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Literaturforum: Hubert Fichte in Hamburg


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 Thema: Hubert Fichte in Hamburg
ArnoAbendschoen
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seit dem 02.05.2010

Das ist ArnoAbendschoen

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 18.01.2012 um 14:17 Uhr

Zu Beginn seines autobiografischen Romans „Versuch über die Pubertät“ von 1974 lässt der Erzähler in einer brasilianischen Gerichtsmedizin einen Leichnam sezieren, den er bald mit dem eines Herrn Pozzi aus Hamburg gleichsetzt. Es ist der „Gleichnam“ und Pozzi ist, wie unschwer zu entschlüsseln, Hans Henny Jahnn. Der Pathologe verwandelt sich für den Erzähler „in den umfangreichen Gegenzauberer, der den mich in dreißig Jahren enger und enger schnürenden Körperzauber kaputtschneiden könnte.“ Er, der Erzähler, versichert, er interessiere sich „nicht touristisch für die Toten, sondern für das Auseinanderfallen des Bildes, das mich (!) ausmacht.“ Am Ende des Romans ist auch die Sektion zu Ende: „Teil um Teil fällt jedes Organ, das ich mir einverleibt hatte zu dem rituellen Körper meines sinnlichen Bewusstseins, wieder ab und heraus.“ Der unbekannte tote Brasilianer ist also Pozzi, ist Jahnn und zugleich, mit den Mitteln der Magie, das literarische Alter Ego von Fichte, dem Romanautor.

Jahnn wurde ab 1949 für den pubertären und nachpubertären Fichte das große Leitgestirn mit gewaltigen Kräften der Anziehung wie der Abstoßung. Man kann sich diesem problematischen Verhältnis auch mit den Mitteln der Stadtgeographie und –soziologie nähern. Fichte reiht sich und die Seinen gern in die unteren (arbeitenden) Klassen ein, während Pozzi-Jahnn Vertreter des Großbürgertums sein soll. Das trifft so nicht zu. Jahnns Vater war nur dem mittleren Bürgertum zuzurechen, war der Angestellte des eigenen Bruders. Zwischen den Brüdern und ihren Familien bestand ein deutliches soziales Gefälle. Hans Henny Jahnns Situation selbst blieb materiell zeitlebens prekär. Fichtes Leute nun waren durchaus keine Proletarier, sondern Kleinbürger, der Großvater Zollinspektor, die ledige und anthroposophische Mutter Bürokraft beim Arbeitsamt und später Souffleuse an Hamburger Bühnen. Ihre Lage und die des jungen Fichte waren aufgrund von häufiger Arbeitslosigkeit ähnlich unsicher wie die von Jahnn.

Auffallend ist, dass beide Autoren, wenn auch im Abstand von etwa vierzig Jahren, in unmittelbar benachbarten nordwestlichen Vororten aufwuchsen und zwar in Eigenheimen. Für Jahnn war es das damals noch selbständige Stellingen, Fichtes Großvater hatte sich etwa zur gleichen Zeit in dem ebenfalls noch nicht eingemeindeten Lokstedt niedergelassen. Beide alten Dörfer waren schon vom Prozess der Suburbanisierung erfasst und boten jeweils dem aufstrebenden Mittelstand Baugrund im Grünen. Wer es geschafft hatte, die Hamburger Gängeviertel (Rudolf Virchow über sie: „Ich vergesse, dass ich in Europa bin!“) und Altona-Ottensen („Mottenburg“) zu vermeiden und aus Hamburg-Eimsbüttel wegzuziehen, der war hier an sein Ziel gekommen. Stellingen wurde 1927 Altona zugeschlagen und kam mit diesem 1937 zu Groß-Hamburg. Lokstedt hatte es 1927 umgehen können, Teil Altonas zu werden, indem es mit Niendorf und Schnelsen fusionierte, um dann 1937 doch in Groß-Hamburg aufzugehen. Bezeichnend ist weiterhin, dass beide Autoren im Verlauf ihres Lebens diese nordwestlichen Stadtteile verließen und später in die elitären Elbvororte umzogen und dort bis zum Lebensende blieben, Jahnn nach Blankenese, Fichte in das stadtnähere Othmarschen. Diese Parallelen schnitten sich nicht erst im Unendlichen: Beider Gräber befinden sich auf dem gleichen Friedhof Nienstedten, zwischen Blankenese und Othmarschen gelegen.

Der Roman „Versuch über die Pubertät“ spielt überwiegend in Hamburg in den Jahren 1949 – 1952. Man kann von diesem Werk sagen, was zu „Ulysses“ von Joyce bemerkt worden ist: Aufgrund des Textes könnte man die Stadt im Fall ihrer Zerstörung rekonstruieren. Fichte ist zu Beginn vierzehn und lebt in diesem „Kleinbürgerlokstedt“ in einem Einfamilienhaus im Dachjuche. „Morgens Aufstehen in den Kleingartengeräuschen des Großvaters. Ein anthroposophisches Frühstück.“ Besuchern bereitet die Großmutter einen „wilhelminischen Empfang“. Fichte sieht sich in Lokstedt und in der übrigen Stadt um. Er sucht Anknüpfungspunkte. Es gilt, sich eine Existenz zu schaffen, beruflich wie erotisch.

