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Mortens Berechnung
Autor: Dieter Hellfeuer · Rubrik:
Erzählungen

Das Meer. Bald schon würde die Oberfläche in ein einförmiges Grau übergegangen sein. Morten ängstigte diese Vorstellung, selbst als er sich vom Meer abwandte, vermochte er die Angst nicht abzuschütteln. Seine Sinne verwandelten das gestern noch Vollkommene der Taverne in einen einzigen, quälenden Reiz: Der von dem Schatten einer Zypresse gesprenkelte Kalk der Mauern, der Thymiangeruch, das Zirpen der Grillen, all das erschien ihm jetzt fremd und bedrohlich.
Maria, die mit dem Zurechtmachen der Tische begonnen hatte, antwortete auf seine Bestellung mit einem Lächeln, für Morten aber war es, als schlug sie ihm dieses Lächeln ins Gesicht. Sein anfängerhaftes Griechisch hatte Intimes offenbart, das Anbiedern eines Aussätzigen, der unbedingt dazu gehören wollte. Morten wehrte sich. Grassi, Wein, wiederholte er, diesmal viel zu laut. Er sah Unverständnis in den Augen des Mädchens, hörte den Spott in dem Lachen der beiden Arbeiter, die rauchend neben dem Eingang der Taverne standen.
Doch dieses Wehren löste die Erstarrung, die seit dem vergangenen Abend von ihm Besitz ergriffen hatte. Morten fand sich wieder in einem Labyrinth aus Bildern, in dessen Windungen er nach einem Ausgang tastete, irgendeinem Ausgang. Gestern, das war nur eine Verkettung von Zufällen gewesen, Zufälle, die ihn für einen Augenblick die Kontrolle hatten verlieren lassen. Seine Gedanken entwickelten aus diesen Bildern in rasender Schnelle bis ins Detail montierte Szenen eines kommenden Wiedersehens, Szenen, deren Abfolge er in immer schlüssiger werdenden Übergängen zu berechnen vermochte. Aber plötzlich waren da wieder Marias Augen. Und diesmal traf ihn ihr Blick unvorbereitet, sprengte dieser eine, mitleidig lächelnde Blick die Mauern seines Gedankenlabyrinths. Übrig blieb ein einziges Bild: Das Bild eines Gesichts voller Verachtung, voller unsäglicher Verachtung, dessen Wahrhaftigkeit ihn aufspringen und das ihm gereichte Weinglas zu Boden schleudern ließ.
Als er den schmerzenden Druck eines Arms um seine Brust spürte, erst da kam er wieder zu sich. Und als die beiden Arbeiter zu verstehen suchten, was Morten mit tränenerstickter Stimme aus seiner Brust presste, verstanden sie eigentlich nur ein Wort, den Namen einer Frau. Sie habe ihn gestern verlassen, wurde ihnen von Maria zugeflüstert. Da endlich verstanden sie. Die Umklammerung löste sich, eine Ouzo Flasche wurde ihm gereicht, und als die beiden Arbeiter sahen, wie er erschöpft auf seinen Stuhl zurücksank, zogen sie und Maria sich schweigend zurück.
Als Morten wieder allein war, war das erste, was sein Blick suchte, das Backgammonspiel, das aufgeklappt vor ihm auf dem Tisch lag. Fast zärtlich ließ er die Würfel durch die Finger gleiten. Mit den Kuppen konnte er den Wert der Einbuchtungen erfühlen, eine Fähigkeit, die er sich in Tausenden von Partien angeeignet hatte. Eine Doppel-Sechs, der höchste aller Würfe. Und im gleichen Augenblick, als Morten dies wahrnahm, schleuderte er die Würfel in Richtung des inzwischen vollkommen grauen Meeres, eines Meeres, das weder Trost noch Hoffnung bot, sondern nur noch eine unendliche Leere war, das Abbild seines Lebens.

Zwei Jahre zuvor, einige Tische weiter, saß Morten über das Spielbrett gebeugt und starrte ungläubig auf die beiden Sechsen, die sein Gegenüber gewürfelt hatte. Backgammon sei Wahrscheinlichkeitsrechnung mit nur einer Unbekannten: dem Zufall. Kein belangloser Zeitvertreib, sondern angewandte Mathematik, die Berechnung des Glücks. Diese Sätze zelebrierte er geradezu, und er genoss das Gefühl, wenn den Verlierern nichts weiter blieb, als ihm stumm zuzunicken. Doch diese beiden Sechsen, die am Ende einer unwahrscheinlichen Kette unwahrscheinlicher Würfe standen, widersprachen diesen Sätzen, ja, sie verhöhnten sie geradezu. Denn so, wie der andere beim Ziehen laut mitgezählt hatte, wie er planlos die Steine über das Brett verteilte, mal zu vorsichtig, dann wieder zu leichtsinnig agierte, wie er schon bei den Eröffnungen einfachste Fehler machte, all dies ließ nur einen Schluss zu: Hier spielte ein Anfänger, ein völliger Anfänger, jemand, der gerade mal die Grundregeln beherrschte. Trotzdem hatte dieser Anfänger dieses Spiel gewonnen, ein Spiel, bei dem Morton im sicheren Gefühl des Sieges noch einmal seine Sätze zelebriert hatte.
Und nun war er es, der stumm nickte, während der Gewinner sich entspannt in seinem Stuhl zurücklehnte. Ob er schon länger auf dieser Insel sei, hörte er ihn fragen. Morten rang sich ein Lächeln ab, hinter dem er mehr noch als die Demütigung der Niederlage die Einsamkeit dieses Urlaubs zu verbergen suchte, all die Tage, die er allein am Strand, in dieser Taverne oder auf seinen Wanderungen verbracht hatte.
