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Der Unglücksrabe
Autor: Michael Felske · Rubrik:
Kurzgeschichten

Poltern zerriß die friedliche Stille der lauen Sommernacht. Sofort schnellte sie hoch und saß im Bett. Sie stieß ihrem Mann grob zwischen die Rippen. "Georg, wach auf." "Was ist denn los", grummelte der Mitvierziger.

Gestern abend hatte er über den Durst getrunken. "Man feiert ja nicht alle Tage seinen Einzug", war sein Kommentar auf die bissige Bemerkung seiner Frau Ruth.

"Auf dem Dachboden. Es hat gepoltert."

Als der Lärm losschlug, dämmerte Ruth gerade sanft ins Land der Träume. Jetzt war sie völlig wach.

"Bitte sieh nach", flehte sie ihn an. "Du siehst zu viele Filme. Du hast nur geträumt." "Ich habe noch nicht geschlafen. Bitte, Georg."

Sie knipste das kleine Nachtischlämpchen an. Er hielt sich zum Schutz die rechte Hand vor die Augen und setzte sich auf.

"Du wirst sehen, oben ist alles in Ordnung. Nicht mal eine Maus kann sich da einnisten."

Georg schlüpfte in den Bademantel. Dann schlurfte er durch den Flur und stieg die ersten Stufen zur Dachetage hoch. Dort war sein berufliches Domizil. ^Er war Immobilienmakler und hatte den Heuboden des Bauernhauses in eine Büroetage verwandeln lassen.

"Lieber leb´ ich auf dem Dorf, als hier im Berliner Smog", hatte er seinen Partnern abends bei der Party gesagt.

"Morgen früh werde ich das Fax nach Köln fertigmachen", dachte Georg, als er die letzten Stufen erklommen hatte. Seine Geschäftspartner planten ein Wohngebiet das er allein vermarkten sollte.

Erschrocken stoppte er auf der letzten Stufe. Er sah zur Bürotür. Durch einen schmalen Spalt schimmerte ein bläulicher Lichschein und zeichnete ein Rechteck auf den beigen Teppich. Georg griff an die Klinke und zog die Tür auf. Auf dem Schreibtisch leuchtete der Monitor des Computers. Georg tastete nach dem Lichtschalter. Weißes Neonlicht zuckte zweimal. Das Büro war nun taghell erleuchtet. Auf dem Bildschirm erkannte er, daß das Internet aktiviert war. Bei näherem Hinsehen sah Georg, daß sich sein Rechner in der Datenbank des Zoologischen Instituts der Universität Berlin befand. Das Computerbild zeigte einen kräftigen Raben von der Seite, der auf einem Birkenast thronte. Sein schwarzes Knopfauge sah Georg scharf an.

"Diese Idioten", schimpfte er. "Spielen während der Party mit dem Kram und schalten dann nicht wieder aus."

Georg griff schnell zur Computermaus. Er wollte gerade aus dem Internet aussteigen, als ihm der Rabe plötzlich mit dem Auge zublinzelte. Georg ließ vor Schreck die Maus fallen. Er wich zurück und sah auf den Raben. Der pechschwarze Vogel rührte sich nicht.

"Die Computeranimationen werden auch immer raffinierter", brummelte Georg dann und griff erneut nach der Maus. Sofort hämmerte der Rabe mit seinem spitzen Schnabel energisch laut zweimal von innen gegen die Scheibe des Bildschirmes.

"Halt den Schnabel", schrie Georg ihn an.

Der Rabe pickte gleich ein drittes Mal. Dabei zerschmetterte er sofort die Scheibe des Monitors. Seine Schnabelspitze lugte plötzlich zwei Finger breit aus dem Bildschirm heraus. Georg gefror vor Schreck das Blut in den Adern. Er starrte mit weit aufgerissenen Augen auf das Tier. Ein gellender Schrei brach aus ihm heraus. Bruchteile von Sekunden später sprang Georg aus dem Büro, die Stufen der Treppe hinunter und rettete sich mit klappernden Zähnen ins Schlafzimmer zu Ruth. Dort stand er. Aus seiner rechten Hand baumelte verloren das Verbindungskabel zu seiner Computermaus.

