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Die großen und kleinen Ausraster des Till Eulenspiegel
Autor: Dominic Memmel · Rubrik:
Humor & Satire

Die großen und kleinen Ausraster des Till Eulenspiegel


Laus

Das hätte sie nicht sagen sollen, nein. Diese aufgeblasene, polierte, spitzgesichtige Alte! Ich muss sie Alte nennen, denn sagte ich Frau, würdest Du, geneigter Freund, Mensch implizieren. Mensch nach heutigen Maßstäben. Doch diese spezielle Unter- oder besser Abart des Homo sapiens sapiens, dem besonders weisem, klugen Menschen, der auch diese Alte offensichtlich angehört, ist weder weise noch klug. Weisheit gibt es ohne Klugheit nicht und Klugheit fußt auf einen offenen, wissbegierigen Geist. Doch diese Leute wissen nichts, sie sind dumm. Werte werden gern mit Orden gleichgesetzt, Ehrenhaftigkeit mit Ehrenämtern (die man sich einfach nimmt wie die Erdnuss aus dem Schälchen - und dorthin, in den eigenen Rachen, steckt, wo sie niemand außer man selbst oder dem Arzt oder der Zeit wieder hervorholen kann.) Ein Amt gleicht dann der Größe des Charakters, der Kraft des Geistes, dem Weg zu den Göttern und der eigenen Gottähnlichkeit. Sei’s Baal, sei’s Isis, sei’s Osiris, wie menschenähnlich sie doch sind! Ein Mensch also kann auch für sich die Göttlichkeit behaupten. Je symbolhafter sein Denken wird, desto mehr Symbole wird er finden – oder sie – und steht dann eines Tages vor dem eigenen Landhaus im griechischen Stil, hat Untergebene und eine untergebene Familie, und ist: Zeus! Zumindest Hera, die Gattinen-Schwester, oder Hephaistos, Vulcanus meinetwegen - da sähe dann das Landhaus aber anders aus.

Wie eine Hera in Stein gemeißelt stand das Wesen vor mir, in eine wallende Robe gehüllt, deren Falten unbewegt und ebenfalls wie gemeißelt waren. Sie lächelte, aber können Gesichter aus Stein wirklich lächeln? Oh nein, sie glaubte es, doch sie zeigte nur ihre angespitzten Zähne und das Gift in ihrem Schlund. Sie fand mich interessant, die Hera, sicherlich nur sexuell, denn sie wurde von ihrem Mann in dieser Hinsicht nicht beachtet. Eine wohlbekannte Tatsache. Eine ihrer vielen Falten brauchte dringend Füllung. Sie lächelte und beugte sich sehr nahe, ihr Atem, heiß und tot zugleich, vergiftete mein Ohr, als sie sagen wollte: „Jüngling, kennt Ihr schon die Gemächer dieses Hauses?“ Doch sie stockte bei „...Gemächer...“ und ihr Lächeln schwand und sie stand dann wieder aufrecht und sagte, was sie nicht hätte sagen sollen... stumpf ist doch die Empathie bei diesen Leuten, der Rasse Homo Arroganz und Überheblichkeit. Sie reden mit einer Zunge wie ein brennendes Schwert und trotzdem denken sie nicht an Verwundbarkeit. Sie haben ein Bild ihres Gegenüber und das sehen sie an. Das Gegenüber selbst interessiert sie nicht.

Dann war sie verschwunden, der Hera-Hai war ins olympische Meer getaucht. Ab und an tauchte ihr Gesicht im Ozean der Gesichter auf und sprach allein durch seine Anwesendheit von den vielen Lebenden, die es zu Leichen gemacht hatte und über die es, nach dem ehrenvollen Raub, geschritten war. Viele Leichen. Einer solchen Person seien die Leichen ihrer Kinder zuzutrauen. Und wenn nicht die, dann trägt sie doch die Mitschuld an der Schlechtigkeit der Welt und läuft damit dann über ihrer Kindeskindeskinder Leichen. Alle sind hier so, es ist ein Ball, ein festliches Ereignis auf Schloss Rosenquarz. Ja, und ich, Till Eulenspiegel, wollte Schabernack treiben, mit diesen verendeten Seelen. Nicht den Spiegel vorhalten, wofür Ihr mich ja so nennt, wie Ihr mich nennt, denn diese Leute sind vollkommen blind für die Magie. Ein Spiegel ist der Volkswagen in der Magie: er ist für jeden zu haben und doch wirkungsvoll in seiner Art. Einfach nur Schabernack, ein wenig ärgern zur eigenen Unterhaltung.