Drei Wochen, entgegnete er, dies sei leider sein letzter Tag. Es sei schön hier, fügte er eilig hinzu, und deutete mit einer ausholenden Geste auf die Bucht, die sich malerisch vor ihnen ausbreitete. Der Gewinner zuckte daraufhin mit den Achseln und sagte, er sei erst gestern auf dieser Insel angekommen und habe sich in der Nähe ein Zimmer genommen. Viel los sei hier ja wohl nicht. Seine Vermieterin habe ihm erzählt, in einem der Nachbarorte gäbe es ein gutes Restaurant, ob er abends nicht Lust hätte mitzukommen.
Morten, der das Restaurant kannte, zögerte, ein Zögern, in dem die Überraschung mitschwang, wenigstens den letzten Abend nicht allein verbringen zu müssen, Überraschung auch darüber, dass dieses Angebot von einem Menschen kam, der trotz ihres annähernd gleichen Alters so ganz anders als er zu sein schien, einer dieser Touristen, um die er sonst einen großen Bogen machte, der sich vorhin ohne zu fragen einfach so zu ihm an den Tisch gesetzt, ihn zum Spielen aufgefordert und all seine Berechnungen mit wenigen Würfen ins Lächerliche geführt hatte. Und der nun, als Morten endlich doch auf seinen Vorschlag eingegangen war und sie den Treffpunkt ausgemacht hatten, wortlos aufstand, seine Strandmatte unter den Arm klemmte und auf Mortens Nachfrage fast widerwillig seinen Namen nannte: Milan.

Der Weg führte sie in schier endlosen Windungen an der Küste entlang, vorbei an verkarsteten Terrassenanlagen und bizarren Felsen, die sich drohend vom Violett der Abenddämmerung abhoben. Milan und er hatten anfangs nur wenige Worte gewechselt, ein paar Bemerkungen über das Wetter, die Preise oder Ausflugsmöglichkeiten der näheren Umgebung, Postkartensätze, die Morten in den vergangenen Wochen so oft als stummer Zuhörer zu hören bekam, dass es sie nun beinahe mechanisch hersagte. Erst als sie das am Rande eines Fischerhafens gelegene Restaurant erreichten, stellten sie fest, dass beide in der gleichen Stadt lebten.
Dabei, hatte Milan hinzugefügt, stamme er eigentlich aus Prag. Fotograf in einer Werbeagentur sei er dort gewesen. Vor sechs Jahren habe er dann fast über Nacht alles stehen und liegen gelassen und sei nach Deutschland gezogen, zu einer Frau natürlich, wie er lachend ergänzte. Freya sei es auch gewesen, die den Vorschlag gemacht hatte, diesen Sommer nach Griechenland zu reisen. Sie hatten ein Hotel auf der Nachbarinsel gebucht und waren kaum eine Woche dort gewesen, als sie einen Anruf von ihrem Vater erhalten hatte, der sie bat, den Urlaub vorzeitig abzubrechen. Es gäbe da irgendwelche Probleme mit einem der Buchprojekte, die sie betreute.
Es sei immer dasselbe, sagte Milan. Seit er sie kenne, versuche ihr Vater, sie mit aller Gewalt für den Verlag zu vereinnahmen, eifersüchtig auf alles, was damit nichts zu tun hatte, ihn eingeschlossen, ja ihn ganz besonders. Er könne wohl einfach nicht verstehen, dass seine Tochter mit jemanden zusammen lebte, der sich so gar nicht für Literatur, Musik und diesen ganzen Kram interessierte.
Milan zog ein Foto aus seiner Brieftasche, das eine vielleicht dreißigjährige Frau mit sanften, melancholisch blickenden, dunklen Augen zeigte, und schon beom ersten Blick wusste Morten, dass er sie schon einmal gesehen hatte, auf der Lesung einer seiner Lieblingsautorinnen, und dass diese Frau die Laudatio gehalten hatte. Als er das Milan gegenüber erwähnte, reagierte dieser mit einem abfälligen Grinsen. Ja, genau, so etwas mache sie häufiger, was aber nichts zu bedeuten habe, schließlich gehöre ihrem Vater der Verlag. Jedenfalls habe er beschlossen, die restlichen Tage des Urlaubes ohne sie zu verbringen. Gestern, nachdem er Freya zum Flughafen begleitet hatte, habe der Taxifahrer zufällig von dieser Insel erzählt und zufällig sei am gleichen Tag eine Fähre hierher gefahren. Zufälle ... Wie war das, was er ihm nachmittags bei diesem Spiel gesagt habe? Die Berechnung des Glücks? Eigentlich eine interessante Idee. Er halte es eher mit dem Zufall, der habe ihm bisher eigentlich immer Glück gebracht.
Mit diesen Worten steckte er das Foto zurück in die Brieftasche, und gleich darauf wurde ihnen das Essen serviert. Während sie anschließend schweigend aßen, wanderte Milans Augen immer häufiger zu einem Tisch hinter Mortens Rücken, und Morten brauchte sich nicht erst umzudrehen, um zu ahnen, was dieser anfangs fragende und schließlich lächelnde Blick zu bedeuten hatte.
