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Erinnerungen eines Teppichs
Autor: Julia- Isabella Merath · Rubrik:
Kurzgeschichten

Er wusste nicht , wie lange es schon her war .Aber er hatte den Teppich nicht rausgeworfen. Oft war er kurz davor gewesen, doch jedes Mal hatte er den kleinen orientalischen Teppich , auf dem jetzt zwei große Blutflecken prankten, die die Farben des Stoffes darunter dreckig und verschlissen erscheinen ließen, wieder zurück an seinen Platz gelegt und hatte genauso wie sein Vater darübergestrichen. - Voll trauriger Erinnerungen.
Er konnte sich nicht erinnern seit wann dieser Teppich dort im Schlafzimmer auf dem Boden lag.Es musste auf jeden Fall schon eine ganze Weile her sein.Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie sein Vater sich täglich auf den kleinen Teppich gekniet hatte, um `gen Mekka zu beten. Damals hatte er seinen Vater nicht verstanden, wenn dieser sagte, dass der Teppich etwas ganz besonderes sein und gewürdigt werden müsse. Der Teppich sei aus einer Maschid - einer Moschee, einem Ort des demütigen Niederwerfens.
Er hatte seinen Vater damals nur angeschaut und angelächelt. Eine Moschee ,ja?
Ja das hatte er dann immer gedacht. - Aus einer Moschee.
Im Frühjahr vor einem Jahr war sein Vater dann gestorben.

Eigentlich kann man nicht sagen, dass er mit seinen neunundzwanzig Jahren und dem abgeschlossenen Medizinstudium ein Elternkind sei, doch hatte er die letzten fünf Jahre nicht ein einziges Mal sein Elternhaus, geschweigedenn seine Eltern gesehen. Er war nie hier gewesen , wenn seine Eltern ihn gebraucht hatten. Immer war etwas anders, z.B: seine Freundin ( von der er sich vor kurzem getrennt hatte) oder eine Uni-Vorlesung wichtiger gewesen, als das gemeinsame Weihnachtsfest mit der Familie. Er hatte ja aber auch nicht um sonst die letzten fünf Jahre in der Schweiz studiert. Er hatte ja auch wiederkommen wollen und seinem Vater stolz beweisen wollte, dass er sich für etwas ins Zeug gelegt hatte und seinem Vater von nun an helfen konnte.
Aber jetzt stand er hier, mit seinem Abschlusszeugnis in der Hand und starrte schon seit einer kleinen Ewigkeit auf die zwei faustgroßen Blutflecken auf dem gemusterten Teppich. Die eingewebten Gold- und Silberfäden war schon vor Jahren verblasst und schienen schon zu zerfallen, wenn man sie ur betrachtete. Die Erinnerung stieg wieder in ihm hoch
Wie oft hatte er im Flur gestanden und seinen Vater dabei beobachtet, wie er voller Gefühl über den Teppich strich, bevor er sich mit seinen Knien darauf niederließ. Einmal hatte er gesagt: "Sein Macher muss ein wahrer Künstler gewesen sein. Was denkst du wohl , was dieser Teppich schon alles erlebt hat? Friedenszeiten und Kriegszeiten. Doch auch er hat alles vergessen, sonst würden seine Farben nicht diese Pracht ausstrahlen. Auch du wirst alles vergessen, eines Tages, ... mich , ....deine Mutter....und auch dein Leben und die damit verbundenen Erinnerungen." #
Er war zusammengezuckt. Er hatte nicht erwartet von seinem Vater entdeckt worden zu sein. Also rannte er schnell zu seiner Mutter um ihr in der Küche zu helfen.

Und selbst jetzt schrak er noch auf, als er sich das Gespräch mit seinem Vater nur in Gedanken vorstellte. Er ertappte sich dabei , wie er liebevoll, fast so wie sein Vater über den Teppich strich. Schnell zog er seine Hand zurück um das Blut nicht über seine Hand zu verschmieren.
Heute verstand er seinen Vater , er wusste , dass dieser damals Recht behalten hatte. Überhaupt hatte sein Vater, mit diesen stechenden eismeerblauen Augen und dem vom Alter grau gewordenem Vollbart, in dem sich bei jedem Essen immer ein paar Krümelchen versteckt hatten, meistens Recht behalten.
Als er noch jünger gewesen war , hatte sein Vater ihm gesagt , er solle sich nicht an die Erinnerungen klammern, sondern in die Zukunft blicken.
Natürlich hatte er es damals mit seinen fünf Jahren nicht verstanden , als sein Vater hinzufügte:" Erinnerungen beschreiben uns Momente, die in Wirklichkeit nicht so stattgefunden haben, mein Junge. Schöne Erinnerungen werden in deinen Gedanken noch schöner- schlecht Erinnerungen vergisst du mit der Zeit. Nur eines bleibt- Tränen waren ihm in die Augen gestiegen- die Reue. Die verändert nicht deine Gedanken, nein, sie verändert dich !“
Warum hatte er seinen Vater nur immer so eigenartig gefunden? Vielleicht weil er nie zu seiner Mutter gegangen war , um sie zu umarmen und ihr einen Kuss auf die Wange zu pressen. Oder weil sein Vater nie die Nähe zu ihm gesucht hatte und sich auch sonst Menschen gegenüber eher distanziert verhalten hatte. Vielleicht sogar weil sein Vater nur unheimlich schwierige Gespräche mit ihm und seiner Mutter geführt hatte .
Er musste schlucken, denn schon wieder kamen einige traurige Erinnerungen in ihm hoch. Mal wieder , seit dem Tot seines Vater, war er gezwungen sich einzugestehen, dass er nie für seine Eltern da gewesen war. Insbesondere für seinen Vater , der ihn nach dem Tod der Mutter sicher bitter nötig hatte. Aber war sein Vater für ihn da gewesen, wenn er seine Hilfe gebraucht hatte. – Nein. Zumindest drängte sich dieses große NEIN als erstes in seinen Dickschädel. Er klammerte sich daran , wie an ein Rettungsseil. Aber eigentlich wusste er, dass da ein kleines JA war. Zwar ein JA mit vielen Bedingungen, aber es war da.

NEIN.NEIN.UND NOCHMALS NEIN!

Da sollte nichts sein – nicht einmal ein klitzekleines VIELLEICHT !

Wann sollte sein Vater ihm denn dann bitte geholfen haben ?
Als er Medizin studieren wollte, hatte sein Vater nur gemeint: „Ein junger Hund braucht viel Auslauf. Eine Biene muss viel herumfliegen um Pollen zu sammeln, doch am Ende des Tages keht sie mit den schweren Pollen an den Füßen zurück und Honig kann gemacht werden, der das ganze Bienenvolk ernährt.“
„Heißt das jetzt JA oder NEIN ?“ Hatte er ihn angeschrieen, weil sein Vater ihn nervte. Er wollte nicht mehr diese superschlauen Lebensweißheiten , sondern ein klares JA oder NEIN.
Doch heute, ja heute verstand er ihn. Sein Vater war also für die Idee gewesen und hatte ihn antreiben wollen, indem er den Wunsch geäußert hatte, dass sein Sohn ihm das Abschlusszeugnis brachte. Er hatte versucht ihn zu unterstützen und er hatte ihn nur wie ein pubertierender angeschrieen. Wie dumm er sich doch jetzt vorkam, mit dem Zeugnis in der Hand. Hier stand er jetzt um ein ganzes Volk zu ernähren ,doch das Volk war schon verhungert.
Er hatte die Schulbank gedrückt und ab und zu einmal einen Brief geschrieben, darüber, dass er als Kellner ( ein Job , um das Studium zu finanzieren) nicht genügend Geld verdiente um die Gebühren zu bezahlen und darum noch einige hundert Euro von ihnen erbat. Und eines Tages hatte seine Mutter keine Briefe mehr zurückgeschrieben. Es war still geworden. Wie sehr er sich doch geändert hatte. Wie er über seine Eltern gelästert hatte, als er kein Geld mehr von ihnen bekam und sich am Abend mit ein paar Kumpels betrank. Er war Schuld daran, dass sein Volk verhungert war, denn der Grund dafür, dass seine Mutter nicht geschrieben hatte, war ihr eigener Tod gewesen. Und er Vollidiot hatte noch über sie hergezogen. Wie schlecht er sich jetzt wieder vorkam. Manchmal war man nun mal der Floh und dann doch wieder nur das Flohpulver. Jetzt war er wieder das Flohpulver.
Die zwei Blutringe auf dem Teppich jedoch waren von seinem Vater, der bei seinem Schlaganfall auf den Boden geprallt und sich den Hinterkopf aufgeschlagen hatte, was letztendlich auch der Todesgrund gewesen war.
Als er einmal om Fahrrad gefallen war und sich das Knie blutig geschlagen hatte, meinte sein Vater nur: „Ein Pflaster wäre vergebens. Wie ein Tropfen auf dem heißen Asphalt.
Sind es nicht die Menschen , die diese Hitze heraufbeschworen und sind es nicht eben diese , die so viel Dreck in die Luft pumpten, sodass der Regen verschwand? Nun erwarten sie, dass wenn sich ein Einzelner ändert, gleich alles wieder ins Lot kommt. Du brauchst kein Pflaster, denn nur so können aus dem Einzelnen Mehrere werden.“

Jaja, sein Vater hatte immer diese tollen Sprüche auf Lager gehabt.
Er fasste einen Schluss: Der Teppich musste raus ! Das Blut würde man sowieso nicht mehr rausbekommen .
„Gesagt, getan – ein Mann ein Wort. Im nächsten Moment war er schon fort.“; sang er vor sich hin.
Er fühlte sich bereit. Nahm den Teppich und versenkte ihn in der Mülltonne vor der Haustür. Doch als er auf den Boden blickte, wo noch eben der Teppich gelegen hatte, sah er, dass sich die zwei Blutflecken einen Weg durch den Teppichstoff gebahnt hatten. Aber von den Flecken aus zogen sich vier blutige Streifen, die ein Rechteck beschrieben. Im Rot des einen Blutfleckens ließ sich eine dunkelbraune, vom Blut aufgeschwollene Lederlasche erkennen , die am Boden angebracht war. Er zog daran und hob dadurch eine im Boden eingelassene Platte auf, die ungefähr die Größe eines Bierkastens hatte. Im Boden war ein Geheimversteck eingelassen, in dem eine Schachtel mit Briefen lag , obenauf ein gelber Umschlag auf dem sich eine dünne Schicht Staub niedergelassen hatte. Auch das Buch Monsieur Ibrahim , dass daneben lag und die dünne Goldkette mit dem herzförmigen Anhänger ,waren von dieser dünnen Staubschicht überzogen. Der gelbe Briefumschlag war an ihn adressiert. Die kleinen Buchstaben waren so eng aufeinander geschrieben, dass sie sich schon gegenseitig in die Quere kamen und man einzelne Buchstaben nur mit Mühe entschlüsseln konnte. Er öffnete den Umschlag und las den Brife:

Lieber Sohn,
Es wird wahrscheinlich zu spät sein, wenn du zu uns zurückkehrst um uns von deiner Reise zu berichten.

Der Moschusgeruch , der in der Kammer gefangen gewesen war kitzelte ihn in der Nase, bis ihm die Tränen in den Augen standen und sich eine nach der anderen einen Weg über seine Wange suchte. Er wischte sie mit seinem Handrücken weg. – Jungen heulen doch nicht !

Ich muss dir gestehen, dass wir so gut wie alles verloren haben. Nach dem Tod deiner Mutter habe ich dieses Haus an die junge Dame, Emilia, im ersten Stock verkauft.

Bitte was ? Sein Vater hatte das Haus verkauft? Vor Wut hätte er fast den Brief in Stücke gerissen. Behutsam legte er diesen weg und ließ einen Schrei los. Die letzten Wochen waren einfach zu anstrengend gewesen. Jetzt konnte er sich von der Anspannung endlich befreien.
Als er sich soweit wieder beruhigt hatte , las er weiter:

Alles in diesem Haus gehört rechtlich gesehen Emilia. Doch nach einer Vereinbarung kannst du hier so lange wohnen wie du es möchtest.
Der Teppich, das Schmuckstück deiner Mutter, dass ich für dich umgravieren habe lassen und das Buch , zusammen mit diesen Briefen ist was ich dir hinterlasse.
Ich hoffe du hast dein Medizinstudium gut bestanden und kannst nun in die Welt ziehen um die Menschen zu retten. Und denke an seine liebe Mutter und deinen Vater.

Ach ja, Emilia ist ein nettes Mädchen, sie hat es nicht verdient schlecht behandelt zu werden , also benimm dich , wenn du sie triffst.

Ibrahim ben Fachir

„Dieser, dieser…“ Er fand kein Wort und fand es auch nicht gut , nach seinem Tod über ihn schlecht zu reden.

Das Schreiben hatte ihn wie einen Schlag getroffen. Er wusste nicht wie lange er jetzt schon hier saß, aber es dürften sicher einige Stunden gewesen sein.
Viele Fragen hatten ihn beschäftigt , doch eine hatte er sich immer und immer wieder stellen müssen.
WER WAR DIESE EMILIA ?
ER sprang auf. Er musste dieser Frage nachgehen. Er stopfte ales rücksichtslos in seinen Rucksack und eilte zur Tür. Als er sie gerade öffnete, sah er die schönste Frau, die ihm je vor die Nase gelaufen war.
„Oh, Hallo ! Du hast den Teppich weggeworfen. Sie sind sicher Christoph. Entschuldigen sie , aber ihr Vater sprach nur immer von einem Cristoph.Ich bin Emilia. Emilia Gomez , die Krankenpflegerin ihres Vaters.“
„Ach, wirklich?“ Was für eine dumme Frage , sie hatte es ihm doch gerade gesagt !
„Ehm, ja. Und ihnen gehört jetzt das Haus meiner Eltern.“
„Ach ja das, sie können es gerne zurückkaufen, - ich möchte nur oben weiter wohnen können.“
„Oder wir wohnen einfach…“
„Was sagten sie ….?“ Er war ja so blöd.
„…zusammen“ Was , wenn sie einen Freund hatte?
Sie sah ihn lange schweigend an.
„ Ihr Vater hat mir schon einiges erzählt und das sie das sagen würden auch. Ich hätte das wirklich nie erwartet. Ihr Vater muss sie wirklich gut gekannt haben.“
„Ja!... Ja? Wirklich , das alles hat er ihnen erzählt ?“
„Ja, er meinte sie würden mich wohl fragen , ob wir hier denn nicht zusammen wohnen könnten. Und ich fände das eine gar nicht so schlechte Idee. Ich denke sie sind ganz nett.“


Er zog noch im gleichen Monat oben ein. Die untere Wohnung sollte erst eine Generation nach ihm von einem Ibrahim entdeckt werden.







Diese Geschichte entstand im Frühjahr 2009


Einstell-Datum: 2009-08-24

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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