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Die Gitarre
Autor: Dieter Hellfeuer · Rubrik:
Kurzgeschichten

Die Decke der Gitarre bestand aus massiver Fichte, deren Zeichnung matt durch den Staub schimmerte. Winter fuhr mit dem Ärmel seines Mantels über den stumpf gewordenen Lack. Unterhalb der Rosette des Schallochs konnte man noch den Umriss des Schlagbretts erkennen, darunter war nur noch blankes Holz.
Winter erinnerte sich, wie er das Schlagbrett damals vorsichtig abgelöst hatte. Er erinnerte sich sogar an den Tag, einen Freitag, seinen achtzehnten Geburtstag. Einige Monate später war er in diese Stadt gezogen, und für viele Jahre war diese Gitarre das wertvollste gewesen, was er besessen hatte. Winter tastete mit der Hand über die Wölbung der Zarge. Er konnte den Riss spüren, den er bei einem seiner Kneipenauftritte durch seine Unvorsichtigkeit verursacht hatte. Sehen konnte man ihn nicht mehr, den Riss, aber fühlen.
Der Mann, der die ganze Zeit über hinter ihm gestanden hatte, räusperte sich.
»Ist bestimmt durch unzählige Hände gegangen. Ich sagte ja schon, sie muss überarbeitet werden. Bislang bin ich noch nicht dazu gekommen.«
Winter schielte auf die staubigen Gitarrenkoffer, die ungeordnet an den kalkverputzten, schmutzigen Wänden lehnten
»Wissen Sie noch, wer sie in Zahlung gegeben hat«, fragte er.
Der Mann lehnte sich mit verschränkten Armen an den Türrahmen. In dem Licht der Glühbirne vertieften sich die Falten in seiner Stirn zu schattigen Furchen.
»Irgend so ein Straßenmusiker, ein Pole oder Russe oder so. Das muss schon über ein Jahr her sein.«
»Seinen Namen haben Sie nicht behalten?«
Das Lachen des Mannes kondensierte in dem unbeheizten Keller. »Den Namen?«
Winter zupfte einige Akkorde. Das Instrument besaß noch immer diesen warmen, melancholischen Ton.
»Heutzutage wird so etwas ja gar nicht mehr gebaut«, sagte der Mann.
Winter hätte gern noch ein wenig gespielt, aber nicht in Gegenwart des Mannes.
»Ich nehme sie.«
»Mit dem Preis kann ich aber nicht runtergehen.«
»Der Preis ist in Ordnung«, sagte Winter.
»Dann lassen Sie uns nach oben gehen«, hustete der Mann. »Wir holen uns hier noch den Tod. Und Sie machen sich Ihren teuren Mantel ganz schmutzig.«
Der Tod. Als er vor über zehn Jahren die Gitarre in einem Leihhaus versetzte, war er dem Tod näher gewesen als dem Leben, ein lebender Toter, der sich in seiner Wohnung verkroch und der sich nur noch wegen des Alkohols nach draußen wagte. Winter fühlte, wie sich die Erinnerung als lähmender Druck in seiner Brust ausbreitete. Er erinnerte sich an eine der Therapiesitzungen in der Klinik, als ihn die Ärztin gebeten hatte, ein Stofftier aus dem Haufen von Stofftieren auszuwählen, der sich neben seinem Stuhl türmte. Er hatte ein Krokodil gewählt, mit einem überdimensionierten riesigen Maul, einem Maul, das bereit schien, alles zu verschlingen.
»Kommen Sie?« Die Stimme des Mannes klang ungeduldig.

In dem Verkaufsraum stöberte ein Junge in einem Kasten mit Songbüchern, die genauso abgegriffen waren wie alles hier, ein Flohmarkt enttäuschter Hoffnungen, mangelnden Talents oder einfach nur blanker Not. In dem Durchgang zu den Instrumenten saß eine alte Frau in einer geblümten Schürze auf einem Sessel und starrte abwesend auf ein Aquarium.
»Bezahlen Sie in bar?« In der Frage des Mannes schwang Angst mit, als er die Kreditkarten sah, die in Winters Brieftasche sichtbar wurden.
»In bar«, erwiderte Winter. Er zog einige Scheine heraus und legte sie auf den Tresen. Während der Mann nachzählte, konnte Winter aus den Augenwinkeln verfolgen, wie der Junge ein Songbuch unter der Jacke verschwinden ließ.
»Eine Quittung brauche ich nicht«, sagte Winter.
»Das sind mir die liebsten Kunden«, lachte der Mann. Er blickte kurz hoch, als er die Türglocke hörte, die das Verschwinden des Jungen begleitete. Kopfschüttelnd ließ er die Schublade der Kasse zugleiten.
»Hier treibt sich fast nur noch Gesindel herum. Lange mach ich das nicht mehr mit.«
Er trat hinter dem Tresen hervor und hob für Winter den Gitarrenkoffer an.
Der scharfkantige Plastikgriff des Koffers schnitt sich in Winters Hand. Er kannte diesen Schmerz. Grußlos verließ er den Laden.