Als sie kurz vor Mitternacht die Taverne in Begleitung einer jungen Holländerin verließen, die Morten schon häufiger am Strand und im Ort gesehen hatte, fühlte er einen brennenden Neid auf Milan, den Gewinner, dem das Glück tatsächlich einfach so in den Schoß zu fallen schien, und der nun scherzend und lachend hinter ihm ging, die Entfernung zwischen sich und Morten mit jedem ihrer Schritte vergrößernd, so dass das Einzige, was sie beim Erreichen des Ortes noch verband, ein aus der Dunkelheit dringender unverbindlicher Abschiedsgruß und das alberne Lachen dieser Holländerin war.
Ja, sein Leben musste sich ändern, dachte Morten. All die Bücher und Musik, die er im Kopf hatte, all das Wissen, das er während und nach seinem Studium angehäuft hatte, all das hatte bislang zu nichts weiter geführt als einer eigenbrötlerischen Existenz, die so erbärmlich war im Vergleich zu dem, was Milan anscheinend im Übermaß zu haben schien. Und während er sich in dieser letzten Nacht auf dieser Insel schlaflos auf seiner Matratze wälzte, und über den Weg in dieses neue Leben grübelte, war da ein Name, der wie ein Mantra durch seine Gedanken kreiste und sich mit dem Bild zweier melancholisch lächelnden Augen zu einer quälenden Sehnsucht verband.

Fünfzehn Monate später, an einem verregneten Freitagabend im November, hatte sich Mortens Leben tatsächlich geändert, und einer der Gründe dafür war ein Fetzen gefalteten Papiers gewesen, den Milan einige Wochen nach seiner Rückkehr aus Griechenland zufällig in seiner Jeansjacke wiederfand. Zunächst vermochte er die darauf notierte Telefonnummer nicht mit einer Person in Verbindung zu bringen, schließlich hatte er aus Neugier dann doch zum Apparat gegriffen, Mortens Stimme vernommen und ihn während ihres Geplauders eher beiläufig zu Freyas Geburtstag eingeladen. Es würde eine große Party werden, hatte er gesagt, je mehr Leute, desto besser. Und kaum hatte er den Hörer aufgelegt, hatte er die Einladung auch schon fast wieder vergessen.
Morten aber hatte sich vorbereitet gehabt auf diese Party, vor allem auf seine Begegnung mit Freya, von der ihm Milan so viel erzählt hatte, ja so gut, dass Freya seinen Namen einige Tage später bei einer Personalbesprechung ihrem Vater gegenüber fallen ließ. Sie habe da auf ihrem Geburtstag einen von Milans Bekannten kennengelernt, sagte sie, jemand, der sich für hervorragend für die neue Stelle im Lektorat eignen könnte. Freyas Vater hatte bei der Erwähnung von Milans Namen erst stumm in seiner Tasse gerührt, um dann schließlich doch auf einen Knopf zu drücken, der ihn mit der Sekretärin verband. Dieser Knopfdruck war der eigentliche Beginn von Mortens neuem Leben gewesen, der Rest kam wie von selbst, die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch, der wohlwollende Händedruck von Freyas Vater, der Bezug seines Büros und schließlich das mit Bravour bestandene Ende seiner Probezeit, das er mit seinen neuen Kollegen sowie Freya und Milan bei einem teuren Italiener feierte. Bereits kurze Zeit später hatte Morten plötzlich alles, wonach er sich all die Jahre gesehnt hatte, einen gut bezahlten Job, eine schöne Wohnung und sogar eine Affäre mit einer Assistentin aus der Presseabteilung. Vor allem aber hatte er Freyas Freundschaft gefunden.
An diesem Freitagabend war Morten in die ihm inzwischen vertraute, von alten Kastanien gesäumte Seitenstraße eingebogen und hatte, wie er das immer tat, nach dem Einparken zweimal kurz auf die Hupe gedrückt. Durch das regenbeschlagene Seitenfenster sah er, wie das Licht in dem oberen Stockwerk des Apartmenthauses ausging. Milan habe angerufen, sagte Freya noch völlig außer Atem, als sie auf den Beifahrersitz rutschte. Die Sache scheine gut zu laufen, sehr gut sogar. Er sei bei einem Freund untergekommen, und gemeinsam hätten sie einen von Milans alten Kollegen aufgesucht, der inzwischen als Makler arbeitete, und der, sie holte tief Luft, der nun tatsächlich das Richtige gefunden zu haben scheine, ein altes Fabrikgebäude in der Nähe des Zentrums, ideal für ein Filmstudio. Sie zeigte Morten einen Stadtplan von Prag, auf dessen Rand sie Milans neue Anschrift notiert hatte.
Prag, mein Gott, Prag, seufzte sie, nachdem sie den Plan weggelegt und den Gurt angeschnallt hatte. Vielleicht werde ja wirklich etwas aus dieser verrückten Idee, doch was dann? Statt einer Erwiderung hatte Morten nur unschlüssig mit den Schultern gezuckt und den Wagen aus der Parklücke gelenkt, von wo aus sie durch die bereits vorweihnachtlich geschmückten Straßen zum Opernhaus fuhren. Während sie ihre Mäntel an der Garderobe abgaben, erinnerte er sich an das erste Mal, als sie beide hier waren. Damals, ein gutes Jahr war das her und Mortens Glückssträhne hatte gerade erst begonnen, war er für eine von Freyas Freundinnen eingesprungen, die kurzfristig absagen musste. Aus dieser ersten Verabredung hatten sich dann regelmäßige, fast wöchentliche Treffen entwickelt, Konzerte, Vernissagen, Kino- und Theaterbesuche, die kulturellen Höhepunkte dessen, was die Stadt zu bieten hatte, und woran Milan kein Interesse zeigte.