"Georg?"

Ruth riß sich ihre Bettdecke vom Leib. Sie sprang auf und sah ängstlich in sein aschfahles Gesicht.

"Er hat ....ge-klopft. Gegen das Glas", stammelte Georg leise. "Wer denn?"

"Ein Rabe. Er saß im Bildschirm und hat die Scheibe zerfetzt. Mit dem Schnabel. Von innen!"

Ruth führte ihn behutsam ans Bett. Als er auf der Kante saß, strich sie zärtlich über seine Stirn.

"Erhol Dich erst mal."

Georg sah Ruth fet in die Augen. Seine Pupillen waren so spitz wie Stecknadelköpfe, die Iris blutunterlaufen.

"Du glaubst mir nicht? Komm mit. Du wirst sehen, daß ich nicht phantasiere."

Zuerst wollte sie seiner Hand ausweichen, die fest nach ihrer griff. Aber dann ließ sie es geschehen. Beide erklommen langsam die Stufen nach oben. Die Tür stand nun weit auf. Am Schreibtisch angekommen, zeigte er mit dem Finger auf die Reste seines Bildschirmes.

"Glaub mir Ruth, da war ein Rabe." Georg war fassungslos. Seine Frau umarmte ihn liebevoll.

"Komm, laß uns wieder gehen. Vielleicht hat gestern abend bloß einer an Deinen Sachen hier herumgespielt und sie dabei ruiniert."

Georg starrte verwirrt auf seinen Schreibtisch. "Ich habe das wirklich gesehen, glaub mir, Ruth."

"Jetzt ist hier nichts und niemand mehr. Besser ist, wir gehen wieder schlafen. Ich räume hier morgen früh alles auf. Komm!"

Ruth und Georg gingen Hand in Hand durch das Büro zur Tür und löschten das Licht. Als die Tür ins Schloß fiel, piepste es im Büro.

"Wer faxt denn jetzt", fragte Ruth. "Werden wir gleich sehen."

Georg drückte die Türklinke herunter, machte das Licht an und ging zum Faxgerät. Ruth sah, daß er erbärmlich zitterte, als er das Blatt Papier mit der Nachricht in Händen hielt. Erst als sie neben ihm stand, konnte sie lesen, was darauf geschrieben stand.

"Warum magst Du meinen Raben nicht?", war mit schwarzen großen Lettern aufs Papier gedruckt.

"Und das? Was ist das, hmm?"

Georg schaute seine Frau an. Ihre Hand umfaßte seinen Oberarm, als sie auf das Blatt sah. Plötzlich fing sie an zu schluchzen.

"Ich weiß nicht, wer uns hier zum Narren hält."

Beide stierten stumm auf das Blatt Papier. Auf Georgs Stirn bildeten sich kleine Schweißperlen. Das Fax unterbrach ihr dumpfes Schweigen. Vor Schreck zerknüllte Georg den Bogen Papier in seiner Faust. Ruths Fingerspitzen krallten sich tief durch den Stoff des Schlafanzuges in seinen Oberarm. Mißtrauisch sahen beide, wie das Gerät die neue Nachricht ausspie. Georg ließ das Papierknäul aus seiner Faust auf den Boden fallen und nahm zögernd die neue Seite aus der Maschine.

Gemeinsam lasen Sie folgenden Hinweis: "Schaut bitte beide aus dem Fenster!"

Prompt warf Georg die Nachricht auf den Schreibtisch und rannte zum nächstgelegenen Dachfenster.