Nach NORDEN. Da ist Hagenbecks Tierpark. Jahnn hatte als Knabe phantasiert, dort einen Tiger zu befreien. 1943 erlebten die Fichtes, wie die Zootiere nach dem großen Bombardement wirklich durch Lokstedt liefen. Der Norden, das heißt auch: „Hier fressen sich Stadt und Land gegenseitig auf.“ Schrebergärten, Nissenhütten, eine Fabrik. Dann ein mittelgroßer Wald, das Niendorfer Gehölz. In diesem großen Bereich zwischen den Vororten macht Fichte erste sexuelle Erfahrungen mit Nachbarjungen. Sein Hauptziel da oben ist jahrelang die Musische Oberrealschule in Niendorf, die er mit sechzehn ohne Abschluss verlassen wird, um Schauspieler zu werden. Als es damit nicht klappt, holt er sich sein Arbeitslosengeld auf einer Nebenstelle des Arbeitsamtes ganz in der Nähe ab und vermeidet Begegnungen mit den früheren Mitschülern. Alles in allem keine wirklich bereichernde Gegend für ihn, dieser Norden.

Allerdings wird gerade an der Niendorfer Schule Jahnn auf ihn aufmerksam. Die Skandalgröße der Hamburger Literaturszene taucht mit Genehmigung des Direktors im Klassenzimmer auf und bittet ausgewählte Knaben, darunter Fichte, Urin abzugeben. Der Dichter ist auch Amateurhormonforscher und braut Mittelchen zusammen, die er für heilkräftig hält. Der Egozentriker Jahnn reiht den Jungen, der neben der Schule schon schauspielert und schreibt, unter die Bisexuellen ein und zieht ihn in seinen Hirschpark-Kreis. So lernt der Vierzehnjährige den WESTEN der Stadt kennen: „Parks von Reedern und Sklavenhändlern dehnen sich lieblich aus.“ Jahnn registrierte schon früher an diesen ehrbaren Kaufleuten den „Gestank ihrer Hauptbücher“. Pozzi-Jahnn ist einer von den „gescheiterten Nachkommen von großen Familien unter dem Schatten weißer Säulen …“ Hier wird nach Herzenslust debattiert, intrigiert, verkuppelt und sich getrennt. Fichte will sich nicht von Jahnn adoptieren lassen und hat eine kurze Affäre mit „Mozart“, einem frühreifen Komponistengenie in der Pubertät, das dann doch lieber die Tochter des Dichters heiratet. Fichte dazu, da sich im Hirschparkhaus alles vor allen vollzieht: „Ich beginne, eine Niederlage vorzuführen, die mein ganzes Leben dauert.“ Also ab in den Osten.

Der OSTEN, das sind die Geschäftsviertel, die Theater, Restaurants, die Hauptstelle des Arbeitsamtes, der Hauptbahnhof, die Musikhalle, die Kultur-Center der Besatzungsmächte, das Funkhaus. Jetzt erst entfaltet sich das Panorama Hamburgs in ganzer Breite. Fichte spielt Theater, Kinder- und Jugendrollen, und führt als Zwischenakte Szenen aus seinem jungen Privatleben auf. Da ist ein Schauspieler, Anfang zwanzig, der ihn allabendlich in einem Sartrestück mit den Händen erdrosselt. Fichte gewöhnt sich an, den Jungverheirateten daheim abzuholen. Die innere Stadt zwischen Schwanenwik und Poststraße wird zur Kulisse dieses Kammerspiels ohne Happy End. Fichte wird Komparse bei Filmaufnahmen und mit sechzehn der Geliebte eines Mannes von vierzig, eines Schauspielers und Regisseurs, eines Mannes, der seinerseits Frau und Kinder ganz im Westen, in Blankenese, hat. (Jetzt folgt ein Roman im Roman, den nachzuvollziehen die kurze Abhandlung sprengen würde.) Nebenbei lernt Fichte im Französischen Kultur-Institut Französisch und wird, wie früher schon Jahnn, Proustianer.

Der Mann von vierzig Jahren unternimmt einen Suizidversuch, wird möblierter Herr erst an der Alster, dann in Altona. Fichte besucht, begleitet, stützt den alkoholkranken Älteren dort und ist damit im SÜDEN angekommen, von Lokstedt aus gesehen. Dieser Südraum, das Refugium der Randgruppen, wird später mit dem Palais d’Amour, dem Ledermann Hans Eppendorfer und dem großen Auftritt im Star-Club den Hamburger Schriftsteller Hubert Fichte entscheidend voranbringen. („Die Palette“ in der Neustadt ist der westlichste Außenposten dieses Bezirks.) Aber so weit ist er noch lange nicht. Er hat die bürgerlichen Milieus der Stadt in den Jahren der Pubertät schon studiert, jetzt beginnt er zu reisen, auf dem Land zu leben, in der Landwirtschaft zu arbeiten, in Frankreich, in Schweden, auch in Holstein und Niedersachsen, und zwischendurch nach Hamburg zurückkehren. Er hat den für ihn typischen Rhythmus aus Sehnsucht und Enttäuschung gefunden. 1974 wird er in „Versuch über die Pubertät“ die Beschreibung einer schönen Provence-Landschaft mit der Feststellung umkippen lassen: „Es ist fast so, als wenn man bei Billstedt auf die Elbe blickt.“ Und: „Haiti und Salvador sind banal. Obduktionen gibt es auch im Eppendorfer Krankenhaus und in Lokstedt laufen mehr Schlangen herum als am Amazonas.“

Die Reise in den Exotismus endet auf der letzten Seite mit einem Resümee, das so ernüchtert wie ehrlich ist: „Magie ist die große Einbettung ins Instinktive … Der Zauber ist zerschnitten … Ich lebe weiter in einer ganz säkularisierten Welt.“ Indessen ließ er es damit nicht bewenden. Mit der Fotografin Leonore Mau verabredete er zu Beginn der Sechziger das große Projekt der Erkundung der afroamerikanischen Mischreligionen und pendelte zwanzig Jahre zwischen Haiti und Hamburg, zwischen diesem und jenem Süden, arbeitend an den Büchern seiner Ethnopoesie und an den Hamburger Romanen.

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