Es ließe sich nun schwer unterscheiden, wer von beiden diese Abende mehr genoss: Freya, die kunstbegeisterte Schwärmerin, die endlich einen für alles Musische offenen Begleiter gefunden hatte, oder Morten, der belesene Intellektuelle, dem zu jedem Werk noch eine passende Fußnote einfiel. Und es dauerte nicht lange, bis ihre Gespräche abwichen vom Feuilleton, bis sie Privates mit einbezogen, über Milans vergebliche Versuche zum Beispiel, auf seinem alten Gebiet als Fotograf Aufträge zu finden, oder die Launenhaftigkeit der Assistentin, mit der Morten diese Affäre hatte. Und schließlich, die letzten Male, hatten sie sich sogar über ihre Geheimnisse ausgetauscht: Freyas Geständnis, dass sie schon lange nicht mehr mit Milan geschlafen habe, und Mortens Geständnis, dass er sich wohl von dieser Assistentin trennen werde.
Nach der Aufführung waren sie in ein schlichtes, griechisches Restaurant eingekehrt, eine der wenigen Orte, die Morten mit seinem früheren Leben verband. Freya erzählte, wie sie Milan damals in Prag begegnet war, wie er ihr in den folgenden Tagen die Stadt gezeigt hatte, wie sie dann am Abend vor ihrer Abreise auf seinem Balkon gestanden hatten, und Milan ihr von seinem Entschluss erzählte, diese Stadt zu verlassen, wegen ihr. Auch damals war sie ängstlich und unruhig gewesen wegen der Unabwägbarkeiten dieser Entscheidung, der Frage, wie Milan und sie miteinander zurechtkommen würden, vor allem er mit ihr, ohne all das Vertraute, seine Freunde, seinen Beruf. Aber sie war verliebt in ihn, und trotz ihrer Bedenken waren die ersten Jahre wunderschön verlaufen. Sie habe es geradezu genossen, dass sie mit ihm ein gänzlich anders Leben führte, als sie es bisher über ihren Beruf, ihre Freunde oder die Familie kannte, ein leidenschaftliches Leben, mit schnellem Sex im Auto oder verrückten Wochenendtrips quer durch Europa. Und nun läge es an ihr, ihm zu folgen, wollte sie weiter mit ihm zusammen sein.
Freya setzte ihr Glas ab und sah Morten mit ihren dunklen Augen an. In diesem Blick und ihrem Schweigen schien für ihn das verborgen, was er eigentlich schon seit dem ersten Blick auf ihr Foto insgeheim herbeigesehnt hatte, die Antwort auf eine noch nicht gestellte Frage, die Antwort darauf, ob diese vielen Verabredungen, Gespräche und Vertraulichkeiten, die hinter ihnen lagen, ob all das inzwischen mehr bedeutete als bloße Freundschaft. Und nun war der Moment gekommen, diese Frage zu stellen, die gleichzeitig ein Bekenntnis war.
Freya schien seine Gedanken zu erahnen, und bevor Morten ihre Hand berührte, berührte sie seine, sie brauche Zeit, sagte sie, ja, sie empfinde viel für ihn, sehr viel sogar, aber sie könne Milan nicht einfach so im Stich lassen, nicht jetzt, nicht nach all den Jahren. Er sei immer ehrlich zu ihr gewesen und sie wolle genauso ehrlich zu ihm sein. Das müsse er verstehen. Und Morten lächelte. Ja, das verstehe er, sagte er.
Etwas später lächelte er nochmals, nachdem Freya ihn vor der Haustür zum Abschied zärtlich auf die Wange geküsst hatte und auf seinen stummen Blick mit einem ebenso stummen Nein antwortete. Er wartete, bis im oberen Stockwerk des Apartmenthauses Licht zu sehen war, dann ging er langsam zurück zu seinem Wagen, jeden einzelnen seiner Schritte herauszögernd und auf etwas hoffend, das nicht eintrat.
Als er in die Hauptstraße einbog und an der nächsten Kreuzung vor einer Ampel halten musste, sah er durch das Wischen der Scheibenblätter das hellerleuchtete Autobahnschild. Er tastete in der Ablage nach seinen Zigaretten, um plötzlich den Stadtplan mit Milans Anschrift in der Hand zu halten, den Freya dort vergessen hatte. Seine Augen wanderten fieberhaft über das Labyrinth der Linien hinweg, während seine Gedanken aus diesen Linien Bilder formten, fast fotografisch genaue Bilder. Und als er wahrnahm, dass es hinter ihm hupte, erst zaghaft, dann wütend, stand sein Entschluss bereits fest.

Im Morgengrauen hatte Morten Prag erreicht, und er brauchte nicht lange, bis er die auf dem Stadtplan notierte Adresse gefunden hatte. Im Treppenhaus roch es nach Schimmel, verkochtem Gemüse und Kaffee, durch die Fenster konnte er die Karlsbrücke sehen, dahinter die halbverschleierten Schemen der Altstadt. Als sich die Wohnungstür auf sein Klingeln hin öffnete, erkannte er sofort die Holländerin wieder, die Milan damals in dem griechischen Restaurant angesprochen hatte. Während sie ihn verschlafen anblinzelte, erschien Milan im Korridor. Die Schlaufe seines Morgenmantels zubindend, gab er Morten mit einer Kopfbewegung zu verstehen einzutreten, so beiläufig, als schien er keineswegs überrascht zu sein, ihn zu sehen.
