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Der Geistesblitz
Autor: schneewehe · Rubrik:
Kurzgeschichten

Für ein vierjähriges Kind, das schon lesen kann, wird jede Lektüre zum Thriller. Das gilt doppelt und dreifach, wenn dieses Kind die Lesekünste - mit Hilfe eines Buchstaben-spiels, mit dem ein älteres Mädchen partout nichts anfangen konnte - in der Nach-kriegszeit erworben hat. Schließlich war das eine Zeit, in der es Plakate gab, auf denen nicht nur harmlose Werbung stand, die sich zum Entzücken der Umwelt laut vorlesen ließ. Es konnte auch passieren, daß mir mitten in einem verrußten Vorstadtbahnhof ein gelbliches Skelett auf einem Plakat entgegengrinste, und darüber stand geschrieben: “Es droht der Tod.“
Wovor wurde da gewarnt? Vor Minen? Verbotenen Zonen? Ich erfuhr es nie, denn ich traute mich nicht, das Schreckliche genau anzusehen. Dabei wußte ich nur zu gut, daß uns allen der Tod droht, schließlich war für meine Mutter die Politik das Wich-tigste der Welt, und so war mein Leben durchdröhnt vom unbestechlichen Bariton des Nachrichtensprechers im Rundfunk, dessen Klang allein schon so gerecht wie der Tod schien. Kein Wunder, daß er ständig vom Krieg sprach, wenn auch nur vom kalten, der nach den Worten der Mutter kein richtiger Krieg war. Doch das half auch nicht viel, wenn „kalter Krieg“ noch heimtückischer, noch verschlagener klingt als einfach nur „Krieg“, zumal man während dieses kalten Kriegs schon Bomben erprobte, die ganze Städte und vielleicht die ganze Welt verbrennen konnten.
Was Bomben waren, wußte ich noch aus eigener Erinnerung, die vielleicht deshalb so quälte, weil sie nicht zu fassen war. Kein Krach, kein Knall war in meinem Gedächtnis geblieben, nur der unendliche Verdruß, aus meinem warmen Bett aufstehen zu müssen und in den kalten Kellersaal zu gehen. Ich sei sehr still gewesen, sagte man später, und hätte nie geschrieen. Dafür konnte ich schon kurz nach Kriegsende keine Wecker, elektrischen Sägen oder Gewitter mehr hören, und wenn die kleine Schwester mit dem voll aufgedrehten Wecker hinter mir herlief, um mich abzuhärten, holte ich einiges an Schreien nach.
Doch wiederum verschlug es mir die Stimme, als ich mitten in der Innenstadt -und das zur Weihnachtszeit - die Jungen sah, die Feuerwerkskörper losließen. Das riß sich los, das sprang mich an wie ein Rudel gieriger Tiere mit flammenden Kämmen und platzte dann mit lautem Knall, zerfloß in weißen, weißen Schein, löste sich erst in Licht, dann in Nichts auf. Das war alptraumhafter als jeder Alptraum. Schreien konnte ich aber erst wieder, als die Jungen aus unserem Hinterhof meine Angst vor Knall-körpern spitzgekriegt hatten und so taten, als wollten sie die Biester auf der Stelle in die Luft gehen lassen, worauf ich jedesmal hereinfiel, auch im heißesten Sommer.
Früher war das alles nicht so schlimm, als die Großmutter mir noch Märchen erzählte, da starb Schneewittchen nach einem Apfelbiß und lag doch unverwest im Glassarg, so weiß wie Schnee und rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz, und wurde wieder le-bendig. Nun aber war die Großmutter nicht mehr zu Hause, vom Krankenhaus kam sie ins Sanatorium und dann ins Krankenhaus zurück, ihr drohte in der Tat der Tod und machte seine Drohung bald auch wahr. Da mußte ich doch lesen lernen, damit mir die Märchen nicht verloren gingen! Natürlich, die Mutter sagte, das sei nicht so wichtig, denn Märchen seien nicht wirklich. Sicher hatte sie recht, die Großmutter wurde nicht mehr lebendig, weil wir in der Wirklichkeit und nicht im Märchen leben. Und dennoch: warum gibt es denn in der Wirklichkeit so viele Dinge, die nur mit Hilfe von Märchen zu verstehen sind? In unserem politischen Haus, da herrschte nicht das große deutsche Schweigen, von der Judenvergasung erfuhr ich schon, als ich drei Jahre alt war. Das sollte wirklich sein? So große Schrecken gehörten doch zur Welt der Märchen, zu den feuerspeienden Drachen und kinderfressenden Hexen! Aber in den Märchen ging doch immer alles gut aus, und in der Wirklichkeit fast nie! Gingen alle Märchen immer gut aus? Oder nur, wenn mir die Großmutter sie erzählte? Denn was ich las, ging nur meistens gut aus, manchmal war es aber so schlimm wie die Wirk-lichkeit, wenn da etwa das Katherlieschen in der Gegend irrte und nicht mehr wußte, wer sie war, und wenn die Räuber eine Jungfrau in ihr Waldhaus schleppten, die ach so sehr klagte und schrie, dann gaben sie ihr weißen, gelben und roten Wein zu trin-ken, davon zersprang ihr das Herz, da rissen sie ihr die feinen Kleider vom Leib und zerhackten sie in viele Stücke und streuten Salz darüber...
