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DER TIERPRÄPARATOR (Wiener Stücke - Band3)
Autor: Johannes Wierz · Rubrik:
Sonstiges

DER TIERPRÄPARATOR

von
Johannes Wierz


Ein junger Tierpräparator lebt zurückgezogen in der elterlichen Wohnung, die mit seinen Arbeiten voll gestellt ist. Mittelpunkt seiner Wohnung und seines Lebens bildet ein großes Karussell, das über mehre Räume reicht. Die einzelnen Abteilungen des Karussells werden zu Projektionsflächen wichtiger Ereignisse seines Lebens.



2011
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Aufführung durch
Berufs- und Laienbühnen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung
und Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen und andere Medien,
auch einzelner Abschnitte.
Das Recht der Aufführung oder Sendung ist nur von Johannes Wierz
zu erwerben.
Den Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt.

PERSONEN:

RUDOLF Tierpräparator

MARION Jugendliebe

NIEKISCH Nachbarin

Das Stück spielt in der heutigen Zeit, in einer Altbauwohnung.
Ein großes Zimmer.
Zentraler Punkt: ein altes Karussell, das in drei Segmente eingeteilt ist.

1.Segment: Am See (Gebirgslandschaft, ein künstlicher See mit Schilf, einem ausgestopften Schwan und einem Boot)

2.Segment: Krankenhaus

3.Segment: Hochzeitszimmer (ein Doppelbett mit Nachttisch etc. alles wie neu eingepackt)

Mitten im Raum steht ein Arbeitstisch mit Utensilien.
In einer Ecke ein Feldbett, daneben ein kleiner Kocher, ein großer Schrank.
Auf der einen Seite eine Schiebetür, die offen steht und damit einen Blick in den Flur gewährt, in dem mehrere Tierpräparationen stehen.
Parallel die Korridortür mit Briefschlitz.
Die Wände im Zimmer sind notdürftig gestrichen.
Der Durchbruch ist in Umrissen (wie das Karussell)noch zu erkennen.
Neben dem Karussell: das Schaltpult mit einem Plattenspieler (aus den fünfziger Jahren).
Über dem Karussell eine große Lichterkette.
Auf der anderen Seite: eine normale Tür, an der Postkarten aus aller Welt hängen.


Jedes Mal, wenn MARION erscheint, ist sie anders gekleidet.

Erste Szene

RUDOLF sitzt am Tisch und arbeitet an einer elektronischen Schaltanlage. Immer wieder macht er Pausen, sichtlich kann er sich nicht auf die Arbeit konzentrieren.
Auf dem Stuhl gegenüber - mit dem Rücken zum Publikum - sitzt eine Frau.
Auf dem Tisch ein großes Telefon.


RUDOLF:
Wir hätten das nicht einführen sollen
es ist ein Fehler gewesen
ein großer Fehler
Den ganzen Tag schon
bin ich unkonzentriert
nervös
Seit über einer Stunde
sitze ich hier
und gebe eine lächerliche Figur ab
Was soll ich ihr bloß erzählen
wenn sie anruft?

nach einer Weile

Ich könnte ihr erzählen
was ich heute gemacht habe
Sie würde es nicht verstehen
nicht wahr
Anna?
Sie interessiert sich nicht für uns
Dich hat sie von Anfang an ignoriert
Und zu unserer Hochzeit
weißt Du noch?

