leibwächter wäre ich
längst tot.

Ich bin Journalist, knallige und krawallige Sensationen
sind meine Stärke. Mit Übertreibungen und Provokationen
gehe ich zu Werke, Schmuddelkram, Sexklatsch, Tratsch,
Mord und Gewalt, steigende Auflagen sind gut fürs Gehalt.
Wahr ist es selten, was ich schreibe, ein Tagelöhner bin ich,
ich saufe und leide.

Ich bin Rentner, lebe einsam und verlassen, mein Lebenslicht
wird bald verblassen. Vorsorge und Rente waren ein schlechter Deal, und die harte Arbeit, das war alles viel zu viel. Ob man mich findet, wenn mir etwas passiert? Ist auch egal, ich bin frustriert.

Ich bin Schüler, Qualifizierungen, Prüfungen und Kurse,
das ist mir alles viel zu viel. Ich steige aus ihr Streber,
ihr, ihr Prüden, ich will leben, am Strand, im Süden.

Rainer Ostendorf
www.freidenker-galerie.de


Einstell-Datum: 2012-06-23

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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