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Jenny Erpenbeck - Kairos. Roman
Buchinformation

Das Ende einer Diktatur fällt zusammen mit dem einer anderen. Hans, Mitte 50, verheiratet, ein Sohn beginnt eine Liaison mit der neunzehnjährigen Katharina. Beide leben im Ostberlin Mitte der Achtziger Jahre. Vor dem Hintergrund des Zerfalls der DDR zelebrieren sie ihre toxische Liebe, die erst mit dem Tod von Hans ihr Ende nimmt. Jenny Erpenbeck, in Ostberlin aufgewachsen, beschreibt eine Beziehung, die vom Moment lebt. Vom 2. Satz des d-Moll-Konzerts von Mozart, der Aria der Golberg-Variationen von Bach, der Chopin-Mazurka in As.

Macht, Missbrauch...Liebe?

Natürlich ist die Konstellation des 34-jährigen Altersunterschieds sehr herausfordernd für die Toleranz einer Liebe, die von der Bestimmung des einen über die andere lebt. Erst als Katharina älter wird und eigene Affären neben Hans hat zerbricht das filigrane Geflecht der heimlichen Beziehung, deren Geheimnistuerei ein Teil des Reizes der Beziehung ausmachte. Erpenbeck beschreibt die Affäre der beiden allerdings ohne moralischen Zeigefinger, sie zeigt die Gemeinheiten, die Hans „seiner“ Katharina nach ihrem „Sündenfall“ antut auf, ohne sie zu kommentieren oder zu bewerten. Ein fast nüchterner Ton kann konstatiert werden, wenn sie erzählt, wie Katharina die Tonbandkasetten von Hans anhört, auf denen er ihr Vorwürfe für ihre Untreue macht. Dabei ist er es doch, der eine Ehe führt und noch dazu einen minderjährigen Sohn hat. Aber er sucht eben Erlösung in der Umkehrung der Schuldzuweisungen. Abgesehen davon, dass Machtausübung in einer Liebesbeziehung keinen Platz hat, gibt es aber auch sehr viele schöne Momente, auch für Katharina. Aber was er ihr antut, dafür sollte es doch einen Richter geben. Dieser heißt vielleicht Kairos, die griechische mythologische Gottheit des günstigen Zeitpunkts, in der Theologie die „Gelegenheit zur Sünde“ genannt. „War der Augenblick ein glücklicher, in dem sie damals, als neunzehnjähriges Mädchen, Hans traf?“

Im Zeichen von Kairos

Erpenbecks Sprache ist beeindruckend schön und ebenso die Konzeption des Romans, die mit dem Tod von Hans beginnt und am Ende im Epilog die Pointe präsentiert. Dennoch bleibt der Leser/in ratlos zurück. War die Liebe von Katharina zu Hans nicht dennoch auch für sie schön? Kann man von Freiwilligkeit und Gegenseitigkeit sprechen, wenn der eine sein Leben schon gelebt hat und die andere es noch vor sich hat? Oder muss man doch von Missbrauch sprechen, war sie doch noch ein halbes Kind, als er, der Schriftsteller und Frauenversteher, sich an sie ranmachte. Beeindruckend schön sind auch die Schilderungen des alten Ost-Berlins und auch wenn die Handlung spätestens in der Hälfte des Romans immer unweigerlicher auf seinen Höhepunkt, die deutsche Wende von 1989 zusteuert, ist dieser dann gar nicht der Kulminationspunkt, sondern wir lapidar in einem Satz abgehandelt. Danach geht (vorläufig) zwischen Hans und Katharina nämlich alles seinen gewohnten Gang. Bis sie sich dann doch endlich von ihm lösen kann. Und er von ihr.

Beeindruckend schön. Aber auch sehr unheimlich. Kairos eben.

Jenny Erpenbeck
Kairos. Roman
2021, Hardcover mit Schutzumschlag, 384 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-328-60085-5
Penguin/Randomhouse Verlag
€ 22,70

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2021-10-05)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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