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Literaturforum: Elegie im freien Fall


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Forum > Prosa > Elegie im freien Fall
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 Thema: Elegie im freien Fall
birnenpalme
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120 Forenbeiträge
seit dem 21.06.2009

Das ist birnenpalme

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 04.07.2009 um 22:17 Uhr

Wieder ein Springer abgestürzt, lese ich in der Zeitung, schuld sei die Reißleine. Er hinterlässt eine Frau und Kinder.

Was fühlt man wohl, wenn sich der Fallschirm nicht öffnet? Welche Augen macht einer, der vom Himmel fällt? Ich kann es mir nicht vorstellen, weil es unvorstellbar ist. Aus diesem Stoff werden Alpträume gemacht.

Da rast dir ungebremst jene Welt entgegen, die dich geboren hat, und du weißt, nun ist die Sache beschlossen. Manche sagen, es spule sich das ganze Leben ab, wie ein Film im Zeitraffer.

Es trifft jeden, unstillbar verblutet die Zeit.

Auch ich bin schon kurzatmiger geworden, schwerfällig. Der Fels, für den ich mich gehalten habe, ist das Rinnsal einer Sanduhr. Es wird mir anders zumute, wie dieses Dasein schrumpft.

Je näher der Boden kommt, desto fremder wird man sich.

Würde ich, der noch nie gebetet hat, beten? Hört man die Frömmsten Gott verfluchen? Oder bleibt ein Funke Hoffnung zum Schluss, ein Federflaum Urvertrauen, dass der Aufschlag nichts zerbricht und ich mir treu bleiben darf?

Was entstellt einen Menschen, wie verliert sich sein Gesicht?

Du immer, mit deinen komischen Gedanken, heißt es, wenn ich Gäste um mich habe und der Weingeist geschwätzig plaudert. Doch die Sorge ist ernst. Es wäre mir zuwider, würden sich in meiner Lade unreife Skizzen finden, anstatt des Gedichts. Darum führe ich nie Tagebuch.

Heute käme mir der Absturz ungelegen. Die Wohnung sieht schlimm aus. Meine Wäsche, das Schuhwerk, der Fußboden, nichts ist gemacht. Ich sei schlampig gewesen, wird man mir nachsagen. Wenn ich vor dem Herbstputz zerscherbe, wofür habe ich gelebt?

Verzweiflung ist ein seltsames Verlangen nach Ordnung.

Denkt der Fallende, dass dies gar nicht wahr sein darf, weil er in Wirklichkeit schlafe? Wer von uns kennt sie nicht, die Träume, in denen man aus allen Wolken fällt, abwärts stürzt, unendlich ins Leere fliegt? Plötzlich, ohne zu wissen weswegen, ist die Erde weit unter dir und du ruderst durchs Vakuum. Im Flug begegnen dir Menschen, aber es versagt dein Schrei, die Kehle schnürt es eng.

Nichts sei leichter als andere um Hilfe zu bitten, dachte ich, doch es ist das Schwerste. Die Bitte lähmt. Man würde sich für jeden Millimeter schämen. Undenkbar, ein Zeichen zu geben. Die Signale verschwimmen. Man winkt mir zurück, freundliche Missverständnisse und Gegenzeichen.

Es reißt dir die Augen auf und die Sonne blendet. Du erkennst dein Zimmer, deine Welt. Draußen am Kirschbaum flattern gelbliche Blätter und ein Lüftchen weht. Du kuschelst dich in deine Decke und spürst Geborgenheit.

Nur ein herbstlicher Traum, denkst du, ich lebe noch, du.

Eine vertraute Stimme ruft mich zum Frühstück, der Kaffee duftet, die Brötchen sind warm, das Ei nach meinem Geschmack. Der Salzstreuer steht in Reichweite. In der Mitte brennt eine Kerze, einfach nur so, aus einer Laune heraus. Dem Radio entkommt Musik.

Im Tischtuch klebt Wein, Glassplitter funkeln. Der Boden zeigt neue, tiefe Kerben. Ich erinnere mich an einen gelungenen Abend mit lieben Freunden.

Vom Aufräumen bin ich erwacht, innerlich.

Am Morgen genießt es sich sorglos, wenn man sich den Tag freigenommen hat. Die Zeitung liegt bereit. Ich beginne von hinten, zähle nach wer alles gestorben ist und vergleiche deren Alter mit dem meinen.