Morten folgte Milan in eine kleine, unaufgeräumte Küche. Ob etwas passiert sei, fragte Milan, während Morten sich sogleich erschöpft an den Tisch setzte und eine Zigarette ansteckte. Freya, sagte er und inhalierte tief, das sei passiert. Er liebe sie, sagte er und nach einer Pause fügte er leise hinzu, sie könne sich aber nicht entscheiden, noch nicht. Und darüber müsse er mit ihm reden, deswegen sei er hier.
Milan zog einen Stuhl heran und setzte sich so dicht zu Morten, dass dieser das süßliche Parfum der Holländerin an ihm riechen konnte. Sie könne sich also nicht entscheiden, wiederholte Milan mit gespielter Anteilnahme in der Stimme. Mit einem zur Grimasse erstarrten Lächeln lehnte er sich in dem Stuhl zurück und fixierte Morten, der in sich zusammengesunken auf seine Zigarette starrte. Ihm sei schon länger aufgefallen, dass er scharf auf sie sei, sagte Milan schließlich, schon damals auf ihrer Geburtstagsparty wäre das nicht zu übersehen gewesen. Theater, Oper, Konzerte, oh ja, er streifte Mortens Abendgarderobe mit einem spöttischen Blick, das sei doch alles bloß ein Vorwand gewesen. Er habe ihn sehr genau beobachtet, wenn er mit Freya nach ihren Verabredungen noch mit hoch in ihre Wohnung kam, seine geilen Blicke, sein schmieriges Grinsen, überhaupt seine ganze scheiß aufgeblasene Art, wieder und wieder habe er das beobachtet. Und nun komme er zu ihm angekrochen und wolle mit ihm reden. Milan lachte laut auf. Über was denn? Dass er ihm Freya einfach so überlasse, sei es das? Nein, einfach so werde er das bestimmt nicht tun, aber es gäbe da einen Weg, er müsse nur ein wenig Geduld mitbringen. Das sei doch wohl nicht zu viel verlangt, oder? Als er sah, wie Morten verständnislos den Kopf hob, stand Milan auf und ging zum Fenster. Er werde ihm etwas zeigen, sagte er, und deutete kopfnickend in das trübe Morgengrau hinaus.
Eine gute Stunde später hielten sie im Hof einer heruntergekommenen Fabrikanlage. Ein feuchtkalter Wind schlug ihnen entgegen, während sie das Auto verließen und auf das größte der Gebäude zugingen. Eine ehemalige Bekleidungsfabrik sei dies gewesen, sagte Milan, als sie eintraten. Seine Stimme hallte an den nackten, vor Schmutz und Schimmel starrenden Wänden wider. Sicher, es gebe noch einiges zu tun. Dafür aber sei das Gebäude von der Größe und dem Standort her geradezu ideal. Er breitete die Arme aus: Na, was halte er davon?
Morten betrachtete die verrosteten Fensterrahmen und den porösen Betonboden und schwieg, Zu viert seien sie inzwischen, sagte Milan, zwei seiner ehemaligen Arbeitskollegen, beides gute alte Freunde, er selbst, und Karen natürlich, die Holländerin. Ach ja, die Kosten. Er habe wegen seines Anteils an ein Darlehen von Freyas Vater gedacht, für den wären das doch Peanuts. Wenn Freya ihn noch ein wenig bearbeite, werde es schon klappen. Die Videobranche sei ein expandierender Markt, und dass er anstatt Werbespots eher an harten Sex dachte, bräuchten sie und ihr Vater ja nicht zu wissen. Wenn der Laden erst einmal laufe, zahle er dem Alten ohnehin alles zurück, mit Zinsen obendrein. Aber bis dahin werde er, Morten, sich mit Freya eben noch gedulden müssen.
Wie er das zu verstehen habe, fragte Morten. Genau, wie er es gesagt habe, antwortete Milan. Von ihm aus könne er Freya haben, aber nicht jetzt, nicht, wo sie ihren Vater dazu bringen müsse, ihm das Geld zu leihen. Danach ... Er winkte ab. Er habe das Interesse an Freya verloren. In Griechenland fing es an. Karen habe ihm die Abhängigkeit klar gemacht, in die er geraten war, seit er wegen Freya Prag verlassen hatte. Die meisten seiner früheren Freunde hätten es inzwischen zu etwas gebracht. Und er? Er vertrödele seine Zeit als besserer Hausmann, ließ sich von Freya aushalten und die paar Aufträge, die ihm ihr Vater in all den Jahren zugeschanzt hatte: Kleinigkeiten, Almosen.
Milan setzte sich auf einen Tisch, auf dem eine fast leere Flasche Wodka und ein paar Gläser standen. Lächelnd schraubte er die Flasche auf und nahm einen Schluck. Ob Morten sich noch an ihr Backgammonspiel erinnere, damals in Griechenland? Wie waren seine Worte gewesen? Die Berechnung des Glücks ... Er habe inzwischen erkannt, dass da was dran sei. Alles an diesem Projekt sei bis ins Detail durchdacht, er werde seine Unabhängigkeit wiederhaben, wieder in seiner Heimatstadt unter seinen Freunden leben und ganz nebenbei viel Geld machen, sehr viel Geld. Was Freya beträfe, so kenne er sie gut genug, um zu wissen, dass es sei nur eine Frage der Zeit sei, bis sie einsehen werde, dass ein Leben in Prag für sie nicht in Frage komme, und dass er, Morten, eigentlich viel besser zu ihr passe. Das sei überhaupt die Krönung seines Planes. Es sei doch viel eleganter, Freya verlasse ihn, als umgekehrt. Gut möglich, dass ihr Vater dann sogar auf die Rückzahlung verzichte, als Abfindung sozusagen.
