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Literaturforum: Berliner Tagebuch, 23.03.2020 - Müde


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Forum > Sonstiges > Berliner Tagebuch, 23.03.2020 - Müde
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 Thema: Berliner Tagebuch, 23.03.2020 - Müde
Kenon
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seit dem 02.07.2001

Das ist Kenon

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 24.03.2020 um 00:37 Uhr

Liebes Tagebuch,

ich habe Dir in den letzten Tagen geschrieben und habe Dir nicht geschrieben. Meistens war ich abends zu müde und habe mich zudem gescheut, mich vor der Macht der begonnenen Gewohnheit zu beugen oder ich habe Dir Dinge anvertraut, die besser erst nach meinem Tode bekannt werden - oder zumindest in einer Zeit, in der ich kein funktionierender Teil mehr in dieser Gesellschaft sein und ich meine ganz private Privatheit nicht schützen muss, weil dann nicht mehr auf die Waage kommt, wer oder was ich bin und was ich erlebt habe und wie die Rolle, die ich spiele, gefällt und mir abgenommen wird. Soweit aber ist es eben noch nicht. Und dies ist nicht das Ende der Welt, denn selbst der Silberpreis ist heute wieder zart gestiegen. Das kann nicht das Ende der Welt sein. Nicht das Ende der Welt. Die besten Lügen sind jene, die man selber glaubt. Das ist keine Lüge. Das ist nicht das Ende der Welt. Und auch nicht des Menschen.

Das banale also zuerst, damit es aus den Fingern, aus der Seele ist:
Es gibt keine Eier mehr in den Geschäften, kaum noch Brot, aber ich habe doch meine Lieblingssorte Knäckebrot gefunden, haltbar bis Ende Dezember 2020. Die große Hamsterei scheint vorerst vorbei zu sein, schon am Sonnabend hörte ich eine Kassiererin beim Einräumen der Waren sagen: “Endlich wieder ein normaler Arbeitstag”. Zudem ist mein spanisches Kochbuch, eine Sonderausgabe des Prado, eingetroffen. Da warten neues Vokabular und sicherlich fantastische Gerichte auf mich - wobei ich gerade gar keine besonders große Lust zum Kochen habe. Dafür habe ich tatsächlich schon abgenommen in den letzten Tagen: Meinem Körper fehlen Obst und Müsli, die mir mein Arbeitgeber sonst stellt. Es ist sicherlich irgendwie gesund, aber macht halt auch dick.

Wenn alle nur gnadenlos ehrlich sein könnten: In was für einer Welt würden wir leben? Aber schon Plato wusste die edle Lüge, die einem hilft, seine Ziele zu erreichen, zu schätzen. Was für ein Lump! Ich habe in den letzten Tagen wieder einige Minuten Zeit zum Lesen gefunden. Nachts hat es Minusgrade. Den Zusammenhang sehe ich nicht. Aber kalt ist es schon, auch wenn die Sonne tags nicht mit Strahlen geizt.

Das Szenario, in dem wir uns jetzt befinden, ist nicht neu. Bill Gates hat vor Jahren bereits gewarnt, dass die größte Bedrohung für die Menschheit eine Pandemie sein könnte; als Teenager habe ich in den 90er Jahren schon damals sehr alte Romane wie Stephen Kings “The Stand” (ich weiß gar nicht mehr, wie oft) und zahlreiche ähnliche Thriller gelesen, in denen biologische Waffen die Existenz der Menschheit bedrohen; ich habe sogar in meinem ersten Roman-Versuch aus dieser Zeit ein ähnliches Thema gewählt: Ein Staat oder eine Organisation entwickelt eine biologische Waffe und gleichzeitig einen Impfstoff, um sich so eines Großteils der Menschen zu entledigen und Macht zu gewinnen. China spielt in diesem Roman-Fragment eine Rolle, aber das ist nur dem Umstand geschuldet, dass ich als Kind eine Vorliebe für topographische Erzeugnisse hatte und das Angebot in der DDR knapp war, so dass ich kaufte, was es mal gab, unter anderem eben eine China-Karte, die lange über meinem Bett hing und mir Ideen zu Handlungsorten gab.
Wuhan gilt als Ausbruchort des Coronavirus. Das ist der Ort, in dem sich das Wuhan Institute of Virology befindet, das die biologische Schutzstufe 4 einhalten soll. Ich spekuliere kein bißchen, aber kann auch nicht an so viel Zufall glauben. Ich glaube auch nicht an Absicht: Wem sollte das nützen? Wir müssen damit leben, heute und vielleicht morgen bereits wieder. Ich erinnere mich an das Recyclingpapier, das ich in den frühen 90er Jahren mit einem blauen Kugelschreiber beidseitig beschrieb, so dass es sich wellte. Ich habe den Roman nicht zu Ende geschrieben. Er ist mir über den Kopf gewachsen und gefallen hat er mir ohnehin nicht.

Aber Social Distancing ist ganz mein Ding. Ich finde es wundervoll, wenn sich die Menschen auf den Straßen ausweichen, wenn man Angst hat, einander anzustecken, noch mehr aber liebe ich die leeren Straßen, die Ruhe, das auf seinen Kern reduzierte Leben, diese ganze verfluchte Endzeitstimmung. Aber noch viel mehr gefällt es mir, nett zu der Kassiererin im Supermarkt zu sein und zu sehen, wie sie sich darüber freut. So viele Menschen haben jetzt einen verdammt harten Job zu machen. Andere haben bald keinen mehr.

Die Gedanken an das eigene Ende eröffnen neue Perspektiven - oder führen zu vermehrten Retrospektiven. Welle für Welle kommt da plötzlich die ganze Kindheit angespült. Wäre sie besser im Meer geblieben. Aber es gibt auch schöne Erinnerungen. Ich gehörte zu den wenigen Kindern in der damaligen DDR, in deren Familie es den C64-Heimcomputer gab. Ich habe dieses Gerät geliebt, liebe es noch heute, habe mit ihm gelernt, zu programmieren, schon im frühen Alter von 8, 9 Jahren, aber ich habe auch viel gespielt. Eines meiner Lieblingsspiele ware “Agent USA”: Als weißer / guter Hut mit zwei Beinen kann man da durch die ganze USA reisen, man züchtet auf den Bahnhöfen heilende Kristalle, die man einsammelt, um infizierte Menschen zu retten und die böse Fuzz Bomb aufzuspüren, die für alles Übel verantwortlich ist. 100 Kristalle reichen, um sie auszuschalten. Ich habe die Musik gemocht, die Reisen durch die Zeitzonen, den Zahlenwechsel der Digitaluhr, die exotischen Namen der Staaten und Städte, die virtuelle Freiheit, aber am Ende habe ich immer verloren und die ganze USA war infiziert. Heute habe ich ein sogenanntes Longplay dieses Spiels auf YouTube gesehen: Der Spieler hat die Aufgabe in 18 Minuten gelöst. Ich habe in den 80ern wohl unter anderem sicherlich immer verloren, weil ich die englische Anleitung nicht richtig verstand, aber es hat so viel Spaß gemacht, zu reisen. Entschuldige bitte meinen egoistischen Drang, aber ich möchte so gern wieder reisen: In der wirklichen Welt.

Dein K

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