er lacht

Der Brief
ihr Brief
mit keiner Silbe
hat sie Dich erwähnt
Kein Glückwunsch
nichts
Sie ist von jeher
eine schlechte Verliererin gewesen
Ja
so hat wohl jeder seine Schwächen
Einsam fühl´ ich mich
einsam
wie jeden Donnerstag
Weißt Du Anna
das Warten und diese Unkonzentriertheit
An Donnerstagen
fällt es mir schwer
über den Tag zu kommen
Von Donnerstag zu Donnerstag
fällt es mir immer schwerer
über den Tag zu kommen
Der Donnerstag
ist der längste Tag der Woche
nur an Donnerstagen
bin ich so unkonzentriert
Nein
nein
wir hätten es nicht einführen sollen
es ist ein Fehler gewesen
Den ganzen Tag
habe ich auf ihren Anruf gewartet
Heute morgen
als der Wecker geklingelt hat
habe ich gedacht
es wäre das Telefon
Zehn Minuten lang
habe ich den Hörer
in den Händen gehalten
und HALLO
HALLO
Hinein geschrieen
immerzu
ein HALLO
HALLO
Ich bin ein Narr
Anna
ein Narr
Einen alten Narren
hat das Warten
aus mir gemacht
Dabei sagt man doch
im Alter
gehen die Uhren anders
schneller
Sagt man nicht
im Alter
verginge die Zeit
wie im Fluge?
Ein völliger Blödsinn
Die das sagen
haben doch überhaupt keine Ahnung
kennen keine Donnerstage
haben solche Donnerstage
nie erlebt
Was ich heute gemacht habe
willst Du wissen?
Nun
nach dem Frühstück
und dem Studieren der Zeitung
habe ich den Schrank geöffnet
und Deine Kleider
an die frische Luft gehängt
Es wird Frühling Anna
und da ist es Zeit
die Kleider
an die frische Luft zu hängen
Die Niekisch
ist natürlich
wieder am Fenster gestanden
und hat geschaut
dumm
hat sie geschaut
Ja
Ja
die Niekisch aus dem Zweiten
die hat es gerade nötig
dumm zu schauen
wo ihr doch der Mann abgehauen ist
Man sagt
der Niekisch hätte sich abgesetzt
Er soll in die Kasse
seiner Firma gegriffen haben
der Niekisch
dabei hat die kurz vor dem Konkurs gestanden
Jetzt soll er auf eines Insel leben
mit so einem jungen Ding
Kannst Du Dir das vorstellen
Anna?
Der Niekisch und so ein junges Ding
einfach lächerlich
Im Haus spricht man davon
dass er seiner Frau
einen Brief hinterlassen hat
in dem soll gestanden haben
dass sie ihm halt nicht böse sein soll
und dass er nun endlich seinen Jugendtraum
verwirklichen könne
Einfach lächerlich
das Ganze
wo doch der Niekisch
auch schon weit über sechzig ist
Ein Jahr
und er wäre in Rente gegangen
Der Alten
geschieht es ganz recht
ich habe sie nie leiden können

Er setzt sich wieder.

Nein
nein
das mit Deinen Kleidern
werde ich ihr nicht erzählen
Du weißt ja
wie sie ist
Am Ende
hält sie mich für sentimental
oder gar für senil
Nein
nein
das mit dem Kleiderschrank
werde ich ihr unterschlagen
das geht sie nichts an
Aber die Geschichte
von der Niekisch
die könnte ich ihr erzählen
die ist amüsant

Er nimmt den Telefonhörer ab.

mit unsicherer Stimme

Guten Abend
Marion
Schön
dass du anrufst

Er legt wieder auf.

An Donnerstagen
sollte ich mehr hinausgehen
sollte mich auf Gespräche einlassen
damit ich in Übung bleibe
An Donnerstagen
verspüre ich immer so ein Kratzen im Hals
und so eine Beklemmung
in der Brustkorbgegend
von den Schluckbeschwerden
erst gar nicht zu reden
Immer nur
an Donnerstagen
immer dann
wenn sie anruft
habe ich diesen dicken Kloß im Hals

Abermals nimmt er den Hörer ab.

Guten Abend

Er hüstelt und legt wieder auf.

