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 Autor
 Thema: Autofreie Städte
Kenon
Mitglied

969 Forenbeiträge
seit dem 02.07.2001

Das ist Kenon

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 10.02.2020 um 23:23 Uhr

Es ist oft zu leicht, sich mit dem Unerträglichen abzufinden, zum Beispiel dem massenhaften Parken und Fahren von Autos in den Städten. Die Autos waren schon da, als man geboren wurde, sie aus den Städten zu entfernen scheint eine aussichtslose Utopie zu sein, die, wenn sie in ernsthafter Umsetzungsabsicht formuliert wird, die Menge von Autofahrern zu einer wütenden machen könnte. Darauf muss man es ankommen lassen.
Mir geht es nicht nur um die vielen totgefahrenen Fußgänger und Radfahrer, sondern auch um den Lärm, die Abgase, die Platzverschwendung. Deswegen sind sichere Radwege und E-Autos noch keine Lösung.

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ArnoAbendschoen
Mitglied

516 Forenbeiträge
seit dem 02.05.2010

Das ist ArnoAbendschoen

     
1. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 11.02.2020 um 11:39 Uhr

Die allgemeine Debatte ist von Illusionismus geprägt. (Das bezieht sich weniger auf deinen Beitrag, den ich vor allem als Denkanstoß und Stoßseufzer auffasse.) Ich selbst besitze und besaß nie weder Auto noch Führerschein, war und bin ausschließlich Fußgänger und Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel. Heutzutage denke ich: Das Schlimmste, was uns passieren könnte, wäre ein massenhafter Umstieg von Autofahrern auf Bahnen oder Busse. Diese sind nämlich schon jetzt in Berlin und Umgebung heillos überlastet. Ihre Betriebe sind heruntergewirtschaftet, insbesondere die BVG ist in einer sehr kritischen Verfassung.

Der wünschenswerte große Ausbau der Infrastruktur hat seit Jahrzehnten nicht stattgefunden, es wird ihn zumindest in den nächsten 10 Jahren auch nicht geben. Es fehlen dafür alle Voraussetzungen: Personal, Geld, Bau- und Planungskapazität, politischer Wille oben wie unten.

Die Debatte um die "Verkehrswende" ist im Wesentlichen wie einige andere wichtige nur Geschwätz. Anstelle von Rationalität und energischem Handeln sehe ich Stimmungen durchs Land wabern, die zum Selbstbetrug tendieren. Der Abgrund zwischen Überzeugungen und Wirklichkeit spiegelt sich speziell in Berlin im Kontrast von Wahlergebnissen und Alltagsrealität.

Zwei Beispiele für diese Bewusstseinsspaltung und den Vorrang von Propaganda: Wenn ich in unserem beliebten Gründerzeitwohnviertel (politisch dominant Rot-Rot-Grün) zum nahen Supermarkt gehe, brauchte ich bis vor einigen Monaten an der Ampel nur ausnahmsweise länger als eine Minute zu warten. Jetzt sind es infolge veränderter Ampelschaltungen und Anpassung an den immer weiter wachsenden motorisierten Verkehr selten weniger als drei, meist um die vier Minuten - und das obwohl man sich offiziell in Bekundungen überschlägt, den Fußgängerverkehr zu fördern.

Zweites Beispiel: Am Bahnhof Ostkreuz, einem der größten Nahverkehrsbahnhöfe Deutschlands, fehlt ein Straßenbahnanschluss. Der Senat will ihn seit langem herstellen, wird aber von Anwohnern massiv ausgebremst: mehr als 1000 Einwendungen im Planfeststellungsverfahren, und das in einem Kiez, in dem die Senatsparteien bei Wahlen mehr als 70% kriegen. In Moabit dagegen, wo eine andere Klientel wohnt, gab es im gleichen Fall kaum Gegenwind. Kommentar überflüssig.

Nimm´s mir nicht übel: Die "Wut der Autofahrer" gehört in dem Gesamtzusammenhang noch zu den kleineren Problemen.

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Kenon
Mitglied

969 Forenbeiträge
seit dem 02.07.2001

Das ist Kenon

     
2. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 11.02.2020 um 20:46 Uhr

Natürlich müsste der öffentliche Nahverkehr drastisch ausgebaut werden, um Städte autofrei zu bekommen. Ich kenne keine Details zu dem von Dir genannten Fall am Ostkreuz, wer sich da warum sperrt, vielleicht sind es Autofahrer, die um ihre Parkplätze fürchten, vielleicht geht es auch nur um die zusätzliche Lärmquelle. Ohnehin denke ich, dass ein menschenwürdiges Leben an S-Bahn-Trassen, Einflugschneisen und Hauptstraßen, in DDR-Plattenbauten oder Altbauten mit Holzdecken usw. usf. schwer möglich ist. Lärm tötet.

Wenn Du “Gesamtzusammenhang” schreibst, denke ich mindestens an Deutschland. Deutschland ist am Ende: Ein alternder und sehr hässlicher Staat. Mehr will ich dazu nicht sagen, sonst würde ich morgen noch nicht mit dem Schreiben aufhören können.

Früher sagte man: Der Verkehr muss fließen und baute in den Städten Fußgängerbrücken über und -tunnel unter die Straßen. Heute träume ich davon - und ja, es ist ein Traum, der vielleicht bei Marathonveranstaltungen und Bombenentschärfungen schon teilweise wahr wird - dass der motorisierte Individualverkehr in den Städten zum Erliegen kommt. Ich halte diesen Traum für keine falsche Idee. Er wird sich nicht schlagartig umsetzen lassen, aber in vielen kleinen Schritten. Wenn man will, kann vieles wahr werden.

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