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Literaturforum: Peter Braun - Eine Reise durch das Werk von Hubert Fichte


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Forum > Rezensionen II > Peter Braun - Eine Reise durch das Werk von Hubert Fichte
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 Thema: Peter Braun - Eine Reise durch das Werk von Hubert Fichte
ArnoAbendschoen
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seit dem 02.05.2010

Das ist ArnoAbendschoen

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 04.10.2012 um 15:17 Uhr

Die Reise, zu der Peter Braun die Leser in seinem 2005 als Fischer Taschenbuch erschienen Werk einlädt, ist eine durch die Lebens- und Schaffenszeit Hubert Fichtes und zugleich eine, die wichtige Schauplätze seiner Bücher nacheinander vorstellt. Er folgt insofern der dem Werk Fichtes immanenten Struktur, die er knapp und zutreffend als „ortsgebundenes Erzählen“ charakterisiert. Tatsächlich war Hubert Fichte als Schriftsteller ein moderner Homo viator. Die zehn Kapitel des Buches tragen folglich als Titel Ortsbezeichnungen, durch eine knappe Ergänzung jeweils näher charakterisiert. Nun umfasst Fichtes veröffentlichtes Werk bei weitem mehr als nur zehn Bände. Braun hat also oft mehrere Werke einem Ort zugeordnet, auch wenn die jeweiligen Werke sich insgesamt auf unterschiedliche Orte beziehen – und dass ein einzelnes meist die Erfahrungen an mehreren Orten widerspiegelt, macht die Sache noch verwickelter. Braun kann sich wohl auf inhaltliche Zusammenhänge berufen, doch seine Systematik ist enger, schematischer als die des Autors Fichte. Wir wollen das im Einzelnen untersuchen …

Kapitel 1 – „Schrobenhausen (Scheyern) – in der Welt der Katholiken“ folgt interpretierend durchaus dem Stoff von Fichtes erstem Roman „Das Waisenhaus“, der u.a. vom Gegensatz bayrisch-katholische Kleinstadt – norddeutsch-protestantische Großstadt geprägt ist. Einige kritische Anmerkungen löst dieses einleitende Kapitel dennoch aus. Es mag kleinlich erscheinen, doch der um genaues Lesen Bemühte stößt sich bereits daran, dass einer der Zöglinge des Waisenhauses bei Braun ein Genitiv-S zu viel hat, aus dem „Joachim-Teufel“ wird ein „Joachims-Teufel“. Schwerer wiegt schon, dass die Flucht nach Bayern zuerst mit der Bombardierung Hamburgs, zwei Seiten später dann zutreffender mit der halbjüdischen Abstammung der Hauptperson Detlev begründet wird. Die extrem kurze Zeitspanne der Rahmenhandlung stellt Braun als für Fichte spezifisch heraus, dabei handelt es sich um eine von Proust, Joyce usw. herrührende allgemeine literarische Methode oder Mode jener Zeit. Während der Roman selbst mehrfach die Überschneidungen zwischen dem Nationalsozialismus und dem zeitgenössischen Katholizismus vor Ort thematisiert, sieht Braun dagegen „Scheyern in seiner katholischen Identität gefestigt genug“.

Kapitel 2 heißt: „Hamburg, Lokstedt – der Garten des Großvaters“. Diese Überschrift wirkt merkwürdig unpräzise. Steht das Komma für einen Bindestrich? Oder verkehrt sie, im Sinne einer Aufzählung, den realen Werdegang, ausgehend vom Großelternhaus über dessen nähere Umgebung zur ganzen Stadt hin, in sein Gegenteil? Auch den Text des Kapitels prägt diese zu enge Abgrenzung – und damit ein Zerschneiden von Entwicklungslinien. Tatsächlich wechselt der Autor Fichte permanent innerhalb Hamburgs den Schauplatz, die Stadt ist für ihn stets ein Ganzes, Zusammenhängendes, schon in den frühen Texten mit der Darstellung der Bombardements von 1943. Mit dieser Tendenz Brauns zur willkürlichen Auswahl hängt wohl auch zusammen, dass in der Liste der von ihm hier herangezogenen "Hamburger" Werke ausgerechnet „Die Palette“ und „Versuch über die Pubertät“ fehlen – gerade in ihnen hat Fichte sowohl Lokstedt als auch ganz Hamburg besonders eindrucksvoll porträtiert. Es spricht im Übrigen nicht für besondere Vertrautheit des Biographen mit den Hamburg-Texten, wenn er „Onkel Karl“ für den Bruder der Mutter hält, er dürfte eher der Bruder der Großmutter gewesen sein.

Allzu sektoral dann auch die dritte Kapitelüberschrift: „Die Provence – Fluchtrouten, Sehnsuchtsorte“. Zwar werden hier die Eindrücke Fichtes aus dem übrigen Südfrankreich mitbehandelt, doch fehlen Paris und der für Fichtes Entwicklung nicht unwichtige Abbé Pierre fast ganz. Allmählich verdichtet sich der Eindruck, der Biograph interessiere sich primär für die Fluchtpunkte und eher weniger für die Orte, an denen Fichte die längste Zeit gelebt hat und die ihn ausweislich seiner Texte auch am meisten geprägt haben. Dazu passt, dass „Versuch über die Pubertät“ nun erstmals im Zusammenhang mit der Provence und „Die Palette“ erst im späteren Portugal-Kapitel vorkommen.

Braun ist Germanist und Ethnologe. Das erklärt bis zu einem gewissen Grad, dass seine Reise durch das Werk Fichtes deutlich an Fahrt aufnimmt, wenn er sich den außereuropäischen Kulturen zuwendet, soweit Fichte sie bereist und studiert hat. Ob Brasilien, die Karibik oder Westafrika, die Darstellung von Aufenthalten und Ergebnissen wird nun breiter und kann bei einem durchschnittlichen Leser, der wenigstens „Die Palette“ schon kennt, dafür „Die Geschichte der Empfindlichkeit“ eher nicht, durchaus Neugierde auf die jetzt besprochenen späteren Werke wecken. Fichte wird als Vier-Sparten-Autor dargestellt: politischer Journalist, Mitarbeiter an Fotodokumentationen, Ethnologe und Romancier. Täuscht sich der Rezensent, wenn er den Eindruck gewinnt, bei Braun komme der Dokumentarist besser weg als der Journalist? Bezeichnend erscheint bereits die Reihenfolge der Begriffe, wenn der Autor vom „doppelten Transfer zwischen Ethnologie und Literatur“ spricht. Und wenn es um Fichtes Studien in New York geht, wiederholt sich das Muster aus Europa, der Titel des Kapitels bei Braun lautet verkürzend: „New York – in der Schwarzen Stadt“. Doch Fichtes Interesse endete keineswegs an den Grenzen von Harlem.

So hinterlässt das gut lesbare, detail- und kenntnisreiche Buch einen zwiespältigen Eindruck. Es regt zur weiteren Lektüre Fichtes an und rückt den Schriftsteller zugleich noch mehr hinaus aus seinem deutschen und europäischen Kontext. So kann es ungewollt jene Entwicklung seiner Rezeption verstärken, die ihn von einem Autor mit Breitenwirkung zu einem für einen kleinen Kreis von Spezialisten hat werden lassen. Wer entgegen den Proportionen in Fichtes Werk den Damen im brasilianischen Haus der Mina mehr Aufmerksamkeit und Raum widmet als der Mutter Dora Fichte, trägt wenig zur weiteren Popularisierung des Autors bei.

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