Auf keinen Fall
werde ich wegen dieser Geschichte
einen Arzt aufsuchen
Ein Arztbesuch
kommt für mich
überhaupt nicht in Frage
Ich gehöre nicht zu den Menschen
denen die Decke
auf den Kopf fällt
die nicht wissen
was sie tun sollen
und nur aus purer Bosheit und Langeweile
einen Arzt aufsuchen
Ich sehe´ sie schon vor mir
diese alten verbitterten Frauen
mit Wasser in den Beinen
wie sie warten
und jede Gelegenheit
sofort nutzen
um ein Gespräch anzufangen
Erst letzte Woche
auf dem Friedhof
hat man mir aufgelauert
Freundlich
treten sie an einen heran
mit der Bitte
um die Gießkanne
Aber die Gießkanne
ist ja nur der Anfang
dann kommt das Schüppchen
die Harke
und zu guter Letzt
eine Einladung zum Kaffee
Alten Frauen
muss man aus dem Weg gehen
sonst ist man hoffnungslos verloren
Die Witwen
sind die allerschlimmsten
Ich habe den Eindruck
dass es ihnen nicht ausreicht
nur einen Mann
unter die Erde gebracht zu haben

Er schaut auf seine Uhr.

Zwei Stunden
habe ich noch Zeit
In zwei Stunden
beginnt erst der Spartarif
Marion ist geizig
von jeher
Nein
nein
vorher ruft sie nicht an
Obwohl ich weiß
dass sie erst gegen Abend anrufen wird
bin ich schon den ganzen Tag über nervös
schrecke bei jedem Geräusch auf

RUDOLF steht auf und schüttet sich ein Glas Wein ein.

Marion
ist als Kind schon sparsam gewesen
das Ökonomische
vom Vater geerbt
Ich werde nie vergessen
wie sie mich hat stehen lassen
wegen einer großen Tafel Schokolade
Sie ist von jeher
ein Karrieremensch gewesen
In der Schule schon
hat sie gegen einen hohen Zins
Geld verliehen
Marion
ist als Karrierefrau
einfach wie geschaffen
Drei Riegel Kokosschokolade
hatte ich ihr gekauft
weil sie Kokosschokolade
so gern gemocht habe
Sie aber
hat sich für den Jungen
aus der Oberschule entschieden
Wegen einer dreihundert Gramm Tafel
Vollmilchschokolade
hat sie mich einfach
stehen gelassen

RUDOLF nimmt einen kräftigen Schluck.

Gott sei dank
bin ich nicht nachtragend
nicht wahr
Anna?
Nachtragend
bin ich nie gewesen

Er geht zum Tisch und nimmt die elektronische Schaltanlage in die Hand.

Ich glaube
dafür ist noch Zeit

Er geht zu dem Schaltpult herüber und baut das neue Teil ein. Die bunte Lichterkette geht an. Dann entfernt er eine der Planen, die das Karussell abdecken. Eine malerische Gebirgslandschaft wird sichtbar. Davor auf einem künstlichen See ein Boot, mit dazugehörigem Schilf und einem ausgestopften Schwan.

Jetzt kommst Du an die Reihe
Anna

Er geht zum Stuhl und nimmt sie in die Arme.
Erst jetzt ist zu sehen, dass es sich bei Anna um eine Puppe handelt.

RUDOLF setzt sie in das Boot

So Anna
halt Dich gut fest
gleich geht es wieder rund!

Er verschwindet hinter dem großen Schaltpult und betätigt einige Knöpfe.
Musik ertönt, langsam setzt sich das Karussell in Bewegung.

Anna
es funktioniert
Es dreht sich Anna
es dreht sich
Mein Gott
es funktioniert
ohne dass eine Sicherung herausspringt

Er springt auf die Plattform.

RUDOLF(singend):

ein weißer Schwan
ziehet den Kahn
mit der schönen Fischerin
auf den blauen See dahin
Im Abendrot
schlingert das Boot...

Er springt wieder ab.

So Anna
jetzt halt Dich gut fest
Ich probiere das neue Relais aus

Am großen Schaltpult drückt RUDOLF einen Knopf. Plötzlich flackert das Licht. Die Musik und das Karussell werden immer schneller, was zur Folge hat, dass erst die Arme und dann der Kopf sich von der Puppe lösen und mit voller Wucht in das Zimmer geschleudert werden.
RUDOLF hält das Karussell an. Betroffen macht er sich daran, die im ganzen Raum verstreuten Teile der Puppe aufzuheben.
Er bringt sie zu seinem Tisch, nimmt sich Nähzeug und versucht einen Arm wieder anzunähen.
Nach einer Weile macht er eine Pause und schaut auf das Telefon.

