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Literaturforum: Jess & James - Film von Santiago Giralt


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 Thema: Jess & James - Film von Santiago Giralt
ArnoAbendschoen
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Das ist ArnoAbendschoen

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 29.11.2018 um 13:30 Uhr

In Argentinien gilt Santiago Giralt als einer der fähigsten jüngeren Filmemacher. Mit dem 2015 herausgekommenen „Jess & James“ ist ihm ein Roadmovie geglückt, das die für diese Gattung üblichen Strukturen aufweist und zugleich ästhetisches Neuland betritt. Wie gewöhnlich setzt auch dieser Film ein Reisen ins Unbekannte auf der Suche nach Selbstverwirklichung mit Leben und gesteigertem Lebensgefühl gleich. Ihn interessiert jedoch noch eine Parallelität – die von Reisen und Träumen. Wenn Reisen Leben ist und umgekehrt Leben eine Art Reisen und wenn wir reisend träumen oder träumend reisen, ist dann vielleicht sogar Leben ein Träumen und Träumen das wahre Leben? Jesse (so wird er im Original gerufen, mit spanischer Aussprache, dargestellt von Martín Karich) spricht es unmittelbar zu Beginn des Films in einem sehr kurzen Prolog aus: „Ist das hier eine Reise oder ein Traum?“

Jesse hat übers Internet James (Nicolás Romeo) kennengelernt und nach schnellem Sex bekommt er ein Angebot von ihm: mit dem Auto von James’ Mutter einige Tage gemeinsam wegzufahren. Für Jesse ist der Trip vor allem Flucht vor einem Heiratsprojekt, das er nicht will. Die beiden jungen Männer fahren los, kommen sich immer näher, haben neue Eindrücke, Begegnungen. Die Melancholie der argentinischen Ebene kontrastiert mit seltsam Witzigem, darunter eine sehr komische Pantomime in einem Café, die mit ihrem Rauswurf endet. Sie lernen in einer kleinen Provinzstadt Tomás (Federico Fontán) kennen, eine eigenartig blasse Filmfigur, in der sich vor allem Jesses Problematik – bleiben oder sich lösen – stellvertretend widerzuspiegeln scheint. Jesses innere Monologe, direkt an den Zuschauer gerichtet, können ebenso Handlungskommentare wie Traumgedanken sein. Wiederholt werden Jesses spontane Erinnerungen an seine Mutter eingeblendet. Auch dabei geht es um Erwachsenwerden, Ablösung. Visuell sind die Filmszenen selten platt realistisch, sondern abwechselnd grell, überakzentuiert oder undeutlich, verschwommen, weichgezeichnet. Dem entspricht auch die Filmmusik. Das Hauptthema ist rhythmisch stampfend, laut, dagegen klingen lange Passagen fast wie Sphärenmusik, nur etwas unrein, beinahe gequetscht. Die Figuren selbst werden gelegentlich zu Schemen und verwandeln sich zurück in fest umrissene Menschenkörper: Vexierbilder als Traumstilmittel.

Das Gesicht des an der Realität der Außenwelt zweifelnden Jesse des Anfangs taucht mitten in der Episode mit dem Gespensterhaus wieder auf, die eine Schlüsselszene ist. Der Traumcharakter der Handlung wird hier am deutlichsten. Die beiden Freunde treffen auf einem noblen Landsitz ein, fragen die dort allein lebende ältere Dame nach einer Stadt namens James Gray, als wüssten sie nicht, dass das der Name eines Filmregisseurs ist. Sie werden opulent bewirtet und beherbergt. Im Haus spukt es ein wenig. Steht die Dame für Jesses Mutter und das nachts gespensternde Kind für den Jungen, der Jesse einmal war? Über dem bukolischen Paradies scheint ein Fluch zu liegen - Jesses Schuldgefühle -, und die Vertreibung daraus ist nur konsequent. Sie besuchen noch Jesses älteren Bruder, der vor vielen Jahren die Familie verlassen, mit ihr gebrochen hat. Mit der Pseudologik von Träumen findet Jesse, er sei jetzt an seinem Ziel, in seinem Zuhause angekommen. Dabei ist er zum ersten Mal dort und hat im Prolog noch erklärt, er hasse seinen Bruder. Wie die beiden sich sofort wiedererkennen, wie sie sich bestärken, auch das hat traumhafte Züge: Wunscherfüllung à la Freud. Freilich, all das ist Auslegungssache, wohingegen die zahlreichen erotischen Szenen es gerade nicht sind und voller Kraft wie Intimität ein Gegengewicht gegen das angedeutet Surreale und klug Verrätselte des Films darstellen.

Und dann fahren sie heim und nehmen Tomás mit und man mag sich die Alltäglichkeit, die sie erwartet, nicht vorstellen; zu glanzvoll die Tage der Reise. Giralt hat aus seinem Thema – in einer Krise durch Flucht zur Emanzipation gelangen– ein rundum überzeugendes Filmkunstwerk gemacht.


"Die Flüchtlingskrise ist noch nicht zu Ende." Robin Alexander in "Die Getriebenen"
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