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Rezensionen


 
Anne Fontaine - Bolero. Die Entstehung eines Meisterwerks
Buchinformation

"Überall ist Musik! Hören sie sie nicht, hören sie sie?", meint der Komponist Maurice Ravel und führt seine Auftraggeberin, die exzentrische Tänzerin Ida Rubinstein, durch eine Motorenfabrik. Ihr Auftrag: er soll in zwei Monaten eine sinnliche Musik für ihr nächstes Ballett schreiben. Aber die Muse will ihn einfach nicht küssen und so schwelgt er in Erinnerungen bis ihn ein Zufall zum Ziel führt: Bolero!

Boléro: die Geschichte der Entstehung eines Skandals

Als "Boléro" 22. November 1928 in der Pariser Oper unter der Leitung von Walther Straram und in der Choreographie von Bronislava Nijinska mit der Tänzerin Ida Rubinstein uraufgeführt wurde, kam dies einem Skandal gleich. Die damals schon 43-jährige Rubinstein tanzte als einzige Frau in einem Kreis von 20 jungen Tänzern und eine Zuschauerin rief „Hilfe, ein Verrückter!“. Der sich langsam steigernde Rhythmus einer eigentlich einfachen Melodie mit Ostinato-Rhythmus im 3/4-Takt bis hin zur Kulmination wurde für viele als Metapher für den Geschlechtsakt (ständiges Crescendo) missverstanden. Allerdings sprach auch die Länge (17min) dafür. Und natürlich die erotischen, lasziven Bewegungen der Rubinstein. Zeit seines Lebens hatte Ravel wenig Verständnis für sein eigenes Musikstück und bezeichnete es als "Orchesterstück ohne Musik". Als Arturo Toscanini es aufführte antwortete er auf Ravels Vorwürfe: „Sie haben keine Ahnung von Ihrer Musik. Das ist die einzige Möglichkeit, damit Ihre Musik überhaupt ankommt!“ Die Regisseurin Anne Fontaine macht sich in ihrem Spielfilm auf die Suche nach der Entstehungsgeschichte des wohl berüchtigsten Musikstückes der Zwanziger Jahre. Knappe 100 Jahre später wird deutlich, dass Maurice Ravel seiner Zeit weit voraus war.

Die Geräusche der Begierde

"Haben Sie schon einmal von Jazz gehört?", frägt ihn seine Begleitung, Misia Sert, für die Ravel zärtliche Gefühle hegt, denen er aber nicht nachgibt. Sert war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Muse, Freundin und Fördererin zahlreicher namhafter Künstler in Paris und wurde u.a. auch von Proust und Cocteau, auf einem Plakat von Toulouse-Lautrec für die Zeitschrift La Revue blanche und auf einigen Ölgemälden von Renoir, Félix Vallotton und Édouard Vuillard porträtiert oder verehrt. Der als sinnenfeindlich porträtierte Ravel berührte sie nie und huldigte ihr stattdessen durch seine Musik oder in einer Szene in der er eine Prostituierte besucht. Aber nicht um sie zu verführen, sondern um sie zu bitten, die Satinhandschuhe, die die Sert in seiner Kutsche vergaß, anzuzuziehen: langsam, ganz langsam. Dass auch daraus oder einem Wassertropfen eines undichten Wasserhahns schlussendlich Musik entstehen kann, zeigt "Bolero", der Film. "Sie sprechen mir von Vulgarität! Dabei verwandeln sie mein Ballett in ein Bacchanal, eine babylonische Hure!", spricht Ravel entsetzt über die Generalprobe der Rubinstein mit seinem Stück. "Nicht das Ballett ist unerträglich, es ist meine Musik", meinte er nach der Uraufführung.

Hommage an ein zeitloses Stück Musikgeschichte

Wie groß der Einfluß Maurice Ravels auch auf die Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt auch die Liste der Interpreten und Huldigungen. "Child in Time" von der Rockgruppe Deep Purple wäre da ein Anspieltipp, aber auch andere Werke von Frank Zappa, The Rolling Stones, Colosseum, Jeff Beck, Jean Michel Jarre, Pink Martini, Emerson, Lake and Palmer, King Crimson, Tarja Turunen und Godspeed You! Black Emperor oder Rufus Wainwright uvam. Am 7. März 2025 hätte er seinen 150. Geburtstag gefeiert, aber er lebt weiter in den Werken seiner Interpreten, auch im 21. Jahrhundert: 2002 platzierte SYMPHONIC mit einer Techno-Version die deutschen Charts auf 30. Angélique Kidjo, eine beninisch-französische Sängerin, spielte 2007 mit Lonlon (Ravel’s Bolero) eine Interpretation ein, in der die ursprüngliche Instrumentierung weitgehend durch A-cappella-Gesang ersetzt wurde. 2008 folgten die Musiker Moritz von Oswald und Carl Craig im Rahmen der ReComposed-Reihe mit einer weiteren Neu-Interpretation des Boléro. Gewinnspiel: Wer an den Autor dieser Zeilen oder die Redaktion schreibt, kann eine von drei DVDs des hier rezensierten Filmes gewinnen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Es gewinnt, wer einen Satz zum Thema verfasst oder seine Meinung ausdrückt. Viel Glück!

Anne Fontaine
Bolero. Die Entstehung eines Meisterwerks
Mit Raphaël Personnaz, Doria Tillier, Jeanne Balibar
Sprache: Deutsch und Französisch
2025, Spielfilm 1 Stunde und 56 Minuten, FSK 6
EAN 4042564248432
X-Edition

https://www.x-verleih.de/filme/bolero/

[*] Diese Rezension schrieb: Juergen Weber (2025-06-26)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.


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