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Literaturforum: Hubert Fichte - Detlevs Imitationen Grünspan


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 Thema: Hubert Fichte - Detlevs Imitationen Grünspan
ArnoAbendschoen
Mitglied

485 Forenbeiträge
seit dem 02.05.2010

Das ist ArnoAbendschoen

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 25.06.2012 um 22:39 Uhr

- Diesmal statt einer wirklichen Rezension eher subjektive Leseeindrücke ... -

In Hubert Fichtes Gesamtwerk bin ich jetzt bei „Detlevs Imitationen ‚Grünspan’“ angelangt. Das erscheint mir von den bisher gelesenen Werken das überzeugendste, souveränste und amüsanteste. Es mag auch am autobiographischen Hintergrund liegen. Zwischen „Die Palette“ und „Detlevs Imitationen ‚Grünspan’“ ist nämlich die Großmutter gestorben und deren Haus in Lokstedt von der erbenden Mutter verkauft worden. Jetzt erst gestaltet Fichte die Familiengeschichte in Kriegs- und Nachkriegszeit frei von Rücksichten. Opa, der Zollinspektor, war also bis 1945 Parteimitglied und es gab seinerzeit beträchtliche Spannungen innerhalb der Familie. Oma kommt insgesamt bei ihm am besten weg. Richtig lustig wird es, wenn der Erzähler sich im Roman vor das verkaufte Haus stellt und kritisch-bissig anmerkt, wie die neuen Eigentümer das Grundstück verschandelt haben. Im nächsten Roman „Versuch über die Pubertät“ wird er dann auch noch Straßennamen und Hausnummer angeben. Die neuen Bewohner dort werden begeistert gewesen sein, und das erklärt z.T. wohl das Fehlen einer Gedenktafel am „hässlichen Spitzdachhaus“. Sie wäre auch überflüssig, Fichte hat sie in seinen Büchern schon selbst dort angeschraubt.

Sehr amüsant ist in diesem Roman auch die Schilderung eines Besuchs von Irma und Jäcki bei der Mutter Dora Fichte, die nun in einer Ein-Zimmer-Wohnung östlich der Alster lebt. Gibt es in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts eine zweite Autorenmutter, die literarisch derart ausgebeutet wurde? Mir kommt mir das vor wie eine Vorwegnahme von Gebräuchen im Internet - das Privateste in die Öffentlichkeit. Hier findet sich auch die Wiedergabe eines (authentischen?) Briefes von ihr, der sie sozusagen geistig nackt vorführt: eher oberflächlich, dabei kulturell ambitioniert und zugleich hoffnunglos altmodisch in ihrem Verhaftetsein an das in den Zwanzigern einmal modern Gewesene. Da äußert sich eine zutiefst reaktionäre Möchtegern-Progressivität. Im Roman endet der etwas disharmonische Familienbesuch auf eine für Fichte typische Weise – über alle Ambivalenz siegt eine Trotzdem-Verbundenheit.

Und dann gibt es in diesem Buch noch die Protokolle von Jäckis Besuchen beim St. Pauli-Zuhälter Wolli, ebenfalls vorzüglich. Ferner Jäckis Recherchen nach jenen fürchterlichen pathologischen Experimenten, die mit den Bombenopfern von 1943 gemacht wurden …

Fichtes Orthographie ist wieder einmal recht angreifbar: von Salvadore (!) Dali bis zu „Fließen“, wenn es um Kacheln geht. Allerdings vermute ich zumindest teilweise Absicht dahinter. Wollte er Jahnn auch insoweit kopieren und übertreffen, unbewusst, halb bewusst oder vorsätzlich? Gut möglich, er war ja in literarischer Hassliebe fixiert auf ihn. Dazu kommen noch zahlreiche Errata, die eher auf den Setzer zurückgehen dürften. Das Lektorat scheint gar nicht eingegriffen zu haben. Noch ein Riesenforschungsfeld für bienenfleißige Literaturwissenschaftler!

Jetzt habe ich auch die Stelle gefunden, die die Rockband Tocotronic vor ein paar Jahren für ihre Fichte-Hommage verwendet hat. Das ist nicht so einfach, wie einem der gesungene Text zunächst suggeriert. Tatsächlich sitzt da der Erzähler in der Disco „Grünspan“ und lässt sich zudröhnen und seine Gedanken spazieren gehen. Ein Gewirr von Assoziationen, in dem dann diese Verse auftauchen, wie eine Pseudo-Simplizität, typisch eher für alkoholbedingtes Sinnieren und insofern auch gelungen. Aber ob Tocotronic das auch so empfunden hat? Dieser Abschnitt im Roman endet folgerichtig in totaler Konfusion und sinnlosem Gestammel.

Bei mir hat die Fichte-Lektüre jetzt noch eine besondere Wirkung: Zu einem Zeitpunkt, da mir Hamburg schon etwas gleichgültig geworden ist, bringen mir seine Texte die Stadt, in der ich so lange gelebt habe, auf eine literarische Weise wieder nahe. Heute las ich die Stelle, an der er aus dem halben Zimmer im Dachgeschoss des Lokstedter Hauses auf den Wasserturm in der Nähe blickt – ach, wie oft sind wir da an Sonntagen oder Mittwochen vorbeigekommen … Nach diesem Roman mache ich eine Pause und lese bis zum Winter einiges an Sekundärliteratur über ihn, dann den einen oder anderen späten Roman.

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