Der Rabe saß jetzt auf dem Ast der Linde, der über die Dachrinne seines Hauses beinahe bis zum Rand des modernen Ausstellfensters reichte. Als er wie ein Papagei als Drohung den spitzen Schnabel weit aufriß, hörte Georg einen dumpfen Schlag im Büro. Er sah, daß Ruth neben ihm in Ohnmacht gefallen war. Als er sich zu seiner Frau hinunter bückte, um ihr zu helfen, bemerkte er die kleine Blutlache auf dem Parkett. Aus ihrem linken Ohr lief ein hellrotes Rinnsal. Scheppernd laut klopfte es an das gegenüberliegende Dachfenster. Schon von weitem entdeckte er noch einen Raben, der auf dem hölzernen Fensterrahmen saß und gegen die Doppelverglasung pickte. Die Scheibe bebte. Georg rannte hin schlug mit der geballten Faust dagegen.

"Hau ab. Du Mistvieh." Dann schrie er: "Aufhören." Der Rabe hämmerte aber unbeeindruckt weiter. Nun saß vor jedem Fenster ein schwarzes Federvieh. Alle sechs hackten ein infernalisches Stakkato. Als die erste Scheibe, unter der Ruth besinnungslos lag, zerbarst, riß Georg seine Frau vom Boden und zerrte sie weg von dem Vogel, der sich flügelschlagend zwischen den scharfen Scherben des zerstörten Fensters ins Innere des Hauses vorarbeitete und sofort hinter ihnen her flog.

Georg schmetterte gerade noch rechtzeitig die Tür hinter sich zu. Der Rabe schlug von innen gegen die Tür, krächzte erbost und flog wieder aus dem Fenster. Georg zog seine Frau hinter sich her, die Stufen hinunter. Ruths Füße schliffen dabei über den Teppichboden. Sie kam langsam wieder zu sich und stöhnte leise. Als beide die unterste Stufe erreicht hatten, erlosch mit einem Mal das Licht im ganzen Haus. Georg hievte Ruth wieder auf die Beine.

"Wir müssen raus hier. Versuch, ob Du wieder selber laufen kannst", flehte Georg sie an.

Als sie sich zur Haustür schleppen wollten, schössen zwei Raben durch die geschlossenen Oberlichter auf sie zu, kurvten eine Runde um die Lampe durch den Flur und landeten gekonnt im Halbdunkel auf dem Geweih neben dem Türrahmen. Beide starrten Ruth und Georg drohend an. Mit bestialischem Getöse zerplatzten dann zeitgleich vier Scheiben in Schlaf- uind Wohnzimmer. Georg spürte genau den scharfen Luftzug, als die vier Raben durch die Türen an ihm vorbei zum Geweih flogen. Dort saßen sie jetzt zu sechst regungslos nebeneinander. Georg und Ruth warfen sich sofort zu Boden, als das Flügelschlagen sich in ihre Ohren bohrte. Wie Aasgeier kreisten die Raben krächzend um die Lampe durch den dunklen Flur. Zum Schutz wälzte sich Georg auf Ruth. Wie ferngesteuerte Modellkampfjäger zogen die sechs noch eine großzügige Kurve am Geweih vorbei. Dann stachen sie im spitzen Winkel nach unten und schössen direkt auf Georg zu. Die harten Schnäbel und Krallen zerfetzten seinen Bademantel im Nu. Georg ruderte wie wild mit den Armen und schlug um sich. Er bäumte sich auf, wälzte sich schnell zur Seite und schlug plötzlich hart mit Kopf und Hüfte auf den Fußboden.Als er die Augen öffnete, lag er neben seinem Ehebett.

"Liebling, was ist denn", murmelte Ruth und sah ihn vom Bett aus schlaftrunken an.

Georg schaute sich um und tastete nach der Beule an seinem Kopf. "Scheißtraum!"

Festentschlossen sagte er dann zu Ruth: "Vergiß das Bauernhaus. Wir bleiben in Berlin."


Einstell-Datum: 2008-09-04

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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