RUDOLF:
Immerhin
hatte ich damals die Möglichkeit
sie zu heiraten
Lang ist das her
Sie wollte unbedingt
meine Frau werden

Er näht weiter.

Wir sind derselbe Jahrgang
Ein paar Monate
bin ich nur älter
Bei diesen Arbeiten ist das Garn
das alles Entscheidende
Auf das Garn und die Stiche
muss besondern Wert gelegt werden
sonst wird es keine präzise Arbeit
Das Zusammensetzen
der einzelnen Stücke
die Naht
all das verlangt
eine Genauigkeit ohnegleichen
Wenn die Stiche nicht stimmen
ist die ganze Arbeit umsonst
Oft werden die Tiere
in einem so schlechten Zustand angeliefert
dass es einem Kunstwerk gleichkommt
sie wieder so herzurichten
dass sie lebensecht wirken
Ich hatte mal einen Mitarbeiter
der doch tatsächlich
einem Vulpes zerda
den zwanzig Zentimeter langen Schwanz
mit einem Kreuzstich angenäht hat
Unglaublich
unglaublich
Gott sei dank
ist er später
in die Spielzeugindustrie abgewandert
Kann man sich bei Tieren
ein oder zwei
kleinere Fehler erlauben
so ist dies
bei einer menschlichen Präparation
völlig ausgeschlossen
Die Präparation
ist eine künstlerische Arbeit
die einem alles
aber auch wirklich alles
abverlangt
die wenigsten begreifen das

RUDOLF zieht an dem Arm, um festzustellen ob er hält.

Er legt die Puppe beiseite.

So den einen hätten wir

Langsam könnte sie wirklich anrufen
sie ist längst überfällig
Ein richtig kleiner Trotzkopf
ist sie gewesen
Anna war schweigsamer
bescheidener
nicht so machthungrig
wie sie

RUDOLF nimmt den Hörer ab und sagt mehrere Male: »Guten Abend«, jedes Mal in einer anderen Betonung.

Wir hätten es
bei den Briefen belassen sollen
Briefe
sind persönlicher
und nicht so direkt
wie ein Telefonat
Man kann sich Zeit lassen
bevor man auf eine Frage antwortet
Und diese Fragen
diese immer gleichen Fragen
Warst du heute spazieren?
Was hast du gegessen?
Was macht die Gesundheit?
Wie ist das Wetter?
Und
und
und
Fragen
nichts als Fragen
Und da Marion
auf Sparsamkeit
bedacht ist
muss ich immer sofort antworten

nach einer Weile

Was mache ich da?
Ich blockiere die Leitung

Schnell legt er den Hörer auf.

Für mindestens fünf Minuten
habe ich jetzt die Leitung blockiert
Hoffentlich
hat sie nicht gerade jetzt
in diesen fünf Minuten
angerufen
Ach was rege ich mich auf
Sie wird es noch einmal versuchen
Sie wird bestimmt
noch einmal anrufen
dafür kenne ich Marion
einfach zu gut
Der Abend ist ja noch lang

Er nimmt den anderen Arm und beginnt auch ihn wieder anzunähen.

Marion hat Ehrgeiz
das nötige Durchsetzungsvermögen
Ein typischer Frauen Dickschädel
Da ist sie anders
als meine Anna
Anna
hätte vor Wut
den Hörer auf die Gabel geworfen
und nie mehr angerufen
So war sie in allen Dingen
meine Anna
Beim ersten Scheitern
schon im Versuch
hat sie aufgegeben
Ein regelrechter Innenmensch
war sie
Mich hat sie gebraucht
um Leben zu können
Meine Anna
war bescheiden
zu bescheiden

Er schaut auf die Uhr.

Jetzt hat sie immer noch nicht angerufen

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Einstell-Datum: 2011-09-17

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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