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Literaturforum: Hans Keilson: Das Leben geht weiter - Rezension


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 Thema: Hans Keilson: Das Leben geht weiter - Rezension
ArnoAbendschoen
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Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 04.10.2021 um 22:05 Uhr

Da wurde ein Bilderbuchstart zu katastrophaler Bruchlandung: Ein Medizinstudent, Anfang zwanzig, schreibt seinen ersten – autobiographischen – Roman. Er wird sofort vom S. Fischer Verlag angenommen und als er erscheint, sind die Nationalsozialisten gerade an die Macht gelangt. Das Buch wird bald verboten und kommt erst fünfzig Jahre später erneut und im selben Verlag heraus. Wie damals schon erreicht „Das Leben geht weiter“ vor allem Fachkreise, die Lob spenden. Eine internationale Breitenwirkung für Keilsons Gesamtwerk setzt erst um 2010 ein (als der Autor schon einhundert Jahre alt ist), ausgelöst durch eine enthusiastische Besprechung seines zweiten Romans „Der Tod des Widersachers“ in der New York Times. Der Buchtitel des Erstlings erwies sich in Bezug auf das Werk selbst als eine Prophezeiung: langlebig und mit Wiedergeburten. Keilson selbst starb 2011.

Die ungewöhnliche Entstehungs- und Wirkungsgeschichte zeitigt eine doppelte Spiegelung des Stoffs, eine erste im Werk und eine zweite bei der Rezeption. Der junge Keilson selbst beschrieb 1932 den Niedergang des elterlichen Geschäfts in der Weltwirtschaftskrise, mit Bankrott endend, und daneben die in Suizid mündende Odyssee seines Schulfreundes, der sich nirgendwo etablieren konnte. Sehr natürlich ist der Autor ganz nah an seinem Stoff. Der Leser von heute aber hat einen viel weiteren Horizont, er weiß, wie das Leben tatsächlich weiterging: Untergang der Weimarer Republik, Ermordung der Eltern des Autors in Auschwitz. So entsteht von der ersten Seite an eine ungeheure Suggestion: Erschrecken und Trauer des Erzählers vervielfachen sich für uns permanent. Der Roman selbst wird allgemein der Neuen Sachlichkeit zugerechnet, doch geht er mit seiner so sorgfältigen wie unaufdringlichen Darstellung und Analyse seelischer Regungen der Figuren weit darüber hinaus.

Die Hauptfigur Albrecht, dem Autor erkennbar nachgezeichnet, bleibt die längste Zeit passiver Beobachter. Erst zum Schluss hin steht er vor einem Durchbruch zu politisch aktivem Handeln. Das hat etwas von Sturzgeburt und wie es, Thesen ausbreitend, auf den letzten zwei Dutzend Seiten ausgeführt ist, mindert einerseits den rein ästhetischen Wert des Romans wie es andererseits an sich zeitgeschichtlich absolut glaubwürdig ist. Albrechts Bewunderung gilt erst dem frühen Thomas Mann, mit dessen kontemplativem Tonio Kröger er sich lange identifiziert, dann geht er zu Hermann Hesse über und hat nun den in einen Krieg ziehenden Demian als Leitstern. Nur dass aus dem Weltkrieg ein sozialer Bürgerkrieg geworden zu sein scheint … Womit wir bei der ideologischen Konzeption des Buches sind – sie ist ebenso leicht aus heutiger Sicht zu kritisieren wie sie der tatsächlichen geistigen Entwicklung vieler junger Intellektueller damals entspricht. Wenn am Romanschluss Vater und Sohn in der ursprünglichen (auf Wunsch des Verlags abgeschwächten) Version einen Demonstrationszug sozialer Verlierer „mit geballten Fäusten“ grüßen, kommt das einer Absage an jede Bürgerlichkeit gleich. Diese Tendenz zeigte schon der Titel, den das Werk zunächst hatte, ebenfalls auf Verlagswunsch geändert: „Das neue Leben“. Zwar gibt es gerade unter den Kaufleuten im Buch Solidarität, und sogar mehr davon als an Konkurrenzkampf, doch es rettet den Vater nicht vor dem Ruin. Als dieser eintritt, steht Albrechts Vater dem Arbeiter und Funktionär Kipfer näher als seinen Berufskollegen. Von diesem Kipfer heißt es schon bei seinem ersten Auftreten, er arbeite „für eine radikale Partei“. Und bei der erwähnten Demonstration kann es sich eigentlich auch nur um eine der damals in Berlin häufig von Kommunisten organisierten handeln. Zuvor schon hat Albrecht im heimatlichen Bad Freienwalde seinem früheren Mentor Dr. Köster gegenüber angekündigt: „ … ich habe mich entschlossen, politisch zu werden.“ Als er sich dafür zu rechtfertigen sucht, ist dann auch die Rede von „der politischen Partei, die durch die gemeinsame äußere Zielsetzung eine Verbundenheit schafft.“ Es ist wenig wahrscheinlich, dass Albrecht dabei die Sozialdemokratie der ihrem Ende entgegentreibenden Weimarer Republik im Sinn hat. Er sympathisiert also jetzt mit einer der beiden Seiten, die das gesellschaftliche System der Nachkriegszeit in die Zange nehmen und zum Einsturz bringen.

Der Roman zeichnet die soziale, ökonomische, psychologische Vorgeschichte einer solchen Annäherung in vielen kleinen Einzelschritten glaubwürdig nach. In seiner Mischung aus Analyse und Empathie im Verhältnis zu den realistischen Details liegt dabei der bleibende Wert des Buches. Die Geschäfte von Albrechts Vater gehen schlecht und immer schlechter und Albrecht sieht ihn wiederholt weinen. Hans Keilson dürfte das selbst so erlebt und seine eigene Fassungslosigkeit damals mit der Niederschrift des Textes bewältigt haben. Für seine Eltern folgte auf den ökonomischen Tod die physische Vernichtung. Ihre spätere Ermordung fordert Hans Keilson lebenslang, so wie der Holocaust die Gesellschaft insgesamt auf unabsehbare Zeit.

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