Morten stand an einen Pfeiler gelehnt, die Hände in den Manteltaschen vergraben. Obwohl er fror, spürte er eine rasende Wut in sich aufsteigen. Wie er sich das vorstelle, schrie er Milan an. Was, wenn er Freya von ihrem Gespräch berichte, oder von dieser Frau, dieser Karen, mit der er sie ja offensichtlich betrog? Ja, wieso sollte er sich überhaupt auf dieses, er suchte nach Worten, dieses Spiel einlassen?
Milans Lachen dröhnte durch die Halle. Er lachte noch, als er sich vor Morten stellte und seine Hand gleich einem Freund auf dessen Schulter legte. Weil er schon längst mitspiele bei diesem Spiel, sagte er. Habe er schon vergessen, wem er all sein Glück verdanke? Und habe er wirklich gedacht, er sehe einfach so zu, wie er ihm als Dank dafür seine Freundin ausspanne? Nein, so einfach werde er jetzt nicht mehr aus diesem Spiel aussteigen können, zumal es nur noch den letzten Wurf zu machen gelte. Und ausnahmsweise werde es dieses eine Mal zwei Gewinner geben.
Nach diesen Worten ging er zurück zu dem Tisch, kippte den Rest des Wodkas zu gleichen Teilen in zwei der schmutzigen Gläser und reichte eines davon Morten. Und darauf wollen wir jetzt trinken, sagte Milan. Auf die Berechenbarkeit unseres Glücks!

Es war herrlichstes Augustwetter gewesen, vom Meer her hatte eine leichte Brise die Hitze erträglich gemacht. Am Nachmittag waren sie von der Straße abgebogen und hatten die darauffolgenden Stunden in einer abgelegenen Bucht verbracht. Sie hatten gebadet, gelesen, in der Sonne gelegen und sich nachmittags in einer Felsennische geliebt. Während Freya noch einmal an den Strand zurückgekehrt war, studierte Morten die Inselkarte. In einer Stunde würde die Sonne untergegangen sein, bis dahin wollten sie den Ort erreicht haben, an dem er vor zwei Jahren Milan kennengelernt hatte. Es war Freyas Idee gewesen, den Abend und die Nacht in diesem Ort zu verbringen. Warum denn nicht, hatte sie auf Mortens Zögern geantwortet, woraufhin er eingewandt hatte, dass es ein weiter und anstrengender Weg würde, denn zwischen ihrem Hotel und diesem Ort liege ein unbefahrbarer Gebirgskamm. Mit einem Bleistift hatte er die Strecke eingezeichnet, die sie entgegen dem Uhrzeigersinn rund um die Insel führte und die er nun erneut betrachtete. Wenn sie ihr Ziel erreichten, würden sie beinahe einen Kreis beschrieben haben, dachte er.
Morten faltete die Karte zusammen, streifte ein frisches Hemd über, und betrachtete sich im Rückspiegel. Mit der tiefbraunen Gesichtsfarbe und der verspiegelten Sonnenbrille sah er fast aus wie Milan damals. Milan ... Als sie vor einigen Wochen miteinander telefonierten, war ihr Gespräch in dem Lärm der Handwerker beinahe untergegangen. Milans Plan hatte mit einer Reibungslosigkeit funktioniert, die Morten noch immer überraschte. Wie Milan erwartet hatte, lieh ihm Freyas Vater die benötigte Summe, wie er erwartet hatte, konnte Freya sich nach jedem seiner Besuche weniger vorstellen, gemeinsam mit ihm in Prag zu leben, und wie er erwartet hatte, schrieb sie Milan schließlich einen langen Brief, in dem sie ihm gestand, dass sie sich in Morten verliebt habe, und dass sie ihm, Milan, alles Glück wünsche und er als Dank für ihre gemeinsame Zeit das Darlehen ihres Vaters als Geschenk annehmen möge.
Und Morten? Er hatte weiter nichts zu tun gehabt, als geduldig zu sein: Geduldig auf das Ende der Vorstellungen zu warten, geduldig im Flackern der Restaurantkerzen zu Freyas immer stärker werdenden Zweifeln mit dem Kopf zu nicken, geduldig ihre Hand zu halten, bis endlich an einem milden Frühlingsabend im April Freya auf seine stumme Frage mit einem stummen Ja geantwortet hatte.
Morten drückte auf die Hupe, zweimal kurz hintereinander. Vom Meer her hörte er Freyas lachende Erwiderung. Die anschließende Fahrt bis zu ihrem Ziel kamen Morten vor wie ein Traum. Vor ihnen breitete sich das Farbenspiel der Dämmerung aus, jene ineinander fließenden Abstufungen zwischen dem tiefen Orange der Sonne und dem Violett des sich ankündigenden Nachthimmels, die Morten vor zwei Jahren von seinem Zimmer aus allabendlich beobachtet hatte. Wie sich alles verändert hatte, obwohl es doch gleich geblieben war! Er steuerte den Jeep einhändig über die geröllige, kurvenreiche Straße. Immer wieder sah er auf das Meer hinaus. Es schien grenzenlos zu sein, grenzenlos wie sein Glück. Gestern erst hatte Freya ihn gefragt, was er davon hielte, wenn sie ihr Apartment verkaufte, und sie sich beide eine neue gemeinsame Wohnung suchten. Sie habe bereits mit ihrem Vater darüber gesprochen, sagte sie, und der habe geantwortet, dass das einzig ihre Entscheidung wäre. Typisch Vater, hatte Freya gesagt und lächelnd hinzugefügt, sie glaube, ihr Vater habe ihn, Morten, sehr gern.
