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Literaturforum: Italo Calvino - Die unsichtbaren Städte


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Forum > Rezensionen II > Italo Calvino - Die unsichtbaren Städte
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 Thema: Italo Calvino - Die unsichtbaren Städte
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Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 17.12.2007 um 19:56 Uhr

SISYPHOS UND EULENSPIEGEL
Italo Calvino, Die unsichtbaren Städte
(Carl Hanser Verlag, München 2007) 174 S., € 17,90
Das Original ´La città invisibili´ erschien bereits 1972, nun liegt die deutsche Übersetzung von Burkhart Kroeder vor. Italo Calvino (1923 - 1985) war wohl einer der raffiniertesten Geschichtenerzähler, der gerne mit Stilen, Formen und Textsorten experimentierte. In der ´Werkstatt für potentielle Literatur´ (OULIPO = Ouvroir de Littérature Potentielle) in Paris traf er sich mit Barthes, Perec, Eco und anderen, um neue Formen des literarischen Schreibens zu entwickeln. So wurde er zu einem der bedeutendsten Protagonisten der literarischen Postmoderne, der z.B. als sein Vermächtnis ´Sechs Vorschläge für die Literatur des nächsten Jahrtausends´ hinterließ. Da mag es verwundern oder auch nicht, daß Calvinos Bücher heute in Italien Volksgut sind und auch Schullektüre. Bereits im Jahr 1977 war übrigens eine deutsche Übersetzung von Heinz Riedt bei Hanser erschienen (zwischendurch noch einmal 2002 bei dtv). Das Buch ist unterteilt in 9 Hauptkapitel, die wiederum aus mehreren kurzen Schilderungen bestehen, in denen es insgesamt 11 thematische Schwerpunkte gibt: Wunsch, Erinnerung, Zeichen, Austausch, Augen, Himmel etc. Und jedes dieser 55 Kapitelchen ist einer Phantasiestadt zugeordnet.
Der Plot hat nicht unbedingt eine zwingende Chronologie, man kann das alles auch als eine Art Dialog verstehen zwischen Marco Polo, der (angeblich) viele unbekannte Städte bereist, und dem mongolischen Eroberer Kublai Khan, dem er (phantasievoll) Bericht erstattet. Man schreibt das 13. Jahrhundert, wobei in den sog. unsichtbaren Städten die Zeit eine untergeordnete Rolle spielt. Marco Polo vergleicht alle Städte mit seiner Heimatstadt Venedig, der gegenüber die anderen sich als Täuschung, als unfertig erweisen. Calvino demonstriert häufig seine Skepsis gegenüber dem Vorgang des Bezeichnens, er spielt mit der Rolle des Autors bzw. Erzählers und zweifelt quasi dessen Feststellungen an. Marco Polo setzt seine Berichte gegen die Melancholie des Herrschers und den Verfall des Reiches an. Dabei sind sich beide nicht sicher, ob sie tatsächlich oder nur in der Imagination eines anderen existieren, ob die Welt nur ein Produkt ihres Geistes ist. Daher gelangen sie auch öfters zum Schweigen, währenddessen sich Städteschilderungen quasi von selbst im Geiste des Khans schreiben.
Dieser Khan gebietet über sein Reich, Marco Polo über die Worte, wobei er nicht auf dem Wahrheitsgehalt des Vorgetragenen beharrt, aber den Akt des Vortragens für sich reklamiert. In Gedanken entsteht ein utopisches Reich perfekten Erzählens, eine von der Last der Schriftlichkeit befreite Kommunikation. Das Erzählen überliefert eigentlich nichts tatsächlich Existierendes, sondern dient der Inspiration des Khans, läßt in seinem Kopf Bilder entstehen. Wobei Marco Polo eigentlich nicht gerade tröstende Zuverlässigkeit artikuliert: "Das Anderswo ist ein Spiegel im Negativ. Der Reisende erkennt das Wenige, was sein ist, währenddem er das viele entdeckt, was er nicht gehabt hat und nicht haben wird." Marco Polo zweifelt daran, daß man die Welt sprachlich wiedergeben könne, da doch ungewiß sei, ob die Welt nicht erst durch die Sprache konstituiert werde.
Und so beginnt dieser episodische Romanessay folgerichtig mit den Worten: "Nicht daß Kublai Khan alles gleubt, was Marco Polo sagt, wenn er ihm die Städte beschreibt, die er auf seinen Inspektionsreisen besucht hat" - die Städte haben wunderbar klingende Namen - Diomira, Isidora, Despina, Maurilia, Eufemia usw. - aber es gilt vielleicht für alle diese Orte: "Die Stadt ist redundant: sie wiederholt sich, damit etwas im Gedächtnis haften bleibt." So wie der Wunsch zur Erinnerung umschlägt, mutiert Vielfalt zur Monotonie - und die Information speist sich aus der Ignoranz und überhöht sich zur Inspiration: "In Sprachen, die dem Khan unverständlich waren, berichteten die Gesandten, was sie in Sprachen gehört hatten, die ihnen unverständlich waren." Im Grund steckt hierin das Programm Calvinos: das Verstehen des Unverstehbaren, indem man es unverständlich mitteilt, damit es verstehbar werde. Und so durchdringen sich Illusion und Spiel und Erwartung und Realität und bewußte Täuschung und Unfähigkeit zur Erkenntnis. Calvino erweist sich für den Leser immer wieder als Symbiose aus Sisyphos und Eulenspiegel - ein unermüdlicher Gaukler. KS

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