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Literaturforum: Donald Carter - Wenn Felsen weinen


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Forum > Rezensionen II > Donald Carter - Wenn Felsen weinen
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 Thema: Donald Carter - Wenn Felsen weinen
ArnoAbendschoen
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seit dem 02.05.2010

Das ist ArnoAbendschoen

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 13.07.2010 um 22:44 Uhr

Schon das kann dem Leser den Atem verschlagen: Noch nie hat ein deutscher Verlag so viel für Übersetzungsrechte bezahlt – sage und schreibe 3,7 Millionen Dollar. Doch der Glockenstein-Verlag weiß, es ist gut angelegtes Geld, schließlich stand „Wenn Felsen weinen“ von Donald Carter monatelang auf einem der vorderen Plätze der US-Bestseller-Listen. Und die Banken haben erfreulicherweise das kleine Sümmchen vorgestreckt, die Finanzkrise scheint also am Abklingen. Dennoch hatte es der Verlag mit der Verwertung eilig: Ein Team von sieben Übersetzern, die – auch ein Novum – anonym bleiben, hat das gewaltige Werk in nur elf Tagen ins Deutsche übertragen. Schnell aus der Presse und rein in den Strandkorb!

Der Titel bezieht sich, glaube ich, auf eine Stelle in der Bibel, und die Hauptcharaktere kommen mir dazu passend wie biblische Gestalten vor: zerrissen, maßlos leidend und für alle Normalbürger große Beispiele. Im Zentrum steht die junge Miriam, zu Beginn sich noch unsicher vorwärts tastend auf der Suche nach dem richtigen Lebensweg. Schockierend die Rückblenden, in denen die Geschichte ihrer Mutter erzählt, nein, uns vor die Füße geworfen wird: Verheiratet mit einem Börsenmakler von Lehman Brothers, den sie für seine anrüchig-profitablen Transaktionen hasst, lässt sie sich scheiden und geht eine neue Ehe mit einem Flugkapitän ein - der sie prompt im Cockpit mit einer Stewardess betrügt. Miriams Mutter tötet die Rivalin im Affekt, wird nach sehr umstrittenem Prozess zum Tod verurteilt, wartet zehn Jahre lang in der Todeszelle …

Erst die Giftspritze bringt – man verzeihe das schiefe Bild, der Artikel muss schnell fertig sein – alles ins Rollen. Miriam unterzieht sich einer Geschlechtsumwandlung, wird als Richard („Dick“) Soldat und zieht in den Irakkrieg. Zur gleichen Zeit – und nun alles atemlos, staccatomäßig interruptierend und die Seiten füllend – bricht erst Lehman Brothers zusammen, dann Miriam-Dicks Vater – er geht in sich, wird Buddhist und zieht sich in ein Kloster in den Bergen der Sierra Orientale (Arizona) zurück. Erst Spekulation, dann Meditation – ein Rezept für das 21. Jahrhundert?

Dann der grandiose, noch einmal den Atem verschlagende Schluss: Miriam-Dick verliert bei einem Selbstmordanschlag in Bagdads Grüner Zone beide Unterarme. Mehrere Transplantationsversuche mit den Extremitäten anderer Toter scheitern. Die Behandlung kostet Unsummen. Offenbar ist der medizinische Fortschritt viel weiter als Obama mit seiner Reform der Krankenversicherung. Um alles Menschenmögliche finanzieren zu können, bringt Miriam-Dicks Vater sein größtes Opfer: Er verlässt die Sierra Orientale und kehrt zurück an die Wall Street (wo die Geschäfte sich inzwischen wieder gebessert haben). Doch als er gerade im alten Stil zu spekulieren beginnt, stirbt die Tochter (der Sohn) den Drogentod. Was dem Leser 793 Seiten lang geschickt verborgen blieb: Sie (er) war schon auf Seite 1 KokainistIn. Erschüttert, beinahe vernichtet legen wir den Band neben uns in den Sand und schließen die Augen. Welt von heute, so bist du – bist du so? Immerhin eine tröstliche Perspektive: Der Buddhist wechselt erneut von der Börse ins Kloster.

(Unbekannter, ungläubiger Leser: Natürlich ist alles geflunkert. Es gibt weder Roman noch Autor noch Verlag. Obwohl …)

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