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Solenoid auf der BUCH WIEN 2019
Autor: Jürgen Weber · Rubrik:
Phantastik

Im Rahmen der BUCH WIEN 2019, der Buchmesse auf dem Wiener Pratergelände, fand auch eine Lesung des rumänischen Schriftstllers Mircea Cartarescu in kleinem Rahmen im Alten Rathaus in Wien statt. Sein kongenialer Übersetzer Ernest Wichner war mit dabei und übersetzte auch die Fragen des Publikums.

Levitation durch den Solenoid

Mit Wien verbindet den zuerst durch seine Orbitor-Trilogie, die ebenfalls wie seine neuestes Buch „Solenoid“ beim Zsolnay Verlag erschienen ist, immerhin ein Jahr, in dem er hier auch unterrichtet hat und in der „Marienstraße“ (wahrscheinlich: Mariahilferstraße) gewohnt habe. Er schätze die Stadt für ihre Geschichte und habe sich in Wien sehr wohl gefühlt. Seither ist Mircea Cartarescu aber zum international gefragten Schriftsteller herangewachsen, der 2015 den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung und den Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur sowie 2018 den Thomans-Mann-Preis und Premio Formentor ehralten hat. Als sein Übersetzer Ernest Wichner die Lesung aus dem Kapitel 8 des „Solenoid“ beendet, zeigt sich der Autor selbst positiv überrascht davon. Er lese seine Bücher ja nur, er schreibe sie nur, erklärt er verschmitzt und sein bescheidenes Lächeln macht ihn sofort sympathisch. Schließlich hat dieser kaum 63-jährige Mann Weltliteratur geschrieben, die seines Zeichens sucht und eingereiht werden kann in die großen Werke dieser Weltliteratur, die von Edgar Allan Poe bis Dostojewski, den Surrealisten bis zu Borges oder Thomas Pynchon reicht.

Manuskripte mit mehr als 3000 handgeschriebenen Seiten

Mircea Cartarescu schreibt tatsächlich auch heute von Hand. Angesichts eines bisherigen Ouevres von mehr als 3000 Seiten scheint dieser Umstand fast unglaublich, denn wer wird dieses unzähligen Manuskripte für ihn abtippen? Und ist seine Schrift überhaupt noch leserlich, bei so einer gigantischen physischen Anstrengung? Auch auf diese Fragen antwortet Mircea Cartarescu in aller Bescheidenheit. Er sei eigentlich ein fauler Schriftsteller, antwortet er süffisant, er arbeite höchstens vormittags 1-2 Stunden alle 2 Tage und setze sich danach mit seiner Familie in die Sonne Bukarests, der Stadt, in der er 1956 auch geboren wurde und immer noch gerne lebt, auch wenn ihm schon London oder Paris als Lebensorte angeboten wurden. Aber Bukarest, das ist eben auch seine Familie und er lebe dort gerne, wo seine Familie sei. Damit meint Mircea Cartarescu aber wohl nicht nur seine Verwandten, sondern auch seine Freunde, Arbeitskollegen und seinen Verlag. Jetzt wo er überall leben könnte, bleibe er lieber in Rumänien, beantwortet Cartarescu die Frage eines rumänischen Zuhörers kokett. Große Dankbarkeit muss hier auch seinem Übersetzer, Ernest Wichner, gezollt werden. Er übersetzt nicht nur fließend die Fragen aus dem Publikum, sonderhn hat vor allem auch das Werk Mircea Cartarescus in eine machtvolle Demonstration einer prächtigen Sprache gebracht, die nur so vor wichtigen Einfällen glänzt.

Ein Werk wie ein Termitenbau

Wie in „Solenoid“ kommt auch während des Publikumsgesprächs Mircea Cartarescus Vorliebe für Insekten ans Licht. Seine eigene Arbeit als Schriftsteller beschreibt er selbst als Termitentechnik, denn wie diese einen Ast auf den anderen schlichteten, ohne sich gegenseitig abzusprechen oder zu organisieren, arbeite auch er an seinen Büchern. Und dennoch entstehe immer wieder ein prächtiger Termitenbau, ein Turm, ein Buch, dass so solide sei, dass es nicht in sich zusammenstürze, obwohl es eigentlich keinen richtigen Plot gäbe. Die Stream of Consciousness Technik wurde zwar nicht von Mircea Cartarescu erfunden – er nennt zu seinen Einflüssen auch einige amerikanische – dafür aber perfektioniert. Denn es ist immer wieder verblüffend wie Mircea Cartarescu in den 51 Kapiteln seines Buches zwar immer wieder von etwas anderem spricht, aber dennoch ebenso immer wieder auf alles zurückkommt und nichts vergisst, wovon er zuvor schon gesprochen hat. So wie die Termiten sei auch er kein Architekt, aber dennoch gelingt es ihm zu „terminieren“, zu beenden. Entsprechend groß ist auch die Überraschung, die einen am Ende seines neuesten Romans, „Solenoid“, erwartet. Eine Reise, die man nicht so schnell vergessen wird. Eben wirklich mehr als nur in bloßer Roman.

Links zum Text:

http://www.buchwien.at/

https://www.hanser-literaturverlage.de/buecher?authorname=Mircea+Cartarescu
(Alle Bücher des Autors bei Zsolnay Verlag)


Einstell-Datum: 2019-11-19

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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