Doch sie sagte: „Ihr habt Läuse und stinkt!“

Dann habe ich sie festgebunden. Ich habe einen Floh, keine Laus – aber nur einen einzigen! Diesen Floh nenne ich Get, und er fühlt sich in warmen Gegenden des Körpers besonders wohl. Ich trage ihn hinter meinem rechten Ohr, dort hat er sich ein Nest gebaut und wartet auf Futter. Mein Ohr ist wulstig und warm. Get hat eine sehr enge Bindung zu seinem Nest, den Wirt betrachtet er als Schnellrestaurant: Get verlässt mich mit einem feinen Satz, geht speisen und kommt bald darauf wieder zurück. Get ist ein besonderer Floh. Er lebt nicht vom Blut des Wirts, er lebt vom Wahnsinn. Je wahnsinniger ein Mensch, desto nahrhafter für ihn. Er besitzt Drüsen an den Hinterbeinen, aus denen er eine kristalline Flüssigkeit aussondern kann. Diese Flüssigkeit – ich nenne sie den spastischen Extrakt – ruft Wahnsinn dort hervor, wo er sich im Hirn vergraben hat. Und glaube mir, geneigter Freund, jeder Mensch birgt Wahnsinn in sich.

Nun liegt die alte Hera schäumend in der Menge. Blut und weißer, schäumender Schleim quellen aus dem Mund. Sie schreit. Die anderen Betagten haben einen großen Kreis gebildet, sie scheinen um ihre Kleider zu fürchten, denn sie schreit und schäumt – will heißen: sie spuckt! Ihre Hände haben sind verkrampft, die Füße wollen ebenso, doch stecken sie in festem Schuhwerk. Ihr Körper scheint ein Schnappmesser zu imitieren, den Feind vis-a-vis, in der Hand eines nervösen Halbstarken in London 1976 unter einer Brücke: Schnapp – gestreckt und angespannt – schnapp – gekrümmt wie Bruder Fötus – schnapp – gestreckt und angespannt. Dabei verteilt sie blutigen Schaum, dann schreit sie vor Hass und Ekel – Ekel auf den eigenen Körper, denn der Schließmuskel versagt. Sie ruft: „Aquädukt, Ihr fröhliches Gefieder, Branntwein in das Aquädukt! Blut rein, Wasserweg aus Fleisch, ich sehe es, o Herr, im Blut da schwimmt der Branntwein...“ Schnapp – Bruder Fötus lässt schön grüßen „...argh! Nicht weinen, Mimi, nicht weinen. Papa kommt wieder und dann gibt’s Amuse-Gueule ins Maul! Ja, ja...“ Get in ihrem Hirn, feinster spastischer Extrakt, fast schon täte sie mir leid.

Doch sie sagte: „Ihr habt Läuse und stinkt!“

Läuse hatte keiner, heute nicht, nicht sie, nicht ich, und nicht Lord Rosenquarz von Düren. Jetzt hat sie einen Floh. Doch der steckt tiefer als am Haaransatz, der tobt gerade dort, wo es besonders warm und glitschig ist. Der spastische Extrakt wirkt bei ihr wunderbar, so viel Wahnsinn, so wenig Kontrolle über den eigenen Körper, Speichel läuft ihr übers Kinn, die dicken Faltenröcke sind benetzt, von innen. Ach, und Ehre wird sie nie mehr finden, unter Ihresgleichen. Sie ist nun die Attraktion, die sabbernde Nutte, die man, liegt sie endlich still, mit dem Gehstock schubst und über die vier Säfte diskutiert. „Ja, Sir Gull, da liegen sie vor uns, ganz personifiziert, die Körpersäfte. Und was sie aus einem Menschen machen können, der das Gleichgewicht verliert.“
„Sie, Sir. Die Frau.“
„In diesem Falle. Aber, so sehr Mylady unser Mitgefühl gehört, ist sie ein Exempel.“
„Würden Sie Mylady untersuchen wollen?“
„Sir Gull, in Ihrem Beisein höchst gerne!“
„Dann wollen wir mal. Einen solch vulkanhaften Ausbruch einer Indifferenz sah ich heute zum ersten Mal. Es ist ein Zeugnis medizinischer Natur, Asklepios hat uns gerufen, also sollten wir hören.“
„Ja, Sir Gull.“
„Und, Werterster, es soll die Party nicht verderben. Ein Gott hat diese Festlichkeit besucht, es gibt Grund zur Freude.“
„Sir Gull, Ihre Erkenntniskraft ist ihrem Umfeld eine Ehre. Lassen Sie mich sagen: egal, wo Sie sich befinden.“
„Ach, ich bin ein Niemand, im Dienste der Wahrheit...“

Sie ist niemand. Sie hatte einen Floh. Und – es freut mich ganz besonders dass sie stinkt!


Einstell-Datum: 2010-02-20

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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