Ja, das war nur ein Märchen, und doch schien es so wirklich, vor allem damals, als die Caritas-Opferwoche begann. Was Caritas war, das wußte ich gut: ein weibli-cher Vorname, selten zwar, aber immerhin vorhanden. Und was Opfern war, das wuß-te ich auch: das, was man mit den Prinzessinnen machte, wenn man sie dem Drachen vorwarf. Wie erschrak ich da, als ich auf einer Litfaßsäule mitten in der Stadt ein Plakat von dieser Opferwoche entdeckte, da sah man ein großes Photo von einer Frau in ärmlichen Kleidern, die traurig den Kopf hängen ließ. Das war also die Caritas! Kein Wunder, daß sie so traurig ausschaut, wenn sie schon bald dem Drachen vorge-worfen und vielleicht sogar zuvor zerhackt und mit Salz bestreut wird! Und die Er-wachsenen lassen das zu! Aber sie haben ja auch die Juden vergast und Bomben ge-worfen- sie sind doch zu allem fähig!
Deshalb kann man der Wirklichkeit auch nicht trauen. Sie mag sich noch so wirklich geben - es geht in ihr doch wie im Märchen zu, wenn auch leider meist mit schlech-tem Ende. Gerade darum waren für mich die Kreuzworträtsel in der Rundfunkzeit-schrift die spannendste Lektüre. Dabei wußte ich überhaupt nicht, warum sie Kreuz-worträtsel hießen. Gewiß: da fand sich bei jedem dieser Rätsel ein großes Viereck, das aus vielen kleinen, bald schwarzen und bald weißen Vierecken zusammengesetzt war -aber was hatte das mit irgendwelchen gekreuzten Wörtern zu tun? Mich interes-sierte das freilich wenig, weil mich an solchen Rätseln das in Bann hielt, was ich verstand. Und das war vor allem das eine: da standen Zahlen, und hinter diesen Zah-len standen Wörter, und da gab es andere Wörter, die dasselbe wie diese Wörter be-deuteten. Die mußte man erraten, und wenn man sie nicht erriet, dann mußte man eine ganze Woche lang warten, bis man die anderen Wörter gedruckt lesen konnte. Und deshalb waren diese Kreuzworträtsel wie Fortsetzungsthriller für mich, denn das meiste erriet ich ja nicht. So durfte ich eine ganze Woche lang nicht wissen, was die Wörter insgeheim im Schilde führen, was sie für unbekannte Schattenseiten zeigen. Das war ja manchmal noch ganz harmlos, wenn sich das SELTEN etwa zum RAR verknappte oder die LAST so schwer wurde, daß aus ihr eine BÜRDE entstand. Auch die Flüsse in Sibirien und die noch so rätselhaften griechischen Göttinnen konnten mich nicht schrecken.
Doch es blieb nicht immer so. Eines Tages las ich mitten unter lauter gewöhnlichen Wörtern „GEISTESBLITZ“. Ja, da stand es, unübersehbar: “GEISTESBLITZ“. Das hat-te mir gerade noch gefehlt. So ein Wort schlug ein wie eine Bombe, und die Wörter ringsum, schon ohnehin grau, wurden vollends zu Asche. Natürlich wußte ich, was ein Geistesblitz war: die gezackten Strahlen, die von einem Geist ausgingen, wenn er spukte. Zwar sagte die Mutter, es gäbe keine Geister. Aber wer weiß, ob sie recht hat? Wenn es schon Drachen gibt, die traurige Frauen namens Caritas fressen, dann war das mit den Geistern auch nicht so gewiß. Und wenn nun schon der Blitz, der von dem Geist ausging, mehr als nur einen Namen hatte, und eine Zeitschrift für Er-wachsene nach diesem Namen suchen ließ, dann war es mehr als wahrscheinlich, daß es den Geist gibt. Aber wenn es ihn gibt, dann kann er auch wirklich spuken! Und vielleicht sogar bei mir!
Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Nachts im Traum erschien mir der Geist, mit einem feisten, schweinchenartigen Leib aus weißem Licht, er grinste dreist und gemein und hatte keine Ohren, sein Kopf lief spitz zu wie der Kopf der Flammentiere aus der Innenstadt zur Weihnachtszeit, und setzte sich fort in zuckenden Blitzen. Auch als ich schweißgebadet aufgewacht war, ging der Geist noch nicht ganz weg, unsichtbar blieb er all die Tage neben mir bis zum unerträglich spannenden Moment, in dem ich in die neue Rundfunkzeitschrift blickte.
Und was stand da? Ja, was? Ich traute meinen Augen kaum: „IDEE“. Das war so blöd, daß es den Geist für immer verscheuchte, was mich hätte freuen müssen, aber nur enttäuschte. Typisch Erwachsene, dachte ich. Immer machen sie die langweiligsten Dinge durch gruselige Wörter spannend, man denke nur an den kalten Krieg. Daß der heiße Krieg, der eben gerade vorbei war, nur ausbrechen konnte, weil einige gespens-tische Köpfe ihre Geistesblitze, ihre eigenen Ideen zu ernst genommen hatten, wußte ich damals noch nicht. .


Einstell-Datum: 2009-04-04

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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