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Rezensionen


 
Peter Walther - Fieber. Universum Berlin 1930-1933.
Buchinformation
Walther, Peter - Fieber. Universum Berlin 1930-1933. bestellen
Walther, Peter:
Fieber. Universum Berlin
1930-1933.

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(Bücher frei Haus)

Das Buch zur Zeit? Nicht ganz. Denn es geht darin um keinen Virus, sondern um eine Krankheit. Eine Krankheit, die eine zivilisierte Gesellschaft befiel und sie in die Barbarei führte. Sie nennt sich Nationalsozialismus. „Unsere Welt aber“, soll der in Wien geborene Trickkünstler und NS-Sympathisant Hanussen einmal gesagt haben, „ist eine Beule am After des Kosmos“.

Neun Persönlichkeiten der Weimarer Republik

Hermann Chajm Steinschneider, „Hanussen“, eröffnet den Walther’schen biographischen Reigen der neun Protagonisten der Weimarer Republik, obwohl er ein jüdischer Österreicher war, denn der schillernde Prophet sollte noch im Verlauf derselben eine wichtige Rolle spielen. Selbst Alfred Döblin war von Hanussen beeindruckt. Gefolgt wird die Kurzbiographie Hanussens vom KPD-„Führer“ Ernst Thälmann, einem willfährigen Rädchen Stalins, der alle Komintern-Beschlüsse analog von Stalins Sozialfaschismusthese ausführte und so eine Einheitsfront verunmöglichte. Beim Lesen von Walthers Thälmann-Biographie wird einem allerdings bange, denn von dem Eisernes Kreuz II. Klasse Träger stammt auch die Bezeichnung „Quasselbude“ für Parlament und der Glaube, dass nach den Nazis die Kommunisten ans Ruder kämen, in Deutschland. Schließlich erwartete man - nach der 1917er Oktoberrevolution - 1918/21 ja die Weltrevolution. Bis 1922 bleibt es allerdings bei 350 politischen Morden an der Linken und 22 an der Rechten.

„Blood and Banquets“

Der Hamburger „Teddy“ (Thälmanns Deckname) war zwar kein begnadeter Redner, aber im Gefängnis unter Folter verriet er keinen seiner Genossen. 1930 erschien die „Rote Fahne“, Parteiblatt der Kommunisten, über dem Konterfei Thälmanns mit den Lettern: „Heute spricht unser Führer.“, wie Walther genüsslich zitiert. Aber dieses Wort hatte wohl damals noch eine harmlosere Konnotation. „Diese Jahre haben uns um unsere Utopien gebracht“, fasst es die Journalistin und Schriftstellerin Dorothy Thompson, die ebenfalls von Walther gewürdigt wird, treffend zusammen und bezeichnet den Nationalsozialismus als die „Herrschaft Kranker, die auf ihre Gesundheit schwören“, den Kommunismus als „Herrschaft engstirniger Bürokraten“ und den Sozialismus als „Herrschaft der Bonzen und Bürokraten“. Der Maler und Grafiker Max Liebermann drückte es noch etwas drastischer aus: „Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.“ Recht hatten sie wohl beide.

Reichstagsbrand: cui bono?

Besonders gut gelungen ist auch die Passage vom Reichstagsbrand, der zur selben Zeit stattfand wie die 50. Todestag Feier der Sozialdemokraten im nahegelegenen Sportpalast in der Potsdamer Straße. Denn nicht nur Hanussen schob das Fanal der Weimarer Republik den Kommunisten in die Schuhe. „Ess, ess, mein Kind“
lautete in einem verbreiteten damaligen Witz die Antwort auf den Ausruf eines Kindes „Mami, Mami, der Reichstag brennt!“ Das Ermächtigungsgesetz nach dem Reichstagsbrand machte die NSDAP und damit Hitler zu den Alleinherrschern über Deutschland. „Blood and Banquets“ lautete der reißerische Titel des 1942er Bestsellers von Dorothy Thompson über die Situation in Deutschland in jener Zeit. Das Schlimme daran ist wohl, dass nichts davon übertrieben war. „Les boches ont vaincu les Allemands.“

Neun Biographien als Spiegel der Weimarer

Im ersten Teil seiner Abhandlung über den Aufstieg des Faschismus in Deutschland stellt der in Berlin geborene und lebende Germanist und Literaturhistoriker die handelnden Personen seines Narrativs in kurzen Essays vor. Darunter befinden sich neben Hanussen und Thälmann auch Otto Braun, Franz von Papen, Kurt von Schleicher, Heinrich Brüning Graf von Helldorff. Die zweite Hälfte von „Fieber“ ist dann ganz dem Untergang der Weimarer Republik gewidmet und gipfelt in einem „Finale furioso“. Im Anhang befindet sich eine Chronologie, Anmerkungen, eine reiche Bibliographie, ein Personenregister und ein Bildnachweis, sowie 33 (!) Seiten Anmerkungen.

Peter Walther
Fieber. Universum Berlin 1930-1933.
2020, Mit 17 Abbildungen, 364 Seiten
ISBN: 978-3-351-03479-5
Aufbau Verlag
22,00 €

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2020-03-18)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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