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Eine Reise wie keine
Autor: ArnoAbendschoen · Rubrik:
Reiseberichte

Robert Walser kam aus Biel, da bist du doch auch mal gewesen? - Gewiss, an das Hotel dort erinnere ich mich, sonst an kaum etwas. Es lag an einer der Hauptstraßen im Zentrum, war gediegen und plüschig nach Schweizerart. Auf meinem Zimmer schrieb ich einen Brief, darin ein bisschen Walser imitierend. Während ich mir die Stadt jetzt vorzustellen versuche, kommt mir die gleißende Kathedrale von Solothurn in den Sinn. Vielleicht habe ich anstelle von Biel in Solothurn übernachtet und dort den Brief geschrieben? Ich weiß es nicht mehr.

Dieser Monat in der Schweiz gehört zu den seltenen Abschnitten meines Lebens, die nicht dokumentiert sind. Ich fuhr und lief damals kreuz und quer durch das Land, ließ mich vom Wetter und von Zufällen leiten. Schon die Vorgeschichte war chaotisch gewesen. Kurz vor einer lange geplanten Reise nach Wien war ein Freund dort überraschend an Aids gestorben. Ich hatte sogar geweint, nur kurz, hatte mich wieder gefasst und umorientiert.

So fuhr ich zu Ostern nach Basel. Mein Gastgeber beklagte den Puritanismus der Schweizer. Wenn es ihm einfiele, jetzt am Feiertag die Fenster zu putzen, würde gewiss irgendeiner die Polizei rufen. Wir unternahmen stattdessen eine Jurawanderung, die mir nur etwas kurz vorkam - es musste daheim noch ein Festtagslammbraten fachmännisch präpariert werden.

Am Ostermontag nach Lugano und du empfandest dasselbe wie Hermann Hesse anno 1927: freudloser Rummel am See und in den Gassen. Montagnola ließ ich rechts liegen, als ich anderntags am Hang des Monte San Salvatore nach Süden ging - mein jugendlicher Enthusiasmus für Hesse hatte schon nachgelassen. Womöglich kam ich durch Carabbia und Carona, ob ich auch im, wie man sagt, herrlichen Morcote war, ist mir entfallen. Ich sollte von Melide den Zug bis Capolago genommen haben. An die einfache, freundliche Pension in Riva San Vitale denke ich noch gern.

Vor mir türmt sich jetzt die Frage auf: War ich je auf dem Monte Generoso? Wohl doch, einmal genoss ich ja, scheint mir, diese Aussicht, die nur zu oft als grandios bezeichnet wird. Aber es kann kaum von Riva aus gewesen sein. An diesem Tag stieg ich, falls ich mich nicht irre, schon an der Station Bellavista aus und wanderte durch die grünen Hügel Richtung Mendrisio. Mir ist, als ob ich dahin zuletzt den Bus genommen hätte. Mendrisio kam mir lombardisch, nicht helvetisch vor. Nach einer Nacht dort muss ich auf einem der vielen Bergwege zum Gipfel des Monte San Giorgio gelangt sein. Mir hat sich vor allem eingeprägt, wie ein Vater seinem auf der Kante über dem Absturz hängenden Söhnchen immer wieder zurief: „Reste là, reste là!“ An diesem Tag oder an einem anderen machte ich Bekanntschaft mit einer sinnreichen Vorrichtung: Kettenhund mit langer Schiene für die Kette. Fast wäre einem so die Attacke auf mich geglückt.

War ich abends nicht in Chiasso und musste über Nacht zur Sicherheit meinen Pass an der Rezeption hinterlegen? Nichts weiter über Chiasso! Am Morgen darauf rasch nach Lugano gefahren und mit einem Bus in die Berge nördlich davon. Ein schöner Tag, von dem kaum ein Hauch von Erinnerung geblieben ist. Ich übernachtete in einem frisch renovierten Zimmer in Tesserete. Der Gastwirt war sehr stolz auf den guten Geschmack, der da gewaltet hatte. Ich machte abends Pläne für Touren in noch höhere Regionen, doch das Wetter passte anderntags dazu nicht. So flüchtete ich am Morgen ins niedrigere Malcantone, spürte im April vereinzelte Schneeflocken auf meiner Haut und zog mich, da Nordföhn war, mittags mit dem nächstbesten Schnellzug über die Alpen zurück. Und das war erst der strukturiertere Teil meiner Reise, wie war dann wohl der Rest?

Der weitere Ablauf ist im Detail nicht mehr rekonstruierbar. Zu viele und zu weit auseinanderliegende Orte, mit immer anderen Bahnen oder Bussen und oft auch zu Fuß erreicht. Ich suche im Atlas Namen, die etwas in mir wachrufen. Da ist das kleine Goldau mit dem großen Bahnhof. Vom Gasthofzimmer sehe ich, wie sich die stille Straße in der Dämmerung mit amüsierwilliger Jugend belebt. Oder Einsiedeln mit seinem Kloster wie ein Großkaufhaus des Glaubens. Pfauenschreie in einem Privatgarten im Mittelland – ist es am Sempacher See? Ich musste Murten sehen und Fribourg, Beromünster und St. Gallen, auch das Kunstmuseum in Winterthur. In dieser Stadt schob sich ein reisender Kaufmann abends am Tresen der Hotelrezeption dreist an mir vorbei, ich kann sehr nachtragend sein … Im Bahnhof von Bern spielte ich den unbeteiligten Beobachter und nahm sie doch wahr, die einzeln flanierenden Männer. Auch bei der Maifeier auf dem Thuner Marktplatz sah ich mich unter den Teilnehmern um. Am Bodensee war ich nur so lange, wie man zum Umsteigen braucht. Nach einer Nacht in Buchs, gegenüber Liechtenstein, ging ich zu Fuß rheinaufwärts bis Sargans und fuhr vielleicht von da nach Chur. Und wann stieg ich vom Berninapass ins Puschlav hinunter, damals oder auf einer späteren Reise? Als ich an der Aare war, schlief ich da in Brugg oder in Aarau? Wer das noch wüsste.

Zum Übernachten fand ich in Brienz ein hellhöriges Gründerzeithotel und im Emmental ein altes, behäbiges, ganz aus Holz, in dem große, wohltuende Stille herrschte. Es kann in Burgdorf gewesen sein, als mir beim Frühstück eine Dame auf meinen fragenden Blick hin ihr Schweizerdeutsch übersetzte: Ich habe meiner Freundin eben gesagt, ich hätte gestern gekotzt. Noch einmal kam ich ins Tessin, übernachtete in Bellinzona. Vielleicht fuhr ich erst von da zum Monte Generoso und weidete mich am spektakulären Panorama, alles zugleich im Blick, die Gebirgsmauern und die Riesenseebecken dazwischen.

Auf dieser Reise durch die Schweiz, die ich bis dahin kaum gekannt hatte, tat ich alles, was ich gewöhnlich bei Reisen für falsch halte. Später fuhr ich noch wiederholt hin und vermied es mit Bedacht. War das nun recht getan?


Einstell-Datum: 2020-12-21

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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