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Literaturforum: Doderers frühe Prosa: Divertimenti und Variationen


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 Thema: Doderers frühe Prosa: Divertimenti und Variationen
ArnoAbendschoen
Mitglied

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seit dem 02.05.2010

Das ist ArnoAbendschoen

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 04.08.2018 um 22:34 Uhr

Doderers Entschluss, Schriftsteller zu werden, stand mit seiner Heimkehr aus russischer Gefangenschaft 1920 fest. Es auch zu sein, d.h. nur Schriftsteller zu sein und davon zu leben, gestaltete sich schwierig. Letztlich gelang es erst mit einigem Abstand zum Zweiten Weltkrieg. Mitte der zwanziger Jahre schrieb Doderer Texte, für die er den Gattungsbegriff Divertimento verwendete. Sie waren primär zum mündlichen Vortrag, speziell im damals neuen Medium Radio, gedacht und erinnern tatsächlich an das Vorbild aus der Musikgeschichte. Sie sind im Aufbau mehrsätzig – in der Regel sind es vier Sätze -, und weisen manchmal einen Intermezzo genannten Einschub auf. Die Sprache ist oft rhythmisiert, Kernsätze werden gern wörtlich wie ein Refrain wiederholt, kurze Gedichte unterbrechen hin und wieder die Prosa. Große Publizität haben die kleinen Werke dem jungen Autor nicht verschafft. Sie hatten die Funktion eines Experimentierfeldes, auf dem Doderer die Darstellung seiner Inhalte in einer ihnen gemäßen Sprache erproben konnte. Es gelang mal mehr, mal weniger. Die erzählten Geschichten sind jedoch für sich genommen z.T. noch heute lesenswert.

Den heiteren Charakter der meisten Musik-Divertimenti wird man hier, von einer Ausnahme abgesehen, vergeblich suchen. Das Problematische herrscht vor. Krisen spitzen sich zu und lösen sich in neuer Ordnung auf. Divertimento No I beginnt, atypisch für Doderer, mit den sozialen Unruhen vom 1. Dezember 1921 in Wien. Dabei nimmt ein junger Mann sich einer verwirrten jungen Frau an, sie werden ein Paar. Die Frau zeigt Symptome einer Geisteskrankheit, während er sich in ihrer Nähe seltsam dichterisch gehoben fühlt. Schließlich verbleibt sie in der Psychiatrie und er geht eine neue Verbindung ein. – In No II kehrt ein anderer junger Mann für einige Tage aufs Land zurück, wo gerade sein Heimatort in den Fluten eines Stausees verschwindet. Der Blick zurück ist „ein Blick, den kein Sterblicher erträgt“ – wegen verpasster Chancen und fataler Gesamtbilanz. Der Held begegnet dort seiner einzigen großen Liebe. Es kommt zu passagerer Wiederannäherung, während das Wasser steigt, und zu endgültigem Abschied. – No. III leidet darunter, dass der relativ kurze Text eine sich über Jahrzehnte erstreckende seelische Entwicklung darstellen will: Ein Mann verliert seine Frau bei der Geburt seiner Tochter, er ordnet alles der Entwicklung des Kindes unter, wird später erotisch von der reif werdenden Tochter angezogen und schließlich von einer alten Freundin erlöst, die sich jetzt erst mit ihm verbindet. Diese Melange aus Stifterschem Spätsommer und Lolitakomplex ist gewaltsam in der Konstruktion, die prätentiöse Sprache spiegelt unechte Probleme und Gefühle wider.

Doderer hielt Divertimento No IV für sein bestes Stück in der Reihe. Es ist zivilisationskritisch, technikfeindlich: „ ... dass in eisernen Schienen der Zwang dieses Zeitalters hingeht wie ein Sturmbock …“ Das schon damals populäre Thema des Zivilisationsbruchs aufgrund hypertropher Entwicklung wird zwar effektvoll, doch wenig originell und allzu schematisch abgehandelt. Am Ende war die Geschichte vom katastrophalen Untergang der Meisten und dem Atavismus der wenigen Überlebenden wie so oft auch nur ein böser Traum. – Heiter ist dagegen No V. Eine überbordende Fülle banaler Alltagsprobleme löst sich analog einer später bekannt gewordenen Zigarettenreklame wie von selbst, während der Held im Krankenhaus liegt. – No VI stellt überzeugend und sorgfältig die Entwicklung eines blind geborenen Mädchens dar, das später sehen kann und Musikerin wird.

No VII hat Doderer erst nach dem 2. Weltkrieg geschrieben. Es ist formal und inhaltlich sehr verschieden von den früheren Divertimenti, es ist bedeutend länger, noch stärker gegliedert und in Sprache und Gehalt durchgehend ein Werk der mittleren Periode des Autors. Der Held ist erstmals ein Ich-Erzähler, ein junger Mann, der schon promoviert hat und mit wissenschaftlicher Arbeit beschäftigt ist. Privat kommt er in seinem Wohnviertel einem Klein-Mädchen-Verführer auf die Schliche, erniedrigt diesen, fühlt sich selbst daraufhin schuldig und gerät auf eine emotional wie sozial schiefe Bahn. Die Peripetie bringt schließlich das Beinahe-Ertrinken und Gerettetwerden jenes Mädchens vom Beginn der Erzählung.

Etwa zur gleichen Zeit wie die früheren Divertimenti sind die „Sieben Variationen über ein Thema von Johann Peter Hebel (1760 – 1826)“ entstanden. Es handelt sich um die bekannte Geschichte, in der ein scheinbar Furchtloser mit einer Gliedmaße aus der Anatomie zu Tode erschreckt wird. Doderer folgt in den ersten beiden Variationen der Handlung, indem er sie sprachlich ein wenig à la Kleist präsentiert, nicht mehr als eine Schreibübung. In den folgenden Versionen löst er sich von der Vorgabe und arbeitet auf sehr verschiedene Weise heraus, was für ihn der Hauptgehalt bei Hebel war: das Motiv des „Hohlraums“. Da stürzt einer jeweils aus dem Himmel für unerschütterlich gehaltener Annahmen in eine bedrohliche Leere, in ein Nichts. Mal lässt er eine Dame in ein Stück Marzipan beißen, das sie für eine saftige Frucht gehalten hat, mal wird einem Geschwisterpaar von Unbekannten der gesamte Hausrat bis auf den letzten Rest unter unaufgeklärt bleibenden Umständen geraubt. Oder es kippen erotisch vielversprechende Situationen und enden in reiner Frustration. Das letzte Stück aus der Serie enthält mit seiner Wanderer-Allegorie als zentrale Botschaft auch des Vorangegangenen: unvergänglich die Macht des Schicksals, rasch wechselnd und vergänglich die verarbeitenden Reaktionen des Individuums.

Doderer hat als „Fatologe“ in seinem Werk die Einwirkung von Politik und Geschichte auf das Individuum minimiert. Der Mensch scheint ein Wesen zu sein, das sich vor allem aufgrund höherer allgemeingültiger Gesetzmäßigkeiten entwickelt und vergeht. Statt diese prononciert apolitische Haltung zu kritisieren, kann man als Rezipient die soziale Kausalität auch umkehren und sich fragen: Wie musste ein durchschnittliches Individuum des 20. Jahrhunderts seelisch beschaffen gewesen sein, um die Katastrophen seiner Zeit nicht nur als Opfer zu erleben, sondern sie gerade auch aktiv mitzugestalten? Gerade hierauf findet, wer will, Antwort und Beispiele zuhauf bei Doderer.


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