In den Lichtkegeln der Straßenlaternen blitzten Schneeflocken auf. Winter klappte den Kragen seines Mantels hoch und schritt langsam an den mit Graffitis besprühten Hausfassaden entlang, die er so lange gemieden hatte. In der Luft hing noch immer der Geruch von Kohleheizungen, wie damals. Aus manchen Fenstern drangen orientalische Melodien und Kindergeschrei.
Der Schneefall war stärker geworden. An der Ampel, die zu der U-Bahnstation hinüberführte, standen dichtgedrängt Menschen. Eine Afrikanerin drückte schützend das unter einer Pudelmütze versteckte Köpfchen ihres Babys unter ihr Kinn. Ein Mann mit einer Baseballkappe, der wie Winter die Szene beobachtete, verzog das unrasierte Kinn zu einem Lächeln. Er hielt einen Strauß Rosen unter dem Arm geklemmt. Um diese Zeit erwarteten die Restaurants die ersten Gäste.
Die Ampel sprang auf Grün. Die Menschentraube bewegte sich schweigend an den Scheinwerfern der Autos vorbei.
In dem Eingangsbereich der Station roch es nach Urin. Zwei Junkies, die an einem Werbeplakat lehnten, blinzelten Winter misstrauisch an. Der Gitarrenkoffer schien sie davon abzuhalten, ihn anzusprechen. Auf der Rolltreppe hörte Winter ihr Lachen.

Das Kreischen aus dem Schacht kündigte die Ankunft der U-Bahn an. Winters Hand klammerte sich fester um den Griff des Gitarrenkoffers. Der Schmerz lenkte ihn von seiner aufkeimenden Panik ab.
Es war am Abend nach seinem letzten Auftritt gewesen. Jenem Auftritt, als ihn die Sicherheit selbst bei den einfachsten Stücken verlassen hatte. Als die wenigen Zuhörer in der Kneipe einfach nur noch mitleidig geschwiegen hatten. Jener Abend, als er plötzlich gezögert hatte, in die Bahn einzusteigen. Und bereits am folgenden Morgen war er nicht mehr in der Lage gewesen, in irgendeine Bahn einzusteigen.
Winter balancierte den Koffer zu einem freien Platz an der Rückbank. Mit geschlossenen Augen hörte er erstmals seit damals das surrende Gleiten der Räder. Das Schaukeln des Wagens ließ ihn das Gewicht seines Körpers spüren. Winter atmete ruhig und gleichmäßig.
Er wusste nicht mehr, wie viele Stunden vergangen waren, seit er sein Büro verlassen hatte. Wahrscheinlich standen sie jetzt um seinen Schreibtisch und würden versuchen, ihn über das Handy zu erreichen. Würden ihn mit einstudierter Betroffenheit in der Stimme fragen wollen, was mit ihm los gewesen sei, warum er mitten in der Präsentation seinen Vortrag abgebrochen und den Raum verlassen hatte. Was hätte er ihnen sagen sollen? Dass er ihren besten Kunden und seinen beheizten Firmenwagen stehen gelassen hatte und inmitten der Kälte ohne Schal und Handschuhe lieber ziellos durch die Stadt gelaufen sei? Dass er schließlich vor diesem Trödelladen gestanden hatte, den er von früher kannte, und in den er nach kurzem Zögern eingetreten war und nach dieser ganz bestimmten Gitarre gefragt hatte? Dass dann dieser Mann geantwortet hatte, ja, so eine Gitarre besäße er zufällig. Dass ihm dann ganz heiß vor Aufregung geworden sei, als sie die Treppe in den Keller hinabstiegen, wie einem Kind zu Weihnachten kurz vor der Bescherung? Waren das Antworten eines Mannes von vierzig Jahren, wo es doch nur um eine alte Gitarre ging?
Oder hätte er sagen sollen, da war dieses Lied, das er heute morgen beim Aufwachen im Radio gehört hatte. Dieses Lied, das er so lange nicht gehört hatte, so dass er beim Rasieren plötzlich hemmungslos zu weinen angefangen hatte, dass er gar nicht mehr aufhören konnte zu weinen, dass ihm seine durchgestylte Wohnung plötzlich so elendig leer und kalt vorgekommen war, auch all diese Gesichter in der Agentur waren plötzlich so elendig leer und kalt, und dass er diese Sätze nicht mehr ertragen konnte, die er im Licht des Overheadprojektors von sich gab, diese in einstudiert arrogantem Tonfall vorgetragenen, durchgestylten Sätze, die seit eingen Jahren sein neues Leben ausmachten und die überall in der Stadt an den Wänden hingen, selbst an jenem Plakat, an dem eben die Junkies gelehnt und ihn ausgelacht hatten?
»Entschuldigen Sie ...«
Den Worten, die durch das Schaukeln drangen, haftete ein slawischer Akzent an. Winter öffnete die Augen. Ihm gegenüber saß der Mann mit der Baseballkappe. Er hatte die Rosen auf den Schoß gelegt und lächelte Winter unter seinen buschigen Augenbrauen zögerlich an. Sein Blick wanderte zu dem Gitarrenkoffer, den Winter zwischen die Beine geklemmt hatte.
»Sie haben sich verletzt.«
Winter folgte seinem Blick. Aus dem Handballen, der den Griff des Gitarrenkoffers umklammerte, tropfte Blut auf die Kunststoffhaut.
Winter zuckte wortlos mit der Schulter. Der Mann mit der Baseballmütze sah ihn weiter schweigend an. Als die U-Bahn in die nächste Station einfuhr, stand er auf.
»Sie sind Musiker?«
Wieder schwieg Winter.
»Passen Sie lieber auf«, sagte der Mann. »Musik ist wie Krokodil. Immer hungrig. Frisst alles.«
Der Mann stieg aus. Die Türen schlossen sich. Die Bahn fuhr an. Winter lehnte sich zurück. Der von seiner Hand ausstrahlende Schmerz hatte sich jetzt in seinem ganzen Körper ausgebreitet. Aber es war ein wohltuender, mahnender Schmerz, der ihn an das eigentliche Leben erinnerte, hier tief unten in den Eingeweiden der Stadt.
Ja, dachte er, und lächelte.


Einstell-Datum: 2005-08-06

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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