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Literaturforum: Maxim Gorki - Meine Kindheit


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 Thema: Maxim Gorki - Meine Kindheit
Kenon
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Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 24.05.2005 um 12:43 Uhr

"Meine Kindheit" (1913) ist der erste von Maxim Gorkis (1868-1936) drei autobiographischen Romanen. Er beginnt mit dem Tod des Vaters und endet mit dem der Mutter. Dies ist der Rahmen, in dem Gorki als Ich-Erzähler von den Widrigkeiten seines frühen Lebens (1868-78) berichtet. Gorki lebt bei seinen Großeltern in Nishnij Nowgorod, lernt von seinem Großvater Altkirchenslawisch und wird durch die Großmutter mit der mündlich überlieferten Volkspoesie, aus der einige Stücke auch in den Roman gefunden haben, bekannt gemacht. Die Verhältnisse sind ärmlich, überall regiert die hässliche Gewalt, sie ist die Sprache der einfachen Leute, Trost liegt im Wodka und der Anrufung Gottes vor kerzenerleuchteten Ikonenbildchen, das Überleben lässt sich oft nur durch kleine Diebstähle und Betrügereien sichern.

Gorki wird immer wieder geschlagen, muss deswegen einmal tagelang das Bett hüten. Da tritt auch der Großvater, der ihn so schlimm zugerichtet hat, an ihn heran und erklärt: "Glaubst Du vielleicht, ich habe keine Schläge bekommen? Mich, Aljoscha, hat man so geschlagen, wie du es im schlimmsten Traum nicht träumen wirst. Man hat mir so weh getan, daß wohl der Herrgott selber geweint hat, als er es sah!". Alles Übel pflanzt sich fort.

Die Menschen in ihrem Elend sind einander keine Stütze, sondern verhalten sich grausam gegenüber ihren nächsten, machen sich das Leben zusätzlich schwer: "Aus der Beobachtung der Zwistigkeiten zwischen den Mietern wußte ich, daß sie sich für eine Kränkung aneinander rächten, indem sie Katzen die Schwänze abhackten, Hunde vergifteten, Hähne und Hühner umbrachten oder sich nachts in den Keller ihres Feindes schlichen, wo sie Petroleum in die Gurken- und Sauerkohlfässer gossen oder den Kwaß auslaufen ließen[...]"

Was fühlt ein Kind, das in solch einer fast lichtlosen Welt aufwachsen muss? "Es gab viel Interessantes im Haus [der Großeltern], viel Spaßiges, und dennoch würgte mich bisweilen eine unüberwindliche Traurigkeit, etwas Schweres, Niederdrückendes erfüllte mich, so daß ich lange Zeit hindurch wie in einer tiefen dunklen Grube lebte, mein Gesicht, mein Gehör, alle meine Empfindungen verlor und nur noch blind dahindämmerte...".

Aber niemand kann seinem Schicksal entrinnen, er muss es tragen. Alles Leid, das sich in seinem Wesen nicht mehr ändert, führt über lange Zeit zu Abstumpfung, Gleichmut: "Sowohl ihre [der Menschen] Tränen und ihr Geschrei als auch all ihre gegenseitigen Quälereien, die so häufig aufflammten und so rasch erloschen, wurden für mich zu etwas Gewohntem, erregten mich immer weniger, bewegten mein Herz immer schwächer."

Macht es Sinn, wenn ein Autor so von seiner Kindheit berichtet? Würde man heutzutage darüber nicht verächtlich sagen: Nabelschau!? Gorki beantwortet die Frage in seinem Roman selbst, und er hat Recht:

"Wenn ich mich all dieser bleiern lastenden Scheußlichkeiten des rohen russischen Lebens erinnere, frage ich mich bisweilen: Lohnt es sich denn, davon zu sprechen? Und mit voller Überzeugung sage ich zu mir selbst - es lohnt sich; denn diese zählebige, gemeine Wirklichkeit ist bis auf den heutigen Tag nicht verreckt."

Gorki ist es gelungen, trotz des autobiographischen Charakters und der Ich-Perspektive des Werkes eine einigermaßen objektivierte Schilderung seiner frühen Kindheit abzugeben. Er beobachtet sich selbst und das Umfeld seiner Vergangenheit aus einer gesunden Distanz heraus, so dass ein egozentrischer Tagebuchstil und eine oft damit verbundene pure Wehleidigkeit geschickt vermieden werden.

Gorki konzentriert sich auf die Beschreibung von Geschehen, er gibt Dialoge wieder und flicht nur gelegentlich Ausschnitte seiner Gedankenwelt in den Roman ein.

Ein Beispiel seines Schilderungsreichtums sei hier abschließend gegeben, es zeigt, dass selbst ein sehr beschwerliches Leben noch schöne Momente hat:

"Am violetten Himmel entfaltet sich der Fächer der Sonnenstrahlen, der Himmel wird blau. Dem Auge unerreichbar, jubiliert hoch oben eine Lerche, und alle Farben und Töne durchsickern die Brust wie ein Morgentau; sie rufen ruhige Freude hervor, wecken den Wunsch, rasch aufzustehen, ein Werk in Angriff zu nehmen und mit allem Lebendigen ringsum gut Freund zu sein".

Es ist ein erster Hinweis darauf, wie der ältere Gorki all dieses Elend überwinden wird: ein Werk in Angriff nehmen ---

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