Weint nicht um mich, ich liebe noch, länger als die Erde dreht, lese ich, dazu ein Name. Ich kenne das Gesicht, nehme einen Schluck vom bittersten Kaffee. Sollt einst für mich ein Spruch geschrieben stehen, diesen hier wünsch ich mir oder so ähnlich.

Blätter fallen, doch schlagen sie je auf?

Meine Frau interessiert sich für das Feuilleton. Wer spielt heute, was wird aufgeführt, wie geführt spielt sich der Kritiker auf? Unsere Tochter sucht im Kinderprogramm die Sendung mit der Maus, derweil ich in den Lokalteil gerate.

Die Provinz und deren Knöcheltiefe ist meine Lektüre. Ich kenne die Sechzig-, Achtzig- und Hundertjährigen, als sie noch dreißig, fünfzig, siebzig waren und es verraten sich die ersten, zweiten oder dritten Bürgermeister so durchscheinbar, wenn sie gratulierend aus der Zeitung lächeln, Gesichter hinter Geschenkkörben, zwischen Dosenfleisch und roten Rosen. Ich lache schallend, zurück.

Zählt mich zu den Bodenlosen!

Eine Schlagzeile bleibt haften. Die billige Machart lockt mich in die Falle. Mein Widerwille spreizt, sträubt sich nur halbherzig. Die Lust am Scherben ist stark. Egal, ob man seine Zeitung hinten oder von vorne aufschlägt.

Irgendwann ist jeder dort, genau dort, wo er, wie er meist vorgibt, nicht sein mag, wohin man ihn aber bekommt, ins Sensationsgeschehen, ins Aufprallereignis, in die Blutlachen namenloser Sturzopfer.

Eigentlich, so sage ich jeden Morgen zu meiner Frau, müssten wir fürs Zeitungslesen Schmerzensgeld verlangen. Warum nur diese Berichte über gefallene Menschen? Abstürze, von oben nach unten. Aufschläge in jeder Spalte, Bilder, die den Rand des Abgrundes auftun. Absätze, Aussätzige und Bodensatz zwischen den Zeilen. Gedruckt werden die Leichtsinnsfehler der Bergsteiger, der Dachdecker und Piloten.

Dem Seiltänzer auf dem Titelbild ist die Balance entfallen. Sein gestochenes Gesicht zeigt das Erstarren, den Blick der Unendlichkeit, die letzte Momentaufnahme einer Vorführung. Im Leserforum der Woche wird diskutiert werden über den Nutzen des Seiltanzes, über das Versicherungsrecht und die Angleichung der Beiträge zu Gunsten des Durchschnitts.

Jeder der fallen kann wird auch seinmal fallen. Es gelingt nur kurz, für einen Zwischenruf sich oben zu halten. Die Felswand ist ebenso wenig eine Bleibe wie das gespannte Drahtseil. Es reicht zum Nervenkitzel, für ein Gastspiel und die blitzschnellste aller Nummern, denn der Höhenflug einer Sternschnuppe ist gleichsam die Sturzbahn.

Der Reporter rast von Absturzstelle zu Absturzstelle. Auf die Rechtzeitigkeit kommt es an und darauf, schneller zu sein als der Notarzt. Die Neugier will noch vor dem Herzblut gestillt sein.

Mit meinem ganzen Gewicht ahne ich den Aufschlag. Der Fall selbst ist kein wirkliches Ereignis. Aus der Neugier wird Altpapier.

Gelesen ist gewesen.

Was zählt im Leben? Haut, Fleisch, Knochen, oder wer bin ich? Wie ist meine Beschaffenheit? Ein Gedanke nur, eine Berechnung, die Wahrscheinlichkeit darüber, dass es gar keine Existenz geben dürfte im Universum, die zu dieser Frage befähigt? Die Wahrheit aber ist, dass wir es können.

Gedanken sind unser wertvollster Besitz.

Wem hinterlässt man die Zukunft, wer beerbt dich und mich? Uns dämmert es, dass wir längst abgesprungen sind und seit Geburt fallen. Dabei mögen unerklärliche Wunder passieren, nur der blanken Haut entfalten sich keine Schirme.

Vage Hoffnungen begleiten uns, mehr Halt bekommen wir nicht. Wer Unglaubliches verspricht, eine Kehrtwende und das Nirwana, die Schwerelosigkeit womöglich, der ist ein Verführer und malt das Blau vom Himmel.

Die Sterne, glaubt mir, lügen nichts vorher,
sie schweben leicht oder schwer,
in ihrer Mechanik aus Raum und der Zeit
dehnt alles sich breit.

