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Rezensionen


 
Jochen Voit - Ernst Busch - Der letzte Prolet
Buchinformation

„Was die Nazis nicht geschafft haben, das erledigen jetzt die sogenannten Genossen! Saubande!" Ronald Paris, der das Gemälde von Ernst Busch gemalt hatte, um das es in vorliegender Graphic Novel geht, verstarb dieses Jahr im September. Der um drei Jahrzehnte ältere Ernst Busch hatte sich Zeit seines Lebens über das 1969 entstandene Porträt seiner selbst echauffiert. Es wurde von der DDR-Staatsführung daraufhin aus dem Verkehr gezogen und gilt seither als verschwunden.

Busch: ein echter Rebell

Jochen Voit und Sophia Hirsch benutzen das Gemälde als Aufhänger für die Erzählung ihrer Geschichte von Ernst Busch. Dieser war u.a. Werftarbeiter in der Kaiserzeit, Film und Schallplattenstar in der Weimarer Republik, antifaschistischer Sänger im Exil, Gefangener des Naziregimes, widerborstiger Staatskünstler und Vorzeigeprolet in der DDR. Seine Geschichte erzählen sie aus der Perspektive seiner Freunde, die in jeweils eigenen Kapiteln zu Wort kommen. So entsteht ein vielfältiges, schillerndes Kaleidoskop eines Unangepassten. Denn Ernst Busch sang nicht nur rebellische Lieder, er war auch einer, der sich stets gegen Vorschriften und Vereinnahmungen wehrte. Ein echter Rebell eben. Schon als ihm das oben angesprochene Porträt am Gipfel seines Bekanntheitsgrades angekündigt wird, rebelliert er mit den Worten: "Was denn für ein Scheiss-Porträt? Wofür denn? Die wollen mich ins Museum stecken, damit ich die Schnauze halte. Aber nix da, ich lass mich nicht aufhängen (Hvhbg durch JW)."

Bloodthirsty: Eine Frau findet zu sich

Die Erzählweise von Jochen Voit und Sophia Hirsch ist sehr galant gewählt. Es kommen in den verschiednen Lebensphasen von Busch die jeweiligen Freunde zu Wort, also für die Jugend die Jugendfreunde usw. So wird auch die Entwicklung des Protagonisten zu dem Menschen, der er später war, glaubwürdig und nachvollziehbar. „Mit Romantik hatte es der Busch nicht so. Ratzfatz waren wir verheiratet", erzählt etwa Eva, seine Frau und Ex-Frau, die er Jahren der Odyssee in der Welt wieder in Ost-Berlin treffen sollte. Ausgerechnet das „Stempellied" brachte ihnen den erwünschten Wohlstand von dem sie leben konnte, das Lied über die Arbeitslosen war in der Weimarer Republik zum Hit avanciert. Als er vor den Nazi in den spanischen Bürgerkrieg, nach Frankreich, die SU usw. Flüchtet und nach dem Krieg in die neugegründete DDR zurückkehrt, verhören ihn die SED Genossen. Seine Antwort: „Wisst ihr, wer mir vor zehn Jahren genau dieselben Fragen gestellt hat?" „Wer denn?" „Die Gestapo." Er, der der KPD beigetreten war, zerriss 1952 sein SED-Parteibuch, denn nach drei Kriegen hatte er endgültig genug.

Bloodthirsty: Eine Frau findet zu sich

1980 verstarb Ernst Busch in Berlin (Ost) und liegt im Bezirk Pankow begraben. 50 Jahre lassen Ernst-Busch-Biograf Jochen Voit und Zeichnerin Sophia Hirsch die „sozialistische Tragödie" als ein grafisches Epos über die Widersprüche und verlorenen Träume der Linken im 20. Jahrhundert wiederauferstehen und sichern somit das Wissen über ihn auch für künftige Generationen. Sein Grab in der Abt. 36-28/29 ist als Ehrengrab der Stadt Berlin gewidmet, nach ihm sind auch Straßen in Berlin-Pankow und im westsächsischen Werdau sowie ein Platz in seiner Heimatstadt Kiel benannt. Leider wurde der Sänger, Schauspieler und Regisseur aufgrund seiner ideologischen Ausrichtung im Westen bisher zu wenig geehrt oder anerkannt. Dabei hatte er sich immer gegen den Totalitarismus der SU und der DDR gewehrt, wie aus vielen Zitaten und seinem Verhalten gegenüber den Autoritäten hervorgeht. Vielleicht kann man ihn sogar als einen der „letzten Aufrechten" bezeichnen. Dafür legen eine Menge Leute Zeugnis ab, die sämtlich im Anhang vorliegender Graphic Novel Biographie aufgelistet sind. Darunter Gustav Gründgens, Hanns Eisler, Woody Guthrie, Pete Seeger, Michail Kolzow, Maria Osten, Ulrike Meinhof, Klaus R. Röhl, Degenhardt, Wader, Reiser, Biermann, Wegner u.v.a.m. Ein gelungenes Buch, das in sehenswerten und liebevollen Zeichnungen das Leben und Wirken von Ernst Busch auch für künftige Generationen sichert. Im Anhang findet sich auch eine Liste seiner populärsten Lieder als Hörtipp.

Ernst Busch - Der letzte Prolet
Text: Jochen Voit
Zeichnungen: Sophia Hirsch
2021, 248 Seiten, Softcover, 19,5 x 26,5 cm, vierfarbig
ISBN: 978-3-96445-059-3
Avant Verlag
26,00 €

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2021-12-05)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.


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