Mit ihrem Ausdruck "Die Banalität des Bösen", die sie als Beobachterin der Eichmann-Prozesse in Jerusalem formulierte, wurde sie weltberühmt. In seiner Graphic Novel zeigt Ken Krimstein aber vor allem eines: den Schrecken des Holocaust und seine Folgen.
Der Totalitarismus und die Banalität des Bösen
Zeit ihres Lebens musste Hannah Arendt flüchten. Durch den "Schlüsseltrick" gelang ihr die Flucht aus Südfrankreich vor den Nazis. Aber andere Kollegen aus dem intellektuellen Berlin der Zwanziger Jahre erging es weniger gut: Walter Benjamin erhängte sich an der spanischen Grenze. Er hatte die schweren Koffer seines "Passagen"-Projekts die Berge hochgeschleppt. Arendt's "dritte Flucht" brachte sie nach New York. Sie will hinter den Schatten treten: "Wir haben es in der Hand, als erste Menschen hinter den Schattens von Platons Höhle zu blicken." Die Suche nach der Wahrheit setzt sie auch in Amerika fort. "Sehnsucht ist der Schmerz der Nähe des Fernen", schreibt Krimstein an einer Stelle. Hannah hat einen Job als Au-Pair in Massachusetts angenommen ihre Mann, Blücher, Arbeit als Hilfsarbeiter in einer chemischen Fabrik in New Jersey. Derweilen ruft sie zur Gründung einer jüdischen Armee auf, die die Alliierten beim Kampf gegen die Nazis unterstützen soll. Erste Nachrichten über die Existenz von Todeslagern werden bekannt und Arendt schreibt wie besessen dagegen an. "Seit Sommer 1943 sind die Belege für industrielle Todesfabriken eindeutig. Ein Abgrund tut sich auf." Die vorliegende Graphic Novel sei keine Biographie von Hannah Arendt, wie die Herausgeber betonen, sondern es handelt sich um eine Interpretation ihres Lebens, eine biographische Fiktion mit textlich tradierten Anleihen aus ihrem Werk, aufbauend auf der Biographie von Elisabeth Young-Bruehl (1986).
Eine Graphic Novel als Warnung vor den Populisten
Mit der Totalitarismus-Theorie, die sie nach dem Krieg entwirft, versucht sie den Monstern ihrer Zeit beizukommen: dem Faschismus auf der einen und dem Kommunismus auf der anderen Seite. Und früh entdeckt sie die Gemeinsamkeiten, die uns auch heute noch beschäftigen: "Bevor totalitäre Herrscher die Realität an ihre Lügen anpassen können, bestehen ihre Signale aus der unerbittlichen Missachtung der Fakten. Sie leben in dem Glauben, dass Fakten vollständig in der Macht dessen liegen, der sie sich ausdenkt." Aber was geschieht mit einer Gesellschaft, die keine gemeinsamen Grundlagen mehr besitzt, sich nicht einmal mehr auf die Fakten einigen kann? Immerhin ermöglichte ihr der Erfolg des Totalitarismus-Buches ein sehr viel schöneres 5-Zimmer-Apartment mit zwei Bädern in Uptown New York mit Portier, Aufzug und Blick auf den Hudson. Endlich kann sie sich der Frage widmen, warum "Das Böse" geschieht. "Mein Hauptquartier ist eine Couch, meine Methode besteht darin, den Riss in der Stuckdecke zu beobachten.", lässt Krimstein seine Arendt selbstironisch denken. Die "déformation professionelle" der Philosoph:innen, die Frage nach dem Sinn, stellt sich im fiktiven Dialog mit Walter Benjamin, einem Wasserfleck an der Decke. Sie warnt vor Politikern, die ihre Sprache der privaten Leidenschaften in ihre Arbeit einbringen. Denn die öffentliche und die private Sprache würden sich gerade bei Populisten vermischen und traurige Folgen zeitigen. Die Thesen von Hannah Arendt sind so aktuell wie nie zuvor, eine Empfehlung zum Verständnis unserer Zeit.
Ken Krimstein
Die drei Leben der Hannah Arendt
Übersetzt von Hanns Zischler
Mit einem Nachwort von Ken Krimpten
2025, Paperback, 244 Seiten
ISBN: 978-3-423-282086
dtv
€ 20,00
[*] Diese Rezension schrieb: Juergen Weber (2025-12-20)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.