Was wäre, könnte mir ein Sturz nie schaden? Es stünde keine Frist mehr entgegen, nur des Lebens Unendlichkeit. Ich könnte mich in die abgründigsten Löcher stürzen, ohne mir dabei Not anzutun. Ewiges Dasein, Verwässerung statt Verwesung. Alles ließe sich aufs Irgendwann vertagen, sorgenfrei. Warum sollte ich mich nicht niederstürzen, in Kamikaze-Laune aufschlagen und die Welt durchbohren? Wenn alles erneut in einen Anfang mündet, was sollte mich da noch zur Besinnung bringen?

Verführt nicht der Glaube an Unsterblichkeit, macht er nicht eitel?

Wir Menschen wissen nichts vom Geheimnis und ich darf das Sterben noch fürchten. Etwas Unbestimmtes ist offen, ist Hoffen. Und weil ich Gefühle bekomme, so sehr beim Gedanken, mein Fallschirm könnte versagen, allein deshalb muss mir das Leben mehr bedeuten. Ich darf es nicht fahrlässig lassen, nicht abschätzig schätzen.

Das Befinden überwiegt die Beschaffenheit. Ein schlichter Gedanke hat mehr Kraft als alles Geplapper zusammengenommen. Auf die Art und Weise kommt es an. Mein Beitrag zur Ewigkeit muss sein!

Ein gelungener Abtritt ist deine Spur.

Verfehlungen brennen sich ins Gewissen und ich werde niemals schnell genug fallen können um meine Natur abzustreifen. Nichts lässt sich herausschälen aus einem selbst, der Zerfall würde nur dem Fall vorauseilen.

Ich kann mich verwünschen oder betrügen. Bis zum Aufschlag gehört mein Flug mir und jede Feder bestimmt, wie zerstreut, wie entfernt, wie nahe ich doch gefunden werde. Meine Schwingen rudern, verraten die Versuche eines Leichtsinnigen, der immer und immer wieder springen will, nur über den eigenen Schatten nicht.

Was werde ich tun, herbstliches Blatt? Flecken auszählen, meinen Zweig anklagen, den Baum, die Wurzel? Ist ein feuchter Humus der Fäulnis Grund? Eine Kindheit im Nacken, im Ellbogen die Lektionen der Schulzeit und das ganze Milieu wie einen Puffer vor mir herschiebend werde ich erkennen müssen, dass Ausreden so schützend wie Seifenschaum sind. Die letzte Sekunde bleibt unverlängert mein Rest.

Schuld hat kein Fallschirmfabrikant, kein Schneider von Ulm, kein Newton oder Einstein. Es ist meine Schwerkraft. Dieser Fall gehört mir, um den Sprung zu hinterlassen.

Ich spiele gerne mit dünnem Glas, lasse den benetzten Finger über den Rand kreisen und höre was es singt. Ich bewirte Freunde und deren Verlass, nur die Verbindlichkeit darf in mein Haus. Man kommt zu mir, weil ich wählerisch bin und ein Spieler, hoffentlich ein guter Verlierer, einer der die Zerbrechlichkeit prüft, den die Randfrage berührt.

Mit Weingeist erhellt sich mein Mut, ich mache Witze über den Tod. Je fröhlicher die Runde, um so mehr Gläser zerspringen. Das Fallen und Zersplittern zeigt unerschöpfliche Formen. Auch meine Stimme klingt gebrochen. Aber was zählen schon Bruchstücke, wenn es im Guten bricht?

Nach dem ersten Entzweien gibt es keine Zerbrechlichkeit mehr.

Wohin wohl mein Ungeschick verdunstet, das noch an den Splittern klebt? Wer atmet je von dem, was ich erschaffe und zerscherbe? Beginnt es dort zu keimen, wo ich einst Moder werde und pflanzt sich ein Sinnvolles aus mir fort? Die Liebe?

Blumen und Kränze werden dorthin gelegt, wo mutige Sprünge enden.

Von Scherben übersät ist diese Welt, auf Trümmern erbaut. Doch stets, um das Maß dieser Bruchstücke, reift sie. Würden die Gefallenen nicht sein, ihr Scherbenmeer des Leichtsinns, so käme die Zukunft trostlos daher. Das Beflügeln von Ideen und unser Menschsein überhaupt ist wirksam über den Tod hinaus, behauptet meine angeschlagene Zunge.


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