Morten deutete auf einige Lichter, die zur Meerseite hin hinter der Biegung zum Vorschein kamen. Dort sei er damals mit Milan gewesen, sagte er. Ein nettes kleines Restaurant. Er bog in einen ungepflasterten Weg ein. Noch drei Kilometer, dachte er. Er fragte sich, ob sie ihn wiedererkennen würden.
Als sie die wie willkürlich zusammengewürfelte Ansammlung von Häusern erreichten, war es vollständig dunkel geworden. Morten parkte den Jeep neben jener Taverne, aus deren halbgeöffneten Fensterläden wie damals das vertraute Stakkato einer Bouzouki drang. Weiter hinten saßen einige Landarbeiter und spielten Karten, im Hintergrund räumte eine alte Griechin einen Tisch ab, die Besitzerin dieser Taverne. Als er und Freya näher kamen, richtete sie sich auf, trocknete ihre Hände an der Schürze und überschüttete Morten mit einem Schwall an unverständlichen, herzlich klingenden Worten. Ja, sie erkannte ihn wieder, und. mehr an ihren Blicken als an ihren Worten konnte Morten ablesen, dass sie erstaunt war, wie sehr er sich verändert hatte, dieser merkwürdige Xenos, der schon mittags allein mit einem Buch an einem der Tische saß, während sich die anderen unten am Strand vergnügten.
Nachdem sie mit der Wirtin die Frage des Zimmers geklärt hatten, hatten sie gegessen, waren anschließend mit einer Flasche Wein zu der Stelle gegangen, von der aus man auf die vom Mondlicht beschienene Bucht hinunterblicken konnte, und waren dann wieder zu ihrem Tisch zurückgekehrt, um noch ein letztes Glas zu trinken. Schweigend genossen sie die warme, von Kräutern und Ziegengeruch schwangere Nachtluft. Inzwischen waren weitere Gäste in die Taverne eingekehrt. Morten beobachtete zwei junge Griechen, die sich an den Nebentisch gesetzt hatten und nun, nachdem sie sich eine Weile unterhalten hatten, ein Backgammonspiel zwischen sich schoben. Es war der gleiche Tisch, an dem er damals mit Milan gesessen hatte, eigentlich der Anfang seines Glücks, wie er lächelnd feststellte.
Die beiden spielten, wie Morten es immer bei Griechen erlebt hatte: Vorsichtig, stets darauf bedacht, möglichst keinen Stein bloßzustellen, ein meditatives Hin- und Hergeschiebe, bei dem am Ende der Zufall der höheren Zahlen über den Sieg entschied. Und als einer der Griechen auf den für seinen Aufbau idealen Pasch mit der gewohnten Vorsicht reagierte, stöhnte Morten laut auf. Er erhob sich kopfschüttelnd, beugte sich über das Brett und zeigte mit einigen wenigen Umstellungen, welche weitaus besseren Möglichkeiten sich durch diesen Pasch geboten hätten. Die Griechen musterten ihn mit einer Mischung aus Befremden und Neugier, wechselten einige Worte, und der, der Morten am nächsten saß, rückte einen Stuhl weiter und schlug vor, dass er gegen seinen Freund eine Partie spielen solle. Und kaum hatte Freya ihm wohlwollend zugenickt, nahm Morten Platz und baute mit fieberhafter Eile die Steine auf.
Schon bei seinen ersten Zügen registrierte Morten die kaum verhohlene Überheblichkeit in den Mienen der beiden Griechen. Er wusste, dass sie seine Eröffnung als stümperhafte Sorglosigkeit eines Anfängers ansahen, dass sie jede Möglichkeit, die er ihnen zum Schlagen seiner Steine anbot, sofort wahrnahmen. Sein Ziel aber war es nicht, möglichst unbeschadet in das eigene Viertel zu gelangen, sondern den Aufbau seines Gegners zu stören und zu zerstören, langsam und geduldig, ihn zum Schlagen zu zwingen, einmal, zweimal, mehrmals, bis sämtliche Steine haltlos über das Brett verteilt waren und er in dem entstandenen Chaos das Netz seiner Berechnungen zuziehen konnte.
Ein halbes Dutzend Partien lang ging Mortens Taktik auf. Die Griechen, die abwechselnd gegen ihn gespielt hatten, schienen seine Siege als zufälliges, ja unglaubliches Glück anzusehen. Er sah es an den Blicken, die sie sich zuwarfen, hörte es an dem aggressiven Ton ihrer Stimme, mit der sie die Kommentare der inzwischen zahlreich um den Tisch versammelten anderen Gäste bedachten. Als sein Gegenüber sich erneut geschlagen geben musste, legte Morten einen Geldschein auf den Tisch, fast den Tagesverdienst eines Arbeiters. Ein Spiel noch, sagte er, ein letztes Spiel. Ein Raunen ging durch die Reihen der Umherstehenden, und auch die beiden Griechen wirkten überrascht, ja ängstlich ob der Höhe des Scheines. Morten aber wusste bereits, dass sie nicht würden widerstehen können, zu oft hatte er dies erlebt.
Das Spiel begann wie die anderen auch. Während Morten sich den Wein nachschenkte, beobachtete er die Hilflosigkeit in dem Gesicht seines Gegners. Der Grieche sah, dass sich wieder jene Konstellation herauskristallisierte, die ihn zuvor jedes Mal hatte verlieren lassen. Seine Lippen waren aufeinander gepresst, und er wehrte das nervöse Tuscheln seines Freundes mit fahrigen Gesten ab. Inzwischen befanden sie sich in der Schlussphase des Spieles. Ein Stein noch, und Morten konnte mit dem Herauswürfeln beginnen. Doch durch die einzig mögliche Zahlenkombination musste er eben diesen einen Stein bloßstellen, und gleichfalls durch die einzig mögliche Zahlenkombination wurde dieser Stein geschlagen. Mehrmals hintereinander gelang es Morten nicht, in das Ausgangsfeld zurückzukehren, trotz einer Vielzahl sich bietender Möglichkeiten. Zwar war das Spiel weiterhin offen, und ein passender Wurf hätte gereicht, der drohenden Niederlage zu entkommen, doch mit jedem neuen Fehlwurf wurde die Niederlage wahrscheinlicher, bis sie schließlich unausweichlich wurde. Und als Morten noch vor dem Ende des Spiels aufstand und mit einem stummen Nicken den Tisch verließ, begegnete er den spöttischen Blicken der Gaffer, Blicke, die ihn taumeln ließen.
Ob das nötig gewesen sei, fragte Freya, als er sich wieder zu ihr gesetzt hatte. Morten, der sich mühsam zu beherrschen suchte, zuckte ohnmächtig mit den Achseln. Wein schwappte aus dem Glas, bekleckerte sein Hemd. Ungeschickt versuchte er, die Flecken aus dem Leinen zu wischen, und die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen verstärkte seine Wut ebenso wie das Lachen, das von den Nebentischen zu ihm herüberschallte. Diese verdammten Griechen, presste er hervor, jetzt machten sie sich auch noch über ihn lustig.
Freya strich sich müde durch das Haar. Das sei doch nur ein Spiel, sagte sie, Würfel, zwei Würfel, die über das Glück entschieden. Zufall, mehr nicht. Warum musste er auch um Geld spielen? Wahrscheinlich hätten die beiden nur darauf gewartet, dass er sie ansprach, hätten ihn erst einmal gewinnen lassen, um ihn dann in die Falle zu locken.
Morten lachte bitter. Was wisse sie denn schon darüber? Sie kenne das Spiel doch gar nicht! Zufall! Glück! Er kippte den Rest des Weines hinunter. Damals, grinste er, damals, genau dort an diesem Tisch, habe Milan erst auch nicht glauben wollen, dass man das Glück berechnen, ja geradezu zwingen könne, dass habe mit Zufall nichts zu tun, rein gar nichts. Er stockte, als er Freyas Hand auf seinem Arm spürte. Sie sollten besser gehen, flüsterte sie, er sei betrunken. Und was Milan anbeträfe, so habe sie gar nicht gewusst, dass dieser überhaupt die Regeln dieses Spiels beherrsche. Milan sei kein Spieler, im Gegenteil, er habe solche Leute geradezu verachtet. Sie lächelte, ein mitleidiges, ein verletzendes Lächeln, so wie Morten es bei ihr noch nicht gesehen hatte.
Morten entzog sich ihrer Berührung mit einem unbeherrschten Ruck, doch dieser Ruck war wie ein Dammbruch, der alles an Gefühlen, die er in sich trug, unkontrolliert nach oben schießen ließ. Sie habe ja keine Ahnung, schrie er und sprang auf. Milan, der ehrliche Milan, ein Spieler? Aber nein, Milan doch nicht! Dabei hätte sie ihn mal hören sollen, ihren Milan, damals, als er ihn in Prag besuchte. Ach ja, das wisse sie ja nicht. Was wisse sie überhaupt? Dass Milan seit Jahren ein Verhältnis habe? Dass dieses Videostudio in Wahrheit eine billige Pornobude sei? Nichts davon wisse sie, auch nicht, dass die ganze Finanzierung dieses Projektes, ihre Trennung, dass alles von Milan geplant gewesen sei, sogar der Brief, den sie Milan geschrieben habe, sogar ihren letzten Brief habe Milan vorausgesehen, ja, er habe ihn ihm sogar über das Telefon vorgelesen, sozusagen als Bestätigung seines Planes. Milan kein Spieler? Für ihn sei das ganze Leben ein Spiel, aber ein Spiel, in dem nur der Berechnende gewinne. Und das habe er von ihm, Morten, allein von ihm gelernt, und zwar genau dort an diesem Tisch. So sei das!
Morten sank zurück in den Stuhl, sein Ausbruch hatte eine Leere hinterlassen, der er nun schwer atmend nachspürte, so dass er zusah, einfach so zusah, wie Freya aufstand, ihre Jacke überstreifte und wortlos von ihm ging. Die Verachtung, die in ihrem Gesicht stand, verband sich mit dem Wein zu einem betäubenden, ja wohltuenden Gefühl des Triumphes, das endlich alles um ihn herum verstummen ließ. Das Klimpern der Bouzouki, das Geschwätz der Griechen, das Rauschen des Meeres, all das entfernte sich von ihm. Das letzte, was er wahrnahm, war das Starten eines Automotors, und noch bevor das Geräusch sich in der Stille aufgelöst hatte, war er in einen tiefen, traumlosen Schlaf gefallen. Der Kreis war geschlossen.


Einstell-Datum: 2005-08-06

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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