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Raphaela Edelbauer - Die echtere Wirklichkeit
"Lektüre mich am Arsch", wie die Chirurgin zu sagen pflegt. Auf nichts weniger als die Suche nach der Wahrheit begibt sich die Autorin mit ihrer linksradikalen Aktivistengruppe Aletheia. Im Fokus: der postfaktische Populismus, der gerade unaufhaltsam die Welt erobert.
"Anatomie eines Verlustes"
Unaufhaltsam? Nein! Das Quintett, das sich unter dem Namen Aletheia, also "Wahrheit", zusammengeschlossen hat, um Widerstand gegen fake news und alternative Fakten zu führen, trotzt mutig der Übermacht. Die "Rollstuhlpetra", die sich im Internet als Spieleerfinderin Byproxy nennt, gerät eher zufällig zu der Gruppe. Sie beobachtet wie ihre Mitglieder durch einen Bauzaun in ihr Domizil in einer besetzten Wohnung schlüpfen und beginnt sie zu erpressen. Erpressen mit erzwungener Mitgliedschaft. Bald erkoren sie die Kronen Zeitung zu ihre Hauptfeind aus, doch dann werden sie durch eine Razzia in ihren Planungen gestört. Der nächste Plan wird noch viel spektakulärer und gefährlicher. Bernward, der älteste, wünscht sich vor allem mehr Theorie, Brigitte wollte Taten und die Chirurgin wollte immer schon fliehen. Und Paul wollte die Illusion von Sicherheit erzwingen. Und Byproxy will vor allem alleserzählen. Denn das sie im Rollstuhl sitzt hat einen triftigen Grund. Ihre beste Freundin Dorothee, die am besten verstand, sie zu manipulieren. "Was der Faschismus am meisten fürchtet, ist die Wahrheit", heißt es in Punkt 39. Aber ihr altes Leben will sie nun mit einem Schlag verändern: "Das war sie also: Die Terrororganisation, als deren Teil ich übermorgen mein Leben an den Nornenpfaden hängen würde, mutierte zu einem lebendigen Bild von Hieronymus Bosch." Dass bei Raphaela Edelbauer ausgerechnet Philosoph:innen zu Terrorist:innen mutieren, mag die Aussichtslosigkeit jedweden weltverändernden Gedankens allzu drastisch vor Augen zu führen. Ihre Milieustudien im linksradikalen Student:innenmilieu zeigen, dass ein gewisser RAF-Romantizismus dorten immer noch vorhanden ist. Aber schon Lenin wusste über die Kinderkrankheit des Kommunismus Bescheid als den er den Linksradikalismus bezeichnete.
Einblicke in eine philosophische Terrorzelle
Im Punkt 18 des Aletheia-Manifests, heißt es, dass man sich nach Platons Gleichnis aus der Höhle befreien kann, "vielleicht durch das Liniengleichnis das einen Weg zu den höchsten aller Wahrheiten für die Vernunftwesen durchaus ermöglicht". Klug fügt die Autorin Theorien des Relativismus, der Dekonstruktion und sogar der Naturwissenschaften zusammen und schreibt das Manifest einer philosophischen Terrorgruppe, schimpft über das Wiener Umland (Ortschaften, "die sich als Blutegel and er Haut des Ballungsraums festsaugen") und lässt ihre Protagonistin völlig im Klaren darüber, dass sie die theoretischen Inhalte niemals in irgendeine Praxis umsetzen wird können. Auch ein Wien Bashing darf bei einer österreichischen Autorin nicht fehlen: "Wer in Wien ausging, musste sich damit abfinden, dass das, was er an Subkulturen vorfand, anderswo schon zum alten Eisen gehörte." Oder: "Wien war schon immer der Secondhandladen der Subkultur gewesen. (...)Eine gewaltige, alles umspannende Wurstigkeit ebnete alle Differenzen zwischen den Gruppen ab." And that was that. Situationskomik ergibt sich, wenn die Chirurgin, die lieber mit Sprengstoff bastelt als zu viel Lektüre zu sich zu nehmen, sich beleidigt in ihr Zimmer der geräumten und beschlagnahmten Wohnung verzieht und keine andere Wahl hat als sich auf den Boden zu setzen um zu schmollen. Da hat es Petra erstmals leichter: "So hoch zu sitzen, während die anderen auf dem Boden kauerten." Dass das Ganze unweigerlich auf einen großen Showdown hinausläuft, dessen Anschlagsziel hier natürlich nicht verraten wird, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn wer die Welt wirklich ändern möchte, sollte als erstes bei sich selbst damit anfangen. "Die wirkliche Tragik ist, dass der Augenblick selbst gar nicht köstlich ist und dass erst die Erinnerung ihr die Qualität gibt."
Raphaela Edelbauer
Die echtere Wirklichkeit
Roman
2025, Hardcover, 448 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96630-5
Klett-Cotta Verlag
28,00 €
[*] Diese Rezension schrieb: Juergen Weber